Marktbeobachtungen von Hugo Gödde +++ Wenn man sich die Tierschutzpolitik der Bundesregierung ansieht, könnte man den Eindruck bekommen, Tierschutz sei aus der Zeit gefallen. Das ist in unseren Nachbarländern zurzeit sehr anders und beschert den Landwirten in Holland und Dänemark heftige Konflikte. Bei uns ist die Reaktion auf die Tierhaltungs-, Milch- und Schweinemarktkrise die Abschaffung des Bundesprogramms Umbau der Tierhaltung und eine lustlose Performance beim Kennzeichnungsgesetz, das der Minister lieber streichen als weiterentwickeln will. Vom notwendigen politischen Engagement und Krisenbewältigung ist nichts zu sehen. Aus der Krisennot heraus entwickelt der private Sektor Marktsignale mit Herkunftszeichen und Korrekturen am Preissystem.
Dänemark stoppt den Bau von Schweineställen
Dänemark erhöht gerade die Konflikt-Taktung, denn es dürfen vorerst keine konventionellen Schweineställe neu gebaut oder erweitert werden. Dies kündigte der Minister für Natur und Tierschutz, Christian Madsen, am Mittwoch an. Der Baustopp gilt für alle Anträge, die ab diesem Stichtag eingehen. Das Baumoratorium soll gelten bis die Rahmenbedingungen für die künftige Schweineproduktion feststehen. Diese werden in der „Vierparteien-Runde“ mit Landwirtschaft, Natur- und Tierschutzorganisationen sowie den Sozialpartnern der Ernährungswirtschaft und Regierung beraten. Der Bauernverband ist nach dem Parlamentsbeschluss über das Düngegesetz, das die Stickstoffemissionen senken soll, erneut tief geschockt (s. Bauernstimme Oktober). „Wir haben dem Schweinepakt zugestimmt, um die dänische Schweineproduktion weiterzuentwickeln – nicht, um sie abzuwickeln“, so Verbandschef Gæmelke. Nun macht die Regierung ernst.
Wie lange der Baustopp gilt und welche Auflagen gefordert werden, hängt von weiteren Gesprächen ab. Die Unsicherheit ist groß und Behörden und Banken halten sich zurück, laufende Projekte zu genehmigen oder zu finanzieren.
Die Regierung zieht offensichtlich stramm, neue politischen Leitlinien für die Schweinehaltung zu setzen. Angesichts der riesigen Überschüsse soll der Ferkelexport sinken und mehr Wertschöpfung durch die Schlachtung im eigenen Land bleiben. Aber die „Reform“ fällt in eine Zeit, wo der Schweinesektor um die Existenz bangt. Abgrundtiefe Preise, schwacher Absatz im Inland, Schweinestau an den Schlachthöfen, Absturz im Export und höhere Anforderungen bei der Düngung, beim Pflanzenschutz und bei der Tierhaltung bringen die Landwirte in eine bedrohliche Lage. Ob dabei Gesprächsrunden helfen, um Lösungen zu finden?
Niederlande: leichte Anhebung des Tierschutzes mit langer Übergangszeit
Auch unser westlicher Nachbar, die Niederlande, die seit Jahren wegen Stickstoffregelungen im Streit mit der Landwirtschaft (aber auch Industrie, Wohnungsbau) liegt und für Stallabrisse Milliarden Euros ausgibt, will ihre Vorschriften für alle Tierarten anziehen – allerdings von einem niedrigen Stand und mit wesentlich weniger Ehrgeiz als die Dänen. Vielfach werden Standards anderer Länder nur nachvollzogen. Trotzdem löst es beim Bauernverband eine Aufregung aus über „erhebliche Mehrkosten, die sich auf dem Markt nur schwer wieder hereinholen lassen.“
Zur Disposition stehen u.a. bei Schweinen Raufutter für Sauen, Absetzen von Ferkeln ab 25.Tag, keine Vollspaltenböden in Ferkelställen und Schwanzkupieren nur bis drei cm, ab 2029 fünf cm (in Deutschland heute ca. 20 cm!). Bei Geflügel werden Käfighaltungen verboten, bei Rindern neue Ställe mit Anbindehaltung. Altanlagen bekommen oft eine Übergangszeit bis 2035 oder gar 2040. Die Regierung lobt sich dafür, „das Haltungssystem an die Bedürfnisse der Tiere anzupassen und nicht umgekehrt“. Tierschützer halten die Vorschriften für „lächerlich“, inakzeptabel und unter westeuropäischem Niveau. Die Regierung, so Marktkenner, wolle sich den Anforderungen der EU und anderer Länder annähern und Marktchancen nicht verlieren, ohne die Landwirte neben der Stickstofffrage erneut herauszufordern. Ob diese Rechnung aufgeht, hängt auch davon ab, wie sich der Binnenmarkt entwickelt. Auch die Regierung in Den Haag macht die Vereinbarung davon abhängig, ob sich „Absatzmöglichkeiten auf dem Markt“ realisieren lassen.
Deutschland: Wie löst man die Schweinekrise?
In Deutschland ist Tierschutz momentan an den Rand gedrängt. Der Minister bleibt im Tu-Nix-Modus und die Landwirte kämpfen ums Überleben. Selbst erfahrene Branchenexperten fürchten einen anhaltenden Abschwung in Dauerschleife. Die Existenzkrise der Schweinehalter mit Überschüssen, fehlendem Absatz und einem erneuten Preisabsturz für Schlachtschweine und Ferkel in der letzten Woche haben die Diskussionen in der Branche befeuert. Guter Rat ist teuer. Einig ist man sich darin, dass viele Betriebe die nächsten Monate auf dem jetzigen Preisniveau nicht überstehen werden.
Einige Marktkenner sehen einen "schamlosen Preisdruck" des Handels, der zudem kontinuierlich seine Margen zu Lasten der vorgelagerten Stufen ausbaue, heißt es in der Schlachtbranche. Die Discounter hätten seit 2020 ihre Spanne bei Frischfleisch von 17 auf 31 Prozent gesteigert, bei Kochschinken von 12 auf 30 Prozent, berichtet die Lebensmittelzeitung. Händler weisen die Vorwürfe zurück und verweisen auf erhebliche Überkapazitäten am europäischen Markt sowie einen veränderten Konsum. "Wir bekommen von vielen Herstellern Angebote über großzügige Mengenrabatte", so ein Einzelhändler.
Tierhaltung und Herkunft
In der Landwirtschaft wird intensiv über neue, erweiterte Formen des Preissystems diskutiert. Angesichts der überstarken Schwankungen werden Vor- und Nachteile von längerfristigen Verträgen (sechs Monate?) mit festgelegten Mengen und Preisen eingebracht. Zugleich erweitert die Initiative Tierwohl (ITW) ihr Engagement auch in höhere Tierhaltungs-Stufen und erweitert damit ihre Marktkompetenz. Auch die Preisempfehlungen der VEZG sollen ab Januar die höheren Stufen einbeziehen.
Damit wird die Differenzierung am heimischen Markt gestärkt, die zugleich die Abläufe von der Erzeugung bis zum Handel komplizierter macht. Schon jetzt ist die Spaltung des Marktes in verschiedene Stufen kein Selbstläufer. Aktuell haben nicht nur die „normalen“ Schweine der Stufe 1 ein Absatzproblem, sondern auch die ITW (mit Stufe 2), die sich seit Jahren als Erfolgsmodell darstellt und etwa 50% des Marktes innehält. Der ITW-Mäster bekommt einen Aufschlag von 7,50 €/Schwein am Schlachthof - ab 1. Mai 2027 nur noch, wenn er ITW-anerkannte Ferkel mästet. Da das ITW-Fleisch vor allem bei den deutschen Einzelhandelsketten nachgefragt ist, die sich zudem auf Fleisch mit 5xD (Geburt, Aufzucht, Mast, Schlachtung, Zerlegung in Deutschland) verpflichtet haben, „verlangt der Markt“, so der Branchensprech, deutsche Ferkel und Mastschweine mit ITW-Zertifikat. Das verbessert die Chancen vor allem deutscher Ferkelerzeuger, benachteiligt die Mäster, die seit langem auf billigere Ferkel aus Holland oder Dänemark setzen. Nun hat zur großen Aufregung der Marktführer Tönnies kurzfristig beschlossen, dass die Mäster nur noch den vollen Bonus von 7,50 €/ Schwein bekommen, wenn sie deutsche Ferkel einsetzen. Ein Aufschrei geht vor allem durch die nordwestdeutschen Lande, weil hier großflächig ausländische Ferkel eingestallt, aber gern Nachfrage nach „heimischer Fleischware“ eingefordert werden. Diese Lieferanten stellt der Großschlachter vor die Alternative, entweder deutsche Herkunft oder Nichtanerkennung als ITW-Betrieb und Reduktion des Bonus. Die Diskussion wird Fahrt aufnehmen, die Frage nach heimischer Herkunft und EU-Tierhaltungskriterien beschleunigen und - endlich - die Ferkelerzeuger stärken.
