Meldungen von der Schweinemarktkrise

Marktbeobachtungen von Hugo Gödde

Die schlechten Nachrichten für die Schweinehalter nehmen kein Ende. Schon die Ergebnisse der Viehzählung haben die drastische Situation verdeutlicht. Jetzt senkt der Einzelhandel noch die Fleischpreise, was sicherlich die Erzeugerpreise nicht unbeeindruckt lässt. Die Futterkosten sind weiterhin (zu) hoch, wenn auch zurzeit leicht gesunken. Zu allem Ärger kommen noch neue ASP- Fälle in Niedersachsen und Uckermark dazu. Außerdem hat der Bundesrat die Erweiterung der „roten Gebiete“ für Gülle usw. beschlossen – ein Hauptanstoß für die heftigen Proteste vor fast drei Jahren. Und im Bundeshaushalt ist der Umbau der Tierhaltung nicht entsprechend seiner Bedeutung privilegiert berücksichtigt.

Die Bundesregierung bzw. das Landwirtschaftsministerium sollten sich nicht wundern, wenn ihnen ein heißer Agrar-Herbst bevorsteht, meint der Marktbeobachter.

Fleischpreise gesenkt – kein Grund zur Freude

Ein Jubel ging letzte Woche durch den Medienwald. Selbst die Titelseiten von Bild bis zu den Regionalzeitungen wurden damit aufgemacht: Aldi senkt die Frischfleischpreise auf breiter Front und Edeka und andere zogen gleich nach. Der Preis für gemischtes Hack – quasi die Leitwährung – sinkt von 4,59 auf 3,99 €/kg, Rindersteak von 27,99 auf 24,99 €/kg. Laut dem Discounter gebe man nur die wegen der Überproduktion gesunkenen Einkaufspreise weiter. Damit wolle man die Kaufkraft ankurbeln, weil die Absätze wegen der gestiegenen Lebensmittelpreise zuletzt stark gesunken seien.

Während die Rinderpreise im April/ Mai tatsächlich gesunken sind, stagnieren die Schweinepreise seit Monaten auf einem bedrohlich niedrigen Niveau. Weiterhin legen die Schweinehalter bei jedem Schwein Geld dazu. 

Für die Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN) haben generelle Senkungen eine „verheerende Signalwirkung“. Dass es ausgerechnet Edeka zuallererst sei, wundere ihn angesichts seiner bisherigen Erfahrungen jedoch wenig, erklärte Geschäftsführer Staack. Gerade Edeka-Chef Mosa wolle sich als Inflationsbremse profilieren und habe der „Macht der Hersteller und ihren ungerechtfertigten Forderungen“ den Kampf angesagt, schreibt die Lebensmittelzeitung. Staack räumte zwar ein, dass die Fleischläger aktuell voll seien und das Angebot an Fleisch reichlich. Daher könne er sich temporäre
verkaufsfördernde Aktionen im Lebensmitteleinzelhandel (LEH) vorstellen. Andere Branchenkenner sehen in der Maßnahme eine Demonstration der Handelsmacht. Gerade nachdem sie in letzter Zeit eher durch Preiserhöhungen z.B. für Milch, Nudeln, Öl in die Schlagzeilen geraten waren, solle jetzt ein Zeichen an die verunsicherten Konsumenten gesendet werden. 

So soll Brancheninsidern zufolge den Lieferanten eine Preisvorgabe gemacht worden sein, die sie innerhalb eines Tages anzuerkennen hätten, wenn sie nicht Lieferkürzungen hinnehmen wollten. Umgerechnet auf den Schweinepreis führt dieses generelle Absenken des Frischfleisches zu einem weiteren Rückgang von ca. 20 Euro pro Schwein.  

Das Verhalten dieser Händler führe aber auch alle Dialogformate z.B. in der ZKHL (Zentrale Koordination Handel-Landwirtschaft) zwischen der Landwirtschaft und dem LEH ad absurdum, so ISN-Vorsitzender Dierkes. Man müsse sich nun ernsthaft fragen, welchen Sinn diese noch hätten und ob die Gespräche inzwischen nur noch eine Hinhaltetaktik des LEH sei, „um unsere Schlepper von ihren Zentrallägern fernzuhalten.“

Kein Geld für laufende Umbaukosten im Bundeshaushalt

Der Haushaltsentwurf der Bundesregierung sieht in 2023 für Tierhaltung 150 Mio. € vor. Damit ist die erste Tranche der für die gesamte Legislaturperiode vorgesehenen Milliarde für den Umbau der Tierhaltung auf 15% des Gesamtvolumens begrenzt. Sie sind in der Gemeinschaftsaufgabe „Verbesserung und Agrarstruktur“ (GAK) für die Förderung von Investitionen aufgelistet. Weitere Mittel für den Umbau der Tierhaltung, z.B. als Einstieg in die Unterstützung der laufenden Kosten sind im Haushaltungsentwurf nicht vorgesehen. Für die Tierhaltungskennzeichnung (Öffentlichkeitsarbeit?) sind 8 Mio. € eingestellt.

Überhaupt sind erhebliche Kürzungen in der GAK vorgesehen, während das Bundesprogramm Ökolandbau auf 35,9 Mio. € aufgestockt wird.

Jetzt auch noch ASP in Niedersachsen

Als ob es nicht schon genug Schwierigkeiten gäbe - jetzt kommt auch noch die Afrikanische Schweinepest im Emsland/ Niedersachsen, einer intensiven Schweineregion dazu. Der Bestand eines Betriebes wurde getötet, ein anderer, der Ferkel von ihm bezogen hat, ebenfalls, obwohl dort gar keine ASP festgestellt wurde. Insgesamt wurden bereits 3600 Tiere „gekeult“, wie es in der Veterinärsprache heißt. In der Beobachtungszone leben 200.000 Schweine, die aktuell mit Verbringungsverbot belegt sind. Die Behörden versuchen alles, um die „Stand-still“ Zeit von 90 Tagen zu verkürzen. In der Schutzzone von 3 km werden alle Betriebe kontrolliert, in der Überwachungszone von 10 km möglichst viele, um einen Überblick über ein mögliches Seuchengeschehen zu bekommen. Die Untersuchungsergebnisse sollen, so Kreisveterinär Kramer in top agrar, genutzt werden, um der Bundesregierung gute Argumente zu liefern, dass sie bei der EU die Verkürzung erreicht. Er appelliert an alle Betriebe, die Hygienevorschriften strengstens einzuhalten, die Vorsorgemaßnahmen zu intensivieren und die Bestandsbücher und andere Dokumente sorgfältig zu führen.  

Auch wenn bisher das Seuchengeschehen auf diesen einzelnen Betrieb begrenzt werden konnte, hat es schon Auswirkungen auf den Schweinemarkt – noch nicht auf den Preis oder Absatz. Aber alle Schlachtbetriebe, die in bestimmte Länder wie Kanada ausführen wollen, dürfen in dem entsprechenden Schlachtbetrieb keine Tiere aus der betroffenen Region schlachten, ohne ihre Exportlizenz zu riskieren. Außerdem sind die Exporte nach Südkorea gefährdet, die gerade erst durch ein Abkommen für ASP-freie Regionen gelockert schienen.

Abbau der Schweinezahlen ist Realität

In der agrar- und klimapolitischen Diskussion wird sehr häufig die Notwendigkeit des Abbaus der Tierzahlen gefordert. Greenpeace drängt auf eine Reduktion von 50% und manche Politiker der Fraktion der Grünen im Bundestag schließen sich an. Strittig ist der Ausgangszeitraum. Nimmt man aus Klimaschutzgründen den Beginn der Erhöhung der Erderwärmung, würde man vielleicht mit 1960 oder auch 1970 vergleichen. Orientiert man sich am kritischen CO2-Ausstoß wie in anderen Bereichen, wäre 1990 eher die Bezugsgröße.

Inzwischen sind die Zahlen der Viehzählung vom Mai 2022 vom Statistischen Bundesamt veröffentlicht. Demnach wurden rund 22,29 Mio. Schweine gezählt. Das entspricht etwa dem Schweinebestand von 1990. Dieser Bestand einschl. der Neuen Bundesländer reduzierte sich Anfang der 1990er Jahren dramatisch und stieg dann in den folgenden 20 Jahren kontinuierlich an. Höchststand war 2014 mit 28,34 Mio. Schweinen. Seitdem wurde der Bestand um 27% zurückgefahren, allein seit Mai 2021 um 10%.

Ein noch drückenderes Bild zeigt sich bei den Sauen. Seit 1990 (knapp 3 Mio.) sind die Mutterschweine über 2,7 Mio. (2000) und 2,23 (2010) auf 1,5 Mio. abgebaut worden. Das bedeutet eine Halbierung gegenüber dem Beginn der deutschen Einheit und 60% des Bestandes vom Beginn des Jahrhunderts.

Bei den schweinehaltenden Betrieben kann man festhalten, dass ihre Zahl sich in den letzten 20 Jahren auf 17.900 halbiert hat. Demzufolge hält heute ein Mäster im Schnitt 1250 Schweine und ein Ferkelerzeuger 250 Sauen – fünfmal bis sechsmal so viel wie 1990.

Übrigens: Auch die Schlachtzahlen haben sich stark verringert. Wurden 2011 bis 2016 jeweils fast 60 Mio. Schweine jährlich geschlachtet, werden in diesem Jahr etwa 48 Mio. Schlachtungen erwartet – ein Minus von 20%.