BayWa: Existenzkampf eskaliert und die Konkurrenz schläft nicht

Marktbeobachtungen von Hugo Gödde +++ Jetzt kommt’s ganz dicke für den Münchner Agrarhandels- und Dienstleistungskonzern BayWa. Er steckt mitten in einem beispiellosen Existenzkampf. So berichten es diverse Börsennachrichten. Nach der Berichterstattung von Ende März ist die Jahresprognose komplett gestrichen und der aktuelle Sanierungsplan gescheitert, weil er riesige Milliardenlücken aufweist. Zugleich belasten Hausdurchsuchungen der Staatsanwaltschaft und eine offizielle Rüge der BaFin den Konzern. Und die Konkurrenz steht vor der Tür.

Sanierungsziel von 4 Mrd. € nicht erreichbar

Entscheidend bleibt das strukturelle Verschuldungsproblem. Der bisherige Sanierungsplan sah vor, bis 2028 die Schulden von mindestens 4 Mrd. € hauptsächlich über Verkäufe und Einsparungen abzubauen. Mit bisherigen Verkäufen von Konzernteilen wurden 1,3 Mrd. € eingesammelt, verbleiben noch gut 2,7 Mrd. € Schulden. Die neuseeländische Obsthandels-Tochter T&G Global soll mit Hilfe von Goldman Sachs etwa 300 Mio. € einbringen, was aber bei weitem nicht ausreicht. Den Durchbruch – und daran hängt der Sanierungsplan – wollte man eigentlich mit dem Verkauf des Tafelsilbers, der Energiesparte BayWa r.e. vor allem in den USA erzielen. Er sollte 1,7 Mrd. € eintreiben. Nun hat aber Präsident Trump die Fördermittel für erneuerbare Energien (die „Windmühlen“, wie Trump es herablassend ausdrückt) gestrichen. In der Folge brechen die Preise ein und zugleich die Grundlagen des schon auf Kante genähten Sanierungsplans. Der Konzern musste nun das Ausmaß der Abschreibungen bekanntgeben und zog die Jahresprognose für 2026 vollständig zurück.

Stillhaltevereinbarung mit den Gläubigerbanken nötig

Die Vorlage der Zahlen für das 4. Quartal gleicht weniger einem normalen Geschäftsbericht als vor allem einem Hilferuf. Das Überleben hängt nun maßgeblich an den Hauptgläubigerbanken (62%): den bayerischen und den österreichischen Raiffeisen-Beteiligungsgesellschaften (BRB, RAIG). An die Raiffeisen Ware Austria AG wurden bereits Unternehmensanteile übertragen. Mit den Banken muss nun eine Verlängerung der Stillhaltevereinbarung bis Herbst 2026 geschlossen werden. Wenn die Banken kooperieren, gewinnt die BayWa Zeit, um den Sanierungsplan zu überarbeiten und auf 2030 (bisher 2028) zu schieben. Verweigern sie sich, fehlt dem Konzern die Basis für das gesamte Restrukturierungkonzept. Experten sprechen von einem Kontrollverlust der Führung. Die Banken verhandeln quasi mit der Pistole auf der Brust.

Die Sanierung der BayWa hat die beiden sie tragenden Genossenschaftsbanken bereits 550 Mio. € gekostet. Der Genossenschaftsverband Bayern - ein Zusammenschluss von 175 Volks- und Raiffeisenbanken in Bayern - rät den Banken, sich auf weitere Verluste einzustellen, wenn nicht sogar das gesamte Sanierungskonzept scheitert. Dann wird es noch teurer.
Aktuell liegt der Wert der Aktie um minus 31% zum Vorjahr und minus 90% zu 2022 vor der Krise. Neben den Großbanken sind auch viele landwirtschaftliche Kleinaktionäre in Mitleidenschaft gezogen.

Rechtliche Altlasten und personelle Ausstiege

Hinzu kommen juristische Probleme aus den vergangenen Jahren. Die Staatsanwaltschaft München ermittelt gegen die alte Führung unter dem „Sonnenkönig“ Prof. Lutz und seinem Nachfolger Pöllinger wegen des Verdachts der Untreue. Zugleich beanstandete die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) den Jahresabschluss 2023, weil wesentliche Finanzierungsrisiken nicht aufgeführt und Aktienbesitzer desinformiert wurden. Diese Altlasten erschweren die Rückgewinnung von Vertrauen zusätzlich. Wer investiert schon in ein Unternehmen, das finanziell gefährdet und rechtlich unter unkalkulierbarem Druck steht.
Auch personell ergeben sich daraus erneut Konsequenzen. Der CEO Frank Hiller und zwei weitere Aufsichtsräte gehen. Nur Aufsichtsrat DBV-Präsident Joachim Rukwied „klebt“ an seinem Posten, wie kritische Aktionäre anmerken.

Einschnitte bei BayWa, Ausweitung bei Agrarvis

Parallel zu den Verkäufen sind radikale Einschnitte im operativen Geschäft notwendig. Bis 2027 werden 1.300 Stellen abgebaut und mindestens 26 Niederlassungen geschlossen, was Unruhe bis in einzelne Dörfer bringt. Während der Marktführer in Turbulenzen steckt, expandiert die Agrarvis, der zweitgrößte Agrarhandelskonzern Deutschlands, Richtung Süden. Das Unternehmen aus Münster/Nordrhein-Westfalen mit dem Schwerpunkt im Nordwesten und Osten der Republik konnte im letzten Jahr den Umsatz halten und den Gewinn sogar leicht steigern. Man will jetzt nach Bayern und Baden-Württemberg ausweiten und besonders als Großhändler Partner von Genossenschaften beim Sortimentsausbau, Marketing und Marktkonzepten sein, aber (vorerst?) nicht ins Endkunden-Geschäft einsteigen. Ob man die Schwäche von BayWa nutzen wolle, beantwortet der Agrarvis-Chef: “Das überlasse ich Ihrer journalistischen Auslegung.“ Zudem sei die Landwirtschaft durch die Kombination aus sinkenden Getreidepreisen, volatiler Energie- und Düngermärkte und drohender Zinserhöhung enorm herausgefordert und brauche starke Partner.

Der Marktbeobachter erinnert wieder an das Fiasko des finanziellen Abenteuers und der Großmannssucht der alten Führung unter dem „Sonnenkönig“ Prof. Lutz und dem langjährigen Aufsichtsratsvorsitzenden Manfred Nüssel, der nach 40 Jahren Mitgliedschaft „für seine Verdienste“ 2023 zum Ehrenvorsitzenden ernannt wurde. „Am meisten habe ich mich darüber gefreut, wenn wir gemeinsame Erfolge feiern konnten,“ sagte er stolz in seiner Abschiedsrede über die Strategie für ein profitables Wachstum. Es war „klar, dass wir das Agrargeschäft internationalisieren und in das Geschäft mit erneuerbaren Energien einsteigen wollten,“ führte er aus und ergänzte stolz: „Bei allen Entscheidungen, die wir in den zurückliegenden 23 Jahren im Aufsichtsrat getroffen haben, gab es nicht eine Gegenstimme.“ Und weiter: „Ich bin sehr stolz auf die Truppe und auf das, was wir gemeinsam zum Wohle der BayWA geleistet haben.“ Tatsächlich lagen aber die Trümmer bereits vor ihm, aber jetzt will es keiner gewesen sein.