Marktbeobachtungen von Hugo Gödde +++ Holland bleibt in Gülle-Not. Die übermäßige Produktion an Schweinefleisch (300% Selbstversorgung) und Milch (170%) ist nicht nur ein Erfolgsmodel einer Agrarexportwirtschaft, sondern hat eben auch ihre Kehrseite, z.B. Riesenüberschüsse an Gülle. Die neue niederländische Regierung mit Beteiligung der BürgerBauernBewegung (BBB) will das Problem der Stickstoffemissionen schnell in den Griff bekommen. So hatte das Kabinett mit der neuen BBB-Landwirtschaftsministerin Femke Wiersma in ihrem Koalitionsvertrag unter der Leitung des Rechtspopulisten Geert Wilders angekündigt. Ein Abbau der Tierbestände, generelle Kürzungen von Produktionsrechten oder Betriebsenteignungen in Naturschutzgebieten sollten verhindert werden. Aber zunächst einmal schlägt die Gülle zurück.
Gülle historisch teuer
Inzwischen seien, so schreibt die Fachzeitschrift „Boerderij“, die Absatzpreise für Gülle so hoch wie noch nie. Die Entsorgung eines Kubikmeters Gülle bewege sich bis 40 € in viehdichten Regionen wie Limburg oder Nordbrabant. Das macht pro Schwein ca. 15 bis 20 € Kosten aus und die Preise könnten noch steigen. Besonders Betriebe mit wenig Lagerraum treiben die Überschüsse an. Auch Milchviehhalter seien stark betroffen. Insgesamt könnte der Gülleüberschuss bis 2026 noch dramatisch steigen, fürchtet das Niederländische Zentrum für Güllebewertung, wenn keine Maßnahmen ergriffen werden. „Der Düngemittelmarkt wird in den kommenden Jahren zusätzlich stark unter Druck geraten,“ analysiert ihr Chef Jan Roefs. „Das wird ein Kostenfaktor sein, den viele Landwirte nicht tragen können.“ Er rechnet mit einer raschen Zunahme des inländischen Überschusses an Gülle.
Damit bleibt das Stickstoffproblem, um das auch holländische Landwirte mit großen Demonstrationen und drastischen Aktionen in den letzten Jahren gestritten haben, weiter ganz oben auf die Tagesordnung.
Überhitzter Güllemarkt
Vor zwei Jahren hatten die aufnehmenden Ackerbauern im Zuge der Verknappung und des Preisbooms für Mineraldünger durch den Ukrainekrieg noch für Güllelieferungen bezahlen müssen. Diese Zeiten sind längst vorbei. Gülle ist in Übermengen vorhanden und dem aufnehmenden Landwirt wird noch viel gutes Geld hinterhergeworfen. Vielen Tierhaltern steht die Gülle sprichwörtlich bis zum Hals. Die Witterung im letzten Herbst habe die Ausbringung erschwert, da viele Flächen nicht befahrbar gewesen seien, berichten Landwirte, so dass die Läger nicht geleert wurden. Zudem sei der Preis für mineralischen Dünger auf „Normalmaß“ abgestürzt, so dass vorrangig „aus dem Sack“ gedüngt wurde. Auch aktuell rechnen Berater mit einer geringeren Ausbringung als im Vorjahr, da der „Kunstdünger“ immer noch Vorteile habe.
Zuletzt, so das niederländische Statistikbüro, sei die Stickstoffmenge auf ein Vierjahreshoch angestiegen. Grund sei u.a. ein geringer Grasertrag während der sommerlichen Trockenheit, wodurch weniger Stickstoff im Gras gebunden werden konnte. Eine Quadratur des Kreises, wie ein Düngeexperte anmerkt. Ist es zu trocken, wird zu wenig N gebunden. Ist es zu nass, kann man die Gülle nicht ausbringen.
Politische Maßnahmen sind überfällig
Aber nicht das Wetter ist der Hauptfaktor für das Preishoch. Grund sind unter anderem auch Verschärfungen der Vorschriften zur Wasserverschmutzung, z.B. die Anlage von ungedüngten Uferrandstreifen. Die alte Regierung hatte die mit Dünger kontaminierten Wasserflächen auf 60% landesweit analysiert. Außerdem hält der Stickstoffgehalt in den Böden besonders in Intensivregionen EU-weit den Spitzenwert. Die Nutztierhalter gelten als die größten Emittenten, hieß es bei der alten Mitte-Rechts-Regierung. Nun laufen bis 2025 die bisherigen Ausnahmeregelungen, die es den Holländern im Unterschied zu anderen EU-Ländern erlauben, mehr als 170 kgN/ha zu düngen, allmählich aus. Nur so wird die in der EU-Nitratrichtlinie festgesetzte Obergrenze für die Ausbringung von organischem Stickstoff eingehalten und ein Vertragsverletzungsverfahren verhindert werden, wie es die EU gerade gegen Frankreich und Belgien angekündigt hat.
Das will die neue Regierung in Den Haag durch Verhandlungen und Kontakte zu anderen (rechten) Regierungen in Brüssel verhindern. Die neue Landwirtschaftsministerin Wiersma (BBB) soll den schnellen Abbau der Tierhaltung verhindern. Weder sollen die Produktionsrechte verteuert werden noch die Produktion aus Natura 2000-Gebieten gedrängt werden, haben ihr der Bauernverband und die BBB ins Aufgabenbuch geschrieben. Die Hoffnung liegt auf einem millionenschweren staatlichen Ausstiegsprogramm, mit dem einige hundert Betriebe freiwillig ausscheiden sollen. Bisher hat das Programm aber noch nicht gezündet, so dass die Prämien erhöht werden sollen. Aber dass der freiwillige Ausstieg das Stickstoffproblem lösen wird, halten Agrarkenner für sehr unwahrscheinlich.
Nebenbei: Ob die neue Landwirtschaftsministerin mit diesen Vorgaben (weniger Auflagen bei wachsendem Gülleüberschuss) diese Herkulesaufgabe bewältigen wird, erscheint fraglich. Erstaunlich ist schon, dass die Bauernbewegung eine Ministerin mit wenig Stallgeruch ins Rennen schickt. Ihr erster Kontakt zur Landwirtschaft kam 2010 durch die Teilnahme an der Sendung „Bauer sucht Frau“ zustande. Die folgende Ehe wurde nach drei Kindern geschieden. Ob ihre Arbeit beim Milchbauernverband genügend Bauernkompatibilität mit sich bringt oder ob die Aktivisten der industriellen Landwirtschaft demnächst gegen sich selbst aktiv werden, wird sich zeigen.
Lösungen durch Aufbereitung und Export?
Ein weiterer Hoffnungsschimmer ruht auf dem Ausbau bzw. der Erweiterung von Gülleaufbereitungsanlagen, mit deren Kapazitäten man auch den Export von organischem Dünger antreiben will. Schon heute ist die Ausfuhrmenge nach Meldungen des nationalen Dienstes mit 30,7 Mio. kg Stickstoff exorbitant hoch – aber der Export schwächelte zuletzt. Bisher ist Deutschland mit 44% der größte Gülleabnehmer vor Frankreich und Belgien – aber mit abnehmender Tendenz. Gegen billige holländische Gülle, die kostenlos geliefert und auf den Äckern ausgebracht wird, wächst der Widerstand. In einigen Regionen Nordwestdeutschlands ist Gülle in reichlichem Maße vorhanden, nicht zuletzt durch die neue Gülleverordnung (rote Gebiete).
Lösung durch Betriebsaufgaben und Konzentration?
Aber der negative Trend der Schweine- und Milchviehhaltung ist schon heute unübersehbar. Laut einer Berechnung der ING-Bank werden von den heutigen 3.200 Schweinehaltern bis 2030 noch 1.000 Betriebe übrig bleiben. Schon heute liegt die Bestandsgröße bei 3.400 Schweinen. Das hat auch Auswirkungen auf den deutschen Schweinemarkt, schließlich importieren wir ca. 6 Mio. Ferkel aus dem Nachbarland.
Auch bei den Milchmengen macht sich der Abwärtstrend bemerkbar. Zurzeit liegt die Anlieferung 2% unter Vorjahr – Tendenz steigend. Zu den Restriktionen der Gülleausbringung kommt noch die wachsende Zahl von Blauzungenerkrankungen. Einige Molkereivertreter sprechen schon von einem Produktionseinbruch. Zudem, so Marktanalysten, sind 50% der Betriebsleiter über 55 Jahre. Man setzt auf den (staatlich geförderten) Strukturwandel.
Für Marktbeobachter ist es keine neue Erkenntnis, dass auch die neue Regierung das Stickstoff- und Gülleproblem weder ignorieren noch wegdiskutieren kann. Die Marktrealitäten lassen auch Zweifel darüber aufkommen, dass man es kleinreden kann. Das Auslaufen der Ausnahmeregelungen, verschärfte Wasservorschriften und hohe Güllepreise werden den Überschuss zusätzlich befeuern. Das könnte das Güllefass zum Überlaufen bringen.
Die Versäumnisse der letzten Jahrzehnte machen sich verschärft bemerkbar. Das holländische Agrarmodell der industriellen Landwirtschaft ist längst über seine Grenzen hinausgestoßen. In ein Land mit höchster Bevölkerungsdichte (doppelt so hoch wie in Deutschland) passt keine höchstintensive Viehwirtschaft. Das lässt sich die Natur (und der Mensch) nicht grenzenlos bieten. Natürlich ist das Stickstoffproblem kein reines, wahrscheinlich nicht mal ein vorrangiges Problem der Landwirtschaft. Für die betroffenen Landwirte ist es zum Verzweifeln, was ihre Aktionen nachvollziehbar macht. Sie sind Opfer, aber auch Täter der Entwicklung. Deshalb kann man nur raten, nach Lösungen zu suchen und nicht (politisch) zu blockieren oder (technische?) Scheinlösungen zu präsentieren. Ein Plan zum sozialverträglichen Abbau der Tierbestände wird gesucht.
