Marktbeobachtungen von Hugo Gödde +++ Eigentlich ist der Schweinemarkt zurzeit im relativen Gleichgewicht. Zwar streiten die „grüne“ (landwirtschaftliche) und die „rote“ (Schlachthof) Seite jede Woche um den aktuellen Erzeugerpreis, aber die Turbulenzen der Zeit von Corona bzw. Afrikanischer Schweinepest (ASP) 2020/2022 sind aktuell ein Stück weit entfernt. Auch der derzeitige Wildschweinepestausbruch in Hessen/Westfalen ist relativ unter Kontrolle, solange er sich nicht auf Hausschweine ausweitet. Dennoch ist der „Strukturwandel“, d.h. die Aufgabe von schweinehaltenden Betrieben weiterhin voll im Gange – und es ist kein Ende abzusehen. Strategisch geht es um die Frage Abbau, Ausstieg oder Transformation.
Drastisch sinkende Betriebs- und Tierzahlen
Die aktuellen Zahlen der Viehzählung vom Mai und eine Umfrage der Interessengemeinschaft Schweinehalter Deutschland (ISN) haben die Diskussion wieder angeheizt. Die deutschen Viehbestände schrumpfen weiter. Und immer mehr Betriebe geben die Tierhaltung ganz auf. In den letzten 10 Jahren haben 41 % der Schweinehalter, das sind 10.550 Landwirte, ihre Schweinehaltung aufgegeben. Übrig geblieben sind 15.220 Betriebe. Die Tierzahl ist weniger stark geschrumpft, „nur“ um 25% auf gut 20 Mio. Schweine, weil die Viehbestände pro Betrieb größer wurden. Die Schweineschlachtungen sanken von 59 Mio. (2014) auf 44 Mio. im letzten Jahr – minus 34%. Die gestiegenen Schweinepreise der letzten drei Jahre haben den Sinkflug abgebremst, aber die Hauptfrage nicht beantwortet: Wie geht es weiter? Die Ratlosigkeit ist groß, die Verständnislosigkeit wächst und die Zukunftsinvestitionen bleiben aus. Fakt ist erst einmal, dass der Schweinefleischkonsum in Deutschland/EU tendenziell weiter sinkt und der Export schwierig bleibt und keine Lösung darstellt.
Sauenhaltung mit Riesenproblemen
Besonders die Sauenhalterinnen und Sauenhalter sind von der Krise betroffen. In den letzten 10 Jahren ist die Zahl der Sauen von 2,1 Mio. auf 1,4 Mio. Tiere gesunken (-33%), gegenüber 2004 reduzierte sich die Zahl um 43%, d.h. der Abbau hat sich beschleunigt. Die Betriebszahlen haben sich halbiert - auf ca. 5.000 gegenüber 2014. Die heimische Produktion erbringt etwa 80%. Ohne Import von Ferkeln aus Dänemark und Holland läuft in den Hauptproduktionsgebieten im Norden und Westen wenig. Dieser Sauenabbau vollzieht sich in der gesamten EU (außer Spanien), ist also kein deutsches Phänomen. Trotzdem schlägt die Dramatik (noch) nicht so durch, weil die enorm erhöhte Fruchtbarkeit (Ferkelzahl pro Sau) den Ferkelabbau bremst.
Aber die 2021 von CDU/SPD in Kraft gesetzte Änderung der NutztierVO ändert die Situation kurz- und mittelfristig grundlegend. Die VO verschärft die Auflagen beim Deckzentrum (Flächen, Stallaufteilung), die in den nächsten vier Jahren erfüllt werden müssen. Hier zeichnet sich bereits ab, dass kein geringer Teil (wieviel?) der Ferkelerzeuger die Auflagen zum Anlass für einen Ausstieg nehmen wird. Selbst die Betriebe, die diesen Umbauschritt noch mitgehen werden, müssen sich danach der drastischen Hürde der Abschaffung des Kastenstands in der Abferkelbucht stellen, die bis 2036 zu erfolgen hat. Diese Auflage erfordert für den weitaus größten Teil der Betriebe (ca. 90%) einen kompletten Produktionswechsel, der mit einem hohen Investitionsaufwand und danach mit deutlich erhöhten laufenden Erzeugungskosten verbunden ist. Ohne begleitende politische oder wirtschaftliche Maßnahmen ist ein Strukturbruch nicht zu verhindern. Dafür ist bisher nichts abzusehen – außer dem Bundesprogramm für Tierhaltung, dass aber nur für hohes Tierwohl (ab Stufe 3) und einen sehr begrenzten Marktanteil (ca. 2-5%) gilt.
Sauenhaltung auf der Kippe
Lohnt sich unter diesen Umständen für den einzelnen Betrieb eine Fortführung der Ferkelerzeugung bzw. eine Investition in die Zukunft? Diese Frage hat die ISN in einer Umfrage unter Schweinehaltern gestellt. Sie ist nicht repräsentativ, an ihr haben auch eher größere Betriebe teilgenommen. Trotzdem „vertreten“ die teilnehmenden Sauenhalter etwa 9% des deutschen Bestandes (ca. 5% der Betriebe). Im Ergebnis analysiert die ISN, dass die Sauenhaltung in den nächsten 10 Jahren „auf der Kippe steht“ und eine Ausstiegswelle befürchtet wird. 56% der Betriebe wollen weitermachen, 21% in den nächsten zehn Jahren aufhören, während 23% „noch unklar“ sind. Damit übertrifft die voraussichtliche Ausstiegsquote erheblich die Absichten bei den Mästern. Vor allem die mittelgroßen Betriebe mit 200 bis 300 Sauen (bundesweiter Durchschnitt liegt bei etwa 250) haben laut ISN einen Aderlass zu erwarten. Sie können eine (auch geförderte) Neubauinvestition nicht stemmen, aber sie sind für eine pragmatische Umbaulösung unter Nutzung von Altgebäuden zu groß. Laut Umfrage können und wollen viele Betriebe angesichts der unsicheren Perspektiven dieses Risiko nicht auf sich nehmen.
Politische und wirtschaftliche Unterstützung dringend notwendig
Zu den unklaren Marktaussichten (Haltungs-, Herkunftskennzeichen für Ferkel?) reihen sich noch Planungs- und Genehmigungshürden (Verlässlichkeit, Dauer) ein. Zudem drohen unkalkulierbare Risiken durch ASP-Ausbrüche und eine mangelnde Verfügbarkeit von Arbeitskräften. Das sehr berechtigte Fazit der ISN: „Vor allem Sauenhalter brauchen dringend Unterstützung durch die Politik!“
Aber auch die Wirtschaft wird mehr leisten müssen. Der aus Geldern des Lebensmittelhandels gespeisten Ferkelfonds der Initiative Tierwohl (ITW), durch den ITW-zertifizierte Ferkel zwischen 3,50 und 4,50 € je Ferkel subventioniert werden, reicht bei weitem nicht aus.
Der Marktbeobachter sieht dringenden Handlungsbedarf bei der Sauenhaltung, um die betriebliche Unsicherheit der Erzeuger nicht zu verlängern und die Branche nicht noch stärker vom Import abhängig werden zu lassen. Dazu gehört die unverzügliche Einbeziehung der Ferkel in die staatliche Tierhaltungskennzeichnung ebenso wie die Stützung und Kontrolle der heimischen Herkunft. Aber auch das wird den Strukturbruch nicht verhindern, allenfalls verringern. Eine tierwohlgerechte Bauförderung und eine praxistaugliche Änderung von Bau-, Genehmigungs- oder Immissionsrecht stehen an, ohne Tierschutz oder Klimaschutz zu vernachlässigen. Und letztlich wird man auch noch über die beschlossene NutztierVO zur Abferkelung nachdenken müssen. Das erfordert aber eine selbstkritische Aufarbeitung. Schließlich haben Bauernverband und ISN unter dem Eindruck des „Magdeburger Urteils zum Kastenstand“ der Verschärfung der Auflagen in CDU-Regierungszeiten entscheidend zugestimmt. Daran kann sich mancher nicht mehr erinnern.
