Marktbeobachtungen von Hugo Gödde +++ Was haben E- Autos mit Schweinefleisch zu tun? Auf den ersten Blick eigentlich wenig, aber inzwischen setzt sich die Erkenntnis durch, dass auch die landwirtschaftliche Produktion in internationale Konflikte einbezogen und Teil der Handelskriege werden kann. Aktueller Anlass ist die Einleitung einer Anti-Dumping-Untersuchung Chinas gegen Schweinefleisch aus der EU. Dabei wird untersucht, ob die Staaten der EU wettbewerbsverzerrende Subventionen an Tierhalter bzw. die Fleischindustrie zahlen und damit gegen Wettbewerbsrecht verstoßen, was Einfuhrzölle begründet könnte. Solche Zölle wären eine Replik auf die Ankündigung der EU, ab Juli Strafzölle bis zu 38% für chinesische E-Autos zu erheben, wie es die USA bereits zu 100% praktiziert. Gerechtfertigt werden die Zölle durch (angebliche/tatsächliche) unfaire Subventionen der Chinesen für ihre E-Auto-Produktion. Ein Handelskonflikt in einem Sektor treibt sich hoch und andere Bereiche werden in Mitleidenschaft gezogen – so entstehen Handelskriege.
Da nützen auch die (scheinbaren) Erfolge der Diplomatie während des Kanzlerbesuchs nichts. Rindfleisch und Äpfel sollen leichter eingeführt werden können. Aber für Deutschland geht es dabei um Mini-Mengen ohne Relevanz für den Handel.
China ist globale Spitze bei Agrarimporten
EU-Agrarausfuhren würden von solchen Maßnahmen erheblich getroffen. Denn der China-Export von Schweinefleisch und Milchprodukten, die nach Berichten chinesischer Medien auch einbezogen werden könnten, betrug 2023 etwa 7 Mrd. Euro. Überhaupt spielt das Reich der Mitte für den internationalen Agrarhandel eine überragende Bedeutung. Chinas Importanteile lagen in den letzten drei Jahren für Soja bei 60%, für Rindfleisch bei ca. 35% und für Schweinefleisch bei ca. 25% am globalen Handel. Gemessen an der gesamten Milchproduktion ist der Handel zwar begrenzt, aber an den weltweiten Importen von Vollmilchpulver (50%), Magermilchpulver (25%), Butter (20%) und Käse (10%) führt China mit Abstand das Ranking an. Und die EU ist führend im Milchexport vor Neuseeland und den USA. Daher könnten Maßnahmen aus Peking ein Erdbeben auf den Agrarmärkten auslösen.
Europas Schweineexporte und ihre Abhängigkeit von China
Die Zollüberlegungen beziehen sich zunächst auf den Handel mit Schweinefleisch. In diesem Sektor haben sich in den letzten fünf Jahren drastische Veränderungen zugetragen. Durch den Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest (ASP) im Schweineland China (50% der Weltproduktion) starben bzw. wurden etwa 150 bis 200 Millionen Schweine getötet. Dadurch brach die Versorgung ein und die Importe schnellten empor. Von Anfang 2020 bis Sommer 2021 stiegen die Einfuhren auf 1,5 Mio. Tonnen – pro Quartal. Sechs Mio. Tonnen in 2020 entsprechen je nach der Berechnung von Fleischanteilen etwa 100 Mio. Schweinen, die zu Höchstpreisen nach China exportiert wurden. Schlachtkonzerne und Exporthändler fuhren sowohl für gekühltes/gefrorenes Fleisch und als auch für die in China beliebten Nebenprodukte (Pfoten, Schwanz, Kopf o.ä.) Riesenprofite ein.
Für alle Branchenkenner überraschend konnte das Land recht schnell seine Produktion wieder aufbauen. Bis 2023 halbierte sich die Einfuhrmenge und im ersten Quartal 2024 reduzierte sie sich weiter um ein Drittel – und das allein beim Fleisch, das um 75% eingebrochen ist, während sich die Nebenprodukte weiter um 275.000 t je Vierteljahr bewegen. Da die EU immer noch der größte Lieferant ist, hat der Rückgang schon heute drastische Auswirkungen auf den europäischen Schweinemarkt, was sich besonders in Holland und Dänemark mit ihren quasi-monopolistischen Genossenschaftskonzernen Vion und Danish Crown niederschlägt, die auch durch den Rückgang des (lukrativen) Exports in ökonomische Schieflage geraten sind.
Bis zum Herbst 2020 waren die deutschen Schlachtkonzerne und Fleischhändler Nr. 1 im China-Geschäft. Durch die ASP in mehreren Bundesländern wurden die Geschäftsbeziehungen durch China praktisch auf Null heruntergefahren. Die Konsequenz waren für 1,5 Jahre eine Überproduktion und ein Erzeugerpreisdumping, das mit einem ungeheuren Ausstieg der deutschen Schweinehalter einherging.
Diesen Platz hat seitdem vor allem Spanien eingenommen, das heute als Nr. 1 vor den USA noch fast ein Drittel der China-Importe liefert. Aber die gewaltigen Einbrüche haben auch die iberische Schweinewirtschaft erschüttert, deren Produktionsboom ein vorläufiges Ende gefunden hat.
Klar ist, dass China sich einen großen Teil der fehlenden Mengen auch außerhalb Europas besorgen kann (Brasilien, USA, Russland), so dass eine Sanktion die EU erheblich treffen könnte. Deutschland spielt in Chinas Schweinegeschäft keine Rolle, was nach schwierigen Zeiten jetzt eventuell ein Vorteil sein kann. Aber die nicht abgesetzten Schweine aus Spanien oder Dänemark würden sich andere Absatzmärkte suchen, auf die die deutschen Exporteure inzwischen ausgewichen sind, und dabei den kaufstarken deutschen Markt nicht umgehen.
Weltmeister im Handel mit Milchprodukten
Etwas anders ist Chinas Rolle auf dem globalen Milchmarkt zu bewerten. Peking ist nach UN-Angaben mit 35% Handelsvolumen der weitaus größte Importeur von Milchprodukten. Allerdings geht die Einfuhr in den letzten Jahren deutlich zurück. Vorbei sind zunächst die Zeiten von 2020-2022, als es in Molkereikreisen hieß: „China säuft uns leer.“ Hintergrund ist die gebremste Verbrauchernachfrage und die kräftig erhöhte Eigenproduktion, die in den letzten fünf Jahren um 35% gestiegen ist. Der Anstieg ist aber aktuell zum Erliegen gekommen, weil der Milchpreis abgestürzt ist.
Die Importe sind aber weiterhin eine wichtige Säule der Versorgung. Nach Angaben der UN werden etwa 30% des Konsums importiert, vor allem für Kinder und Senioren. H-Milch und Vollmilchpulver (zumeist aus Neuseeland) sind besonders gefragt. Über 80% von Magermilchpulver, Butter und Käse werden bei relativ geringer Menge eingeführt, weil die Verarbeitungskapazitäten (noch) fehlen. Denn China hat eine geringe Tradition in Milcherzeugung und Milchverzehr (Unverträglichkeit!). Ausländische Konzerne haben sich daher zum Ziel gesetzt, der chinesischen Bevölkerung die Vorteile von Milchprodukten zu erklären, z.B. dass die Menschen dadurch größer werden (Calzium!). Schließlich ist der Markt riesig.
Jedenfalls bleibt das Reich der Mitte ein interessanter Absatzweg, ist aber nicht mehr das Exportparadies für jede Menge und jeden Preis. Die Mengen schwinden, der Preiskampf wird härter, vor allem mit Neuseeland, das einen Freihandelsvertrag mit Peking abgeschlossen hat. „Der Weltmarktpreis spiegelt wider, was China zu zahlen bereit ist,“ sagen Analysten. Sanktionen auf Milchprodukte gegen die EU scheinen erst einmal nur eine Drohgebärde, aber bei den aktuellen politischen Krisen weiß man nie.
Offensichtlich führen, so der Eindruck des Marktbeobachters, die Globalisierung, die weltweite Arbeitsteilung und die gegenseitigen Verflechtungen und Abhängigkeiten nicht dazu, die Konflikte zu begrenzen, sondern sie eher auszuweiten. Die Verschiebung der Machtverhältnisse zwischen den USA, Europa und Asien (insb. China) führt zu neuen Konfliktlinien. Mit zunehmender Bedeutung Chinas und asiatischer „Tigerstaaten“ verschiebt sich der Mittelpunkt der Welt. Das ist für die USA, die sich für „gods own country“ halten, schwer aushaltbar und würde sich wohl unter einem Präsident Trump weiter verschärfen. Die EU und besonders Deutschland mit der hohen Exportabhängigkeit wird aufpassen müssen, nicht unter die Räder des neuen „kalten“ Krieges zu geraten. Landwirtschaftliche Produkte werden so nicht zum ersten Mal zur Verschiebemasse für andere Interessen, was die Sprunghaftigkeit (Volatilität) der Erzeugerpreise erhöht. Eine stärkere Orientierung auf den EU-Binnenmarkt ist daher keine schlechte Strategie.
