Marktbeobachtungen von Hugo Gödde +++ „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ Dieser historische Satz trifft auch auf die holländische Agrarwirtschaft und Umweltpolitik mit ihrem zentralen Thema zu: der Stickstoffbelastung bzw. den Gülleüberschüssen. Mindestens wird es für den Staat sehr teuer und für die Betroffenen unbefriedigend. Seit Jahren streiten Tierhalter (mit teils radikalen Aktionen) und die Regierung um einen Weg aus dem Dilemma. Auch die neue rechtspopulistische Regierung mit der Agrarministerin Wiersma von der Bauernbewegung (BBB) hat nicht geliefert. Dabei hat die BBB die Lösung der Stickstofffrage oben auf der Tagesordnung. Die EU und die nationalen Gerichte fordern endlich wirksame Maßnahmen ein. Aber aus Den Haag hört man nur Verschiebung, Stückwerk, letztlich Ratlosigkeit - und ein milliardenschweres Ausstiegsprogramm. Dabei ist das „Stickstoffproblem“ nicht nur für die Tierhalter, sondern auch für andere Teile der Gesellschaft (Bauen, Infrastruktur, Wasser) von elementarer Bedeutung.
Grundproblem: zu viel Gülle und Stickstoff
Wenn das Problem groß ist, wirken auch einzelne Maßnahmen oft hilflos und teuer. Holland produziert einfach zu viel Gülle – und zwar seit Jahrzehnten. Mit 300% Eigenversorgung bei Schweinefleisch sowie 170% bei Milch und als Weltexportnation Nr. 2 hinter den USA konnten in einem Land mit kleiner Fläche und hoher Bevölkerungsdichte (doppelt so hoch wie bei uns) Umweltprobleme nicht ausbleiben. Dennoch hat man jahrelang die Augen geschlossen, sich auf Ausnahmeregelungen der EU (z.B. 230 kg N pro ha statt 170) und die eigene Exportstärke verlassen. Noch 2015 wurde ein Gesetz beschlossen, bei dem man sich alle Hintertüren offenließ. In Erwartung (!) sinkender Stickstoffwerte durch ein paar technische Neuerungen wurden tausende Ställe (und Wohnungen, Straßenbau) zugelassen. Die N-Werte sanken kaum, so dass 2019 das höchste Verwaltungsgericht das Gesetz kassierte und die Bauten zum Entsetzen der Landwirte für „rechtsunsicher“ erklärte. Bis heute dauert die Hängepartie an – auch für die gesamte Infrastruktur. Zugleich wurden weitere Auflagen in Natura 2000- Gebieten angekündigt – wovon es gerade in tierintensiven Regionen Süd- und Osthollands reichlich gibt. Für die betroffenen Betriebe gibt es so keine Entwicklungsmöglichkeiten für Stallbauten. Zudem ist das Durchschnittsalter der Betriebsinhaber 55 Jahre und eine Hofnachfolge oft nicht in Sicht – und jetzt erst recht nicht.
Ca. 30% aller Betriebe sind existenziell betroffen. Als gar mit Enteignung gedroht wurde, lief das Fass über. Die Reaktion waren die teils radikalen Aktionen 2022/23 und die Hoffnung auf die rechte Regierung mit BBB-Beteiligung. Die sollte (mit einer rechten Unterstützung im EU-Parlament) der EU-Kommission den „Kopf waschen“ und die Maßnahmen auf freiwillige Auflagen reduzieren. Bisher ohne Erfolg, stattdessen hat die EU sie aufgefordert, ihre Anstrengungen zur Stickstoffreduktion zu erhöhen.
Freiwilliges Abreißen als Hoffnungsträger
Aber alle Projekte und Programme zur Minderung von Stickstoff (Futterumstellung, Kot-Harn-Trennung, Biogas, Förderung von Gülleaufbereitung) laufen erst sehr langsam an und bringen nicht das gewünschte Ergebnis. Ein Gesetz mit dem Reduktionsziel von 45% bis 2030 wurde von der neuen Regierung abgeschwächt und auf 2035 verschoben, aber nach Klage von Greenpeace vom Gericht erneuert, über das sich jetzt die Regierung hinwegsetzen will. Laut dem Statistikbüro ist in 2024 zwar der Stickstoff- und Phosphoranfall um 1% bzw. 2% gesunken, aber in 2025 muss er laut Regierungsvorgaben um ca. 15% sinken.
Die große Hoffnung setzt man – wie schon die vorherige Regierung – auf ein Programm zur freiwilligen Stilllegung von Tierställen. Mit 100% der Kosten (in hochbelasteten Gegenden bis 120%) sollen die Tierhalter entschädigt werden, wenn sie innerhalb von 12 Monaten ihre Tierhaltung aufgeben und nach 28 Monaten ihre Ställe, Gülleläger, Silos komplett abreißen und sich verpflichten, dass auf der Betriebsfläche nie wieder eine Tierhaltung betrieben wird. Für den Aussteiger ist die Tierhaltung lebenslang verboten. Nach anfänglicher Zurückhaltung ist das Signal bei vielen Landwirten angekommen. „Wir fühlen uns überflüssig und nicht gewollt“, so die Standardaussage der „Stopper“. Bis heute haben 1577 Tierhalter einen Antrag gestellt, davon 573 für Schweine, 446 für Milchvieh, 243 für Geflügel. 90% sind bewilligt, 3,1 Mrd. € stehen bereit. Fast jeder fünfte Schweinehalter und 3-4% ist dabei. Bis Ende des Jahres müssen die Ställe leer stehen. Es können nur Betriebe im Umkreis von 25 km um ein Naturschutzgebiet teilnehmen, aber das gilt für viele Landwirte im südlichen Schweinegürtel und östlichen Grünlandgürtel. Entsprechend sind dort die Anträge besonders hoch. Das heißt aber auch, dass der Tierabbau überdurchschnittlich ist. Man rechnet mit 15% weniger Schweine ab Weihnachten. Schon 2024 lag die Schweinezahl bei Minus 10%.
Strukturwandel wird staatlich angefeuert
Unstrittig ist, dass der Stickstoffbelastung reduziert werden muss. Aber wie? Alle Regierungen der letzten 10 Jahre vollführen einen Zickzack-Kurs. Dass deshalb vor allem ältere Landwirte ins Programm einsteigen, ist nicht verwunderlich. Auf einen noch restriktiveren Kurs zu setzen, traut sich die Politik nicht (mehr) – wegen der radikalen Bauernaktionen. Auch die BBB-Politiker vollführen einen Eiertanz mit ihren Versprechungen, die sie nicht werden halten können. Schließlich geht es nicht nur um Landwirtschaft, sondern auch um Wohnungs- und Straßenbau. Auch der Ausstieg ist widersprüchlich. Gefördert wird nur Abriss, nicht Umbau oder Umstellung. Erlaubt ist z.B. für die Aussteiger der Grünlandumbruch auf ihren Flächen, was den Ackerbau stützt statt die klimafreundliche Graswirtschaft.
Umbau der Tier- und Fleischbranche - europaweit
Der Rückgang der Tierhaltung trifft aber nicht nur die Landwirtschaft in Holland. Die Fleischbranche ist EU-weit mitten im Umbruch. Vion, der mit Abstand größte holländische Fleischkonzern, versucht mit einer massiven Umstrukturierung der Krise zu entgehen. Tierrückbau bedeutet teure Produktionsüberkapazitäten. Die roten Zahlen der letzten Jahre zeugen davon. Aus dem margenschwachen Deutschland zieht man sich konsequent zurück, hinterlässt Streit besonders in Süddeutschland, wo Vion schlachtstark ist, was zu einem heftigen Übernahmekampf zwischen den Branchengrößen Tönnies und Westfleisch sowie einem Konzentrationssprung der heimischen Fleischbranche führt.
Auch unter den Molkereien ist der Wettbewerb um den Rohstoff Milch entbrannt. FrieslandCampina, Hollands Nr. 1 unter den Molkereien, sucht händeringend in Nordwestdeutschland nach Lieferanten und geht auf Konfrontation zu Arla/DMK und Ammerland.
Das Ausstiegsprogramm macht sich schon sehr bald beim hiesigen Ferkelmarkt bemerkbar. Holland ist mit jährlich ca. 3,5 Mio. Ferkeln Deutschlands Importeur Nr.2 nach Dänemark. Der Import wird sich nach Expertenmeinung 2026 deutlich reduzieren und die Ferkel werden hier knapp und teuer. Zudem verschieben sich Transporte aus Dänemark, Spanien oder Polen, während der langjährige Ausgleich durch Chinaexporte wohl rückläufig sein bleibt. China wird wohl bald zum Schweinefleisch-Nettoexporteur mit allen geopolitischen Folgen.
Der Marktbeobachter erwartet, dass der Eiertanz in der niederländischen Tierhaltungs- und Stickstoffpolitik weitergehen wird. Ein riesiges Problem ist aufgelaufen und verschlafen oder absichtlich nicht angepackt worden. Die Regierungskoalition unter dem Rechtspopulisten Wilders ist zerbrochen und vorgezogene Neuwahlen sind am 29.10.25. Für die BBB sieht es nicht gut aus. Laut Umfragen wird ihre Wählerzahl halbiert und ob sie dann noch fürs Regieren gebraucht wird, ist wenig wahrscheinlich. Es zeigt sich exemplarisch, dass Agrarproduktion und Umweltbelange unmittelbar zusammengehören, auch wenn einzelne Maßnahmen heftig umstritten sind. Radikale Aktionen und kulturkämpferische Besserwisserei nützen wenig und politische Zickzack-Kurse verteuern und verschlimmern die Lage. Ein schweres Erbe bleibt. Für Deutschland ist zu hoffen, dass der Umbau der Tierhaltung rechtzeitig kommt.
