Marktbeobachtungen von Hugo Gödde +++ Die BayWa hat ihre Quartalszahlen für die ersten neun Monate des Jahres vorgelegt und mit 9,6 Mrd. € einen Umsatzrückgang um 22% ausgewiesen. Selbst im Segment Agrar, einem wichtigen Teil des neuen, abgespeckten Konzepts des bayerischen Agrarhandelskonzerns, verzeichnete man einen Umsatzverlust von 18,1%. Aber der Vorstand ist trotzdem guten Mutes. Denn man konnte gleichzeitig durch Sanierungsmaßnahmen einen Ergebnis-Effekt von 120 Mio. € erzielen, berichtete der Vorstandsvorsitzender Hiller. Damit liege man über dem Plan. Der Rückgang sei planmäßig, weil man Unternehmensanteile z.B. die Raiffeisen Ware Austria verkauft habe – an einen der eigenen Großaktionäre.
Rückschläge im Kerngeschäft
BayWa soll langfristig zu einem Agrarhandelskonzern zurückgeschraubt werden, nachdem man sich in den letzten Jahren durch gewagte, auf Pump finanzierte und erfolglose Unternehmenserweiterungen in andere Märkte hoffnungslos verschuldet hatte. Aber auch in den vier Kerngeschäften läuft es nicht gerade rund. Der Umsatz im Segment Agrar sank um 18%, im Segment Technik um 12%, im Bereich Wärme und Mobilität um 5,9% und bei den Baustoffen um 17,9%. Der Treiber ist der Preisverfall bei Rohstoffen und eine am Boden liegende Baukonjunktur.
Entscheidender ist aber der Prozess des Abbaus des Schuldenbergs von über 5 Mrd.€, von dem 4 Mrd. € bis 2028 abgetragen werden sollen. Diese Entschuldung ist nicht im „normalen“ Geschäft zu finanzieren, sondern soll über den Verkauf von Tochterfirmen geschehen, gestaltet sich aber als schwierig. So ist kürzlich der geplante Verkauf des Getreidehandelsunternehmens Cefetra, der eine Entschuldung von 600 Mio. € bringen soll, an einen Investor aus Holland geplatzt. Die Gespräche mit einem neuen Investorenkonsortium seien aber „auf einem guten Weg“, heißt es in der Vorstandsetage.
Im besonderen Fokus steht aber der Verkauf des Tafelsilbers und zugleich des größten Verlustträgers, der BayWa r.e. (erneuerbare Energie), die bis 2028 verkauft werden soll bzw. muss. Sie hat in den USA wichtige Projekte entwickelt und steht durch das „One Big Beautiful Bill Act“ von Präsident Trump unter Druck, der den erneuerbaren Energien den Kampf angesagt bzw. die Förderung gestrichen hat.
Natürlich bleibt der BayWa-Vorstandsvorsitzende Dr. Frank Hiller zuversichtlich, bis 2028 die Sanierung, zu schaffen und die Verschuldung einzudämmen und dann 10 Mrd. € umzusetzen – etwa 40% von 2023.
Börse spricht vom Tanz auf dem Vulkan
An der Börse aber wächst die Nervosität. Die Transaktion des größten Getreidehändlers Europas muss noch in diesem Jahr durchgesetzt werden. Aktuell ist dieser Verkauf der Dreh- und Angelpunkt der gesamten kurzfristigen Sanierung, die sonst komplett neu aufgesetzt werden müsste. Die Analysten rechnen fest mit dem Entschuldungs-Geld, sonst wackelt die Liquiditätsplanung. Mit einer Kapitalerhöhung wollte man sich Zeit erkaufen und setzte den Bezugspreis auf 2,79 € je Aktie fest – deutlich unter dem Aktienwert. Nun sind ca. 100 Mio. Aktien im Umlauf. „Mit einer Marktkapitalisierung von nur noch 250 Mio. € ist der einstige Börsenliebling nur noch ein Schatten seiner selbst“, urteilt der börse-express. Die Altaktionäre reagierten verärgert über ihren Wertverlust. Die Aktie stürzte im freien Fall um 16% ab, konnte sich bis heute nicht erholen und liegt aktuell um die 2,50 €. Der Traditionskonzern kämpfe ums nackte Überleben, schreibt ein Analyst, die Unsicherheit sei mit Händen zu greifen. Die Sanierung werde wohl länger dauern als geplant und sei mit hohen Verlusten verbunden.
Der Vorstand nennt die Restrukturierung eine „Achterbahnfahrt“, Aktionäre sprechen vom freien Fall. Der Umsatzschwund ist nur ein Symptom, die Krankheit liegt in der Bilanz, im riesigen Schuldenberg. Der Kampf an zwei Fronten bleibt bestehen. Die operativen Geschäfte müssen trotz Umsatzrückgang stabilisiert werden und die Verkäufe müssen zügig und erfolgreich verlaufen. Sonst bleibe die Aktie ein Spielball der Spekulation ohne Boden, fürchten Börsianer.
