BayWa: Bilanz fehlerhaft – Sanierungsplan in Gefahr

Marktbeobachtungen von Hugo Gödde +++ Der Vorstand des Münchner Agrarkonzerns BayWa beteuert immer wieder, dass der Sanierungsplan steht, man auf dem richtigen Weg sei, um die Aktionäre zu beruhigen. Doch ständig kommt etwas dazwischen, das die Zweifel an dem mit 5,6 Mrd. € hochverschuldeten Agrarkonzern nährt, ob das auf Kante genähte Sanierungskonzept tragfähig bleibt.

Deftige Ohrfeige durch die BaFin 

Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) hat das angeschlagene Unternehmen gerügt, dass der Geschäftsbericht 2023 kein vollständig zutreffendes Bild der wirtschaftlichen Lage beschrieben und offenkundige Risiken verschwiegen habe. Damit seien Anteilseigner und Aktionäre getäuscht worden. Im Einzelnen geht es um einen Kredit von 2 Mrd. €, den die BayWa von verschiedenen Banken erhalten hatte, weil sie damals massiv in Schieflage geraten war und Probleme hatte, die aufgelaufenen Zinsen zu bezahlen. Dieser Kredit hätte schon bald zurückgefordert werden können, worauf die Banken aber verzichteten. Über diese Vorfälle hätte der Konzern aus handelsrechtlichen Gründen informieren müssen. Auch über die börsennotierte Anleihe von 500 Mio.€ und kurzfristige Schuldverschreibungen von 632 Mio. €, deren Rückzahlung bei Fälligkeit nicht hätte refinanziert werden können, kritisiert die BaFin, wurde nicht hinreichend informiert und die Aktionäre im Unklaren gelassen. Der Bericht sei daher fehlerhaft. Zu möglichen Strafen teilte die Behörde nichts mit.

Über das Jahresergebnis und die immense Verschuldung waren 2024 der langjährige Vorstandsvorsitzende Lutz und sein Nachfolger Pöllinger gestürzt und das Unternehmen knapp an einer Insolvenz vorbeigeschrammt. Allein die „Treue“ der Banken hielt die BayWa über Wasser. Oder wären die Verluste bei „Strammziehen“ noch größer gewesen?

Gescheiterter Tochter-Verkauf die nächste Baustelle

Nun muss der Konzern einen weiteren Rückschlag hinnehmen, wie der Vorstand diese Woche mitteilte. Der Verkauf der niederländischen Tochter Cefetra Group, einer der zehn führenden Getreidehändler der Welt, der die Ernte „auf allen Kontinenten“ (BayWa-Anspruch) verkaufen sollte, ist zumindest vorerst geplatzt. Der Vertrag war zwar längst unterzeichnet, aber der Käufer, die „First Dutch Group“ des Unternehmers Peter Goedvolk, konnte die notwendige Finanzierung nicht auftreiben. Immerhin ist der Verkauf der Cefetra ein zentraler Baustein und Schlüssel des Sanierungsplans. Mit den Erlösen soll ein wesentlicher Teil der hohen Schuldenlast getilgt werden.

Noch im Juni hatte der Vorstandsvorsitzende Hiller den Verkaufspreis mit 125 Mio. € angegeben – für den gleichen Preis hatte man auch 2012 den Händler übernommen. Außerdem hieß es, dass die Cefetra 500 Mio. € Plus in den Büchern stehen habe – wohl Eigenkredite. Das alles zusammen senke die Schuldenlast der BayWa um ca. 650 Mio. €. Kritiker nennen es eher ein Buchnummer.

Ohne den Deal ist der Sanierungsplan gefährdet

Hiller räumte in top agrar ein: „Die Verschuldung der BayWa ist sehr hoch. Sie liegt heute zwischen 15- und 20-mal höher als der EBITDA, also der Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen. Nach der Sanierung wollen wir das Verhältnis auf den Faktor 3 drücken, damit wir eine entsprechende Refinanzierung leisten können. Das bedeutet, dass wir über die Verkäufe des Nicht-Kerngeschäftes eine Entschuldung in einer Größenordnung von etwa 4 Mrd. € erreichen müssen.“ Neben der Cefetra sind die Verkäufe des neuseeländischen Fruchtkonzern Turner & Growers sowie der erneuerbaren Energietochter BayWa r.e. in den Schuldenabbau eingepreist, wobei die BayWa r.e. die verlustreichste und höchstbelastete Sparte ist, die auch 2024 die Hälfte des gesamten Verlustes einfuhr.

Deshalb beeilt sich der ehemalige Vorzeigekonzern (Minister Aiwanger: „die zweitwichtige Institution nach der katholischen Kirche in Bayern“) zu erklären, dass man mit einer neuen Investorengruppe (nach inoffiziellen Informationen u.a. die Rabobank bzw. die ING diba) verhandle, die den Vertrag zu wesentlichen Teilen übernehme und solider finanziert sei. Die Transaktion soll noch in diesem Jahr über die Bühne gehen – aus steuerlichen und Zinskostengründen.

Jahresprognose zurückgezogen 

Zuletzt musste noch die optimistische Jahresprognose gekappt werden. Nach dem Riesenverlust von 1,6 Mrd.€ in 2024 hatte man zunächst vermeldet, in 2025 planmäßig in die Gewinnzone zu kommen. Diese Vorausschau musste nun zurückgezogen werden, weil zu viele Unsicherheiten im Geschäft mit erneuerbaren Energien in den USA steckten. Ausgerechnet US-Präsident Trumps neues Haushaltsgesetz („One big beautiful bill“) und die Senkung der Förderung von Solar- und Windanlagen könnte die Sanierung torpedieren. Ohne diese Vergünstigungen verlieren viele Anlagen ihre Rentabilität, Investoren zögern und geplante Verkäufe geraten ins Stocken.

Die Förderung hatte die BayWa fest eingeplant und man müsse nun prüfen, ob die Erträge deutlich geringer als bislang geplant ausfallen. Statt Wachstum steht nun Schadensbegrenzung im Mittelpunkt und belaste das Konzernergebnis insgesamt.
 „Das Geschäft mit den erneuerbaren Energien ist zukunftsträchtig. Deswegen gehen wir davon aus, dass wir einen sehr guten Verkaufspreis erzielen können,“ hieß es noch vor kurzem aus der Münchner Konzernzentrale.

Für den Marktbeobachter bleibt es dabei, dass der Schuldenberg riesig ist und der Sanierungsplan auf Kante genäht ist. Nur wenn die Banken aus Eigeninteresse „großzügig“ mitspielen und die angekündigten (Not-)Verkäufe in der erwarteten Größe umgesetzt werden können, kann möglicherweise der Sanierungsplan bis 2028 im angestrebten Umfang realisiert werden. Auch der Vorsitzende Hiller räumt ein, dass die Sanierung noch viele Jahre dauere. Dann würde der Konzern im Umsatz um die Hälfte „schlanker“ und nur auf das Agrar-Kerngeschäft geschrumpft. Das ist keinesfalls sicher. Die Aktie bleibt mit minus 15% seit Jahresanfang tiefrot und Börsenkenner raten vom Kauf eher ab. Gegen ehemalige Vorständler ermittelt die Staatsanwaltschaft. Andere Verantwortliche dieses finanziellen Kamikaze-Abenteuers bleiben im Hintergrund. Vom geforderten Rücktritt des Aufsichtsrats sieht man keine Spur. Ein Neuanfang sieht anders aus.