Schweinemarkt: hü und hott, vor und zurück – und ein untätiger Minister hofft auf China

Marktbeobachtungen von Hugo Gödde +++ Investitionen brauchen Planungssicherheit. Das weiß jeder Marktbeteiligte. Auf dem Schweinemarkt herrscht aber ein permanentes auf und ab, vor und zurück, was viele ins Kopfschütteln treibt. Preise schwanken unter die Existenzgrenze, Förderung wird beendet oder doch irgendwie weitergeführt. Das zentrale Tierhaltungskennzeichnungsgesetz (THKG) ist verschoben oder wird vielleicht noch gestrichen. Bei der Hebung des Tierwohls setzt man allein auf das Engagement des Einzelhandels. Und ein Rettungsanker soll der Export in Drittländer werden. Zugleich setzt sich die Schlachthof- und die „Wurstkrise“ fort. Schlachthöfe werden geschlossen und damit die Transportwege für Landwirte immer weiter.

Sauenhaltung – ohne Förderung keine Chance

Im Vordergrund vieler landwirtschaftlicher Diskussionen steht die Unsicherheit der Perspektiven für die Sauenhalter. Kurzfristig müssen die gesetzlichen Auflagen für das Deckzentrum und mittelfristig für die Abferkelung erfüllt werden. Laut der Beraterin der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, Ruth Beverborg, muss ein durchschnittlicher 300-Sauen-Betrieb dafür 1,5 Mio. € in die Hand nehmen. Dies ist aber ohne Förderung nicht realisierbar, zumal der Markt die Mehrkosten nicht honoriert. Sie fordert ebenso wie die Beratung in NRW – ähnlich auch DBV, ISN und AbL – ein eigenes Bundesprogramm nach dem Vorbild des Bundesprogramms Umbau der Tierhaltung (BUT). Die von Minister Rainer favorisierte Förderverschiebung in Länderprogramme hält sie für ungeeignet. Das niedersächsische Landesprogramm z.B. sei inzwischen so komplex geworden, dass ein „kompletter Reset“ notwendig wäre, um ein dem Bundesprogramm vergleichbar einfaches Verfahren hinzukriegen. „Im BUT ist es so, wie man es sich eigentlich wünscht“, so Beverborg auf einer Veranstaltung.

Dass das BUT nicht ausreichend angenommen werde, wie der Bundesminister argumentiert hatte („Placebo-Proramm“), kann der Projektleiter im Netzwerk Fokus Tierwohl, Marc Andre Kruse-Friedrich, nicht bestätigen. Nach seinen Auswertungen seien 73% der Programmteilnehmer zufrieden und 77% hätten ohne die Förderung gar nicht oder viel weniger investiert.

Auch NRW-Bauberater Bernhard Feller bestätigt, dass derzeit für NRW knapp 50 Förderanträge vorliegen. Man warte noch auf die Baugenehmigungen. In anderen Bundesländern sei die Nachfrage ähnlich hoch. Er empfiehlt, unbedingt die verbleibende Zeit bis August zu nutzen, um einen Antrag zu stellen. Dann läuft das Programm nach Ministerbeschluss aus. „Zu wenig Interesse“ ist kein Thema mehr, eher fürchtet man, dass die Gelder nicht ausreichen könnten. AbL und Neuland fordern weiterhin, das Programm fortzusetzen und auch die laufenden Maßnahmen – wie versprochen - bis 2031 zu fördern.

Tierwohlprogramme kein Standard, aber weiten sich aus

Über die Fortentwicklung der Tierwohlprogramme wird in der Branche intensiv diskutiert. Manche halten sie für eine kleine Nische, andere für eine wichtige Chance für den Markt von morgen. Der Einzelhandel von Aldi bis Rewe hält am Ziel fest, bis 2030 nur noch Fleisch aus höheren Tierwohlstufen zu verkaufen. Die Schlachtindustrie schwankt zwischen der aktuell hohen Verkaufsmenge in niederen (1 oder2) Stufen und den Zukunftsperspektiven. Westfleisch-Vorstand Schulze Kalthoff z.B. kritisiert die ambitionierten LEH-Forderungen, lobt sich aber, dass man mit 8.000 Schweinen und demnächst 15.000 HF3-Schweinen wöchentlich Marktspitze sei. „Mit ITW, also HF2 und den Schweinen aus HF3 sind wir weniger austauschbar und sichern unseren nationalen Absatzmarkt.“

ITW öffnet sich für „richtiges“ Tierwohl

Überhaupt geht die ITW (Initiative Tierwohl aus LEH und Bauernverband) einen überraschenden Weg. Nachdem sie sich über 10 Jahre auf „Basis-Tierwohl“ Stufe 2 (Tierschützer nennen es Alibi-Tierwohl oder greenwashing) festgelegt und sich dafür selbst gefeiert hatte, erweitert sie ab April ihr Programm für die höheren Stufen 3 (Frischluft) und 4 (Auslauf) und lobt sich für die (dann) Steigerung des Tierwohls. Grundlage bleibe aber die Stufe 2, die bereits einen Marktanteil von 60% erreicht habe. Man reagiere nicht nur auf steigende Nachfrage, sondern auch auf strukturelle Veränderungen im Markt der Tierwohlprogramme. „Die Zeit ist reif,“ wertet Geschäftsführer Robert Römer den Schritt, denn „inzwischen haben wir 176 Programme eingeordnet, die meisten davon in die Stufen 3 und 4. Diese Marktentwicklung spiegelt sich auch im Sortiment des Einzelhandels wider.“ Da auch die rechtlichen Anforderungen steigen, biete ITW eine klare Zuordnung, orientiert an den staatlichen und privatwirtschaftlichen Haltungsformen.  

ITW und die „Nämlichkeit“

Dabei steht die ITW vor entscheidenden Schritten in diesem Jahr. Das staatliche Kennzeichnungsgesetz soll für Schweinefleisch Ende des Jahres kommen und ihre privatwirtschaftliche Initiative ersetzen (ergänzen?). Aber auch intern ändert sich einiges. Ende 2026 läuft nach Kartellamtsvorgabe die Stützung für ITW-Ferkel aus dem LEH-Fonds aus. Danach kann Schweinefleisch nur noch als ITW- bzw. LEH-„Haltungsform.de-Fleisch“ vermarktet werden, wenn die Tiere von der Sauenhaltung über die Aufzucht bis zur Mast nachweislich die Programkriterien erfüllen (sogenannte Nämlichkeit). Damit geht man weit über das staatliche Programm hinaus. Die Zahlung von 4,50 € je Ferkel bekommt man nicht mehr vom Fonds, sondern vom Mäster (Markt) – aber nur wenn der Mäster auch ITW-Teilnehmer ist. Da bisher 22 Mio. Schweine berechtigt sind, aber nur 19 Mio. Ferkel, fehlen 3 Mio. Ferkel. Beunruhigender ist aber die Tatsache, dass die Erzeugergruppen nicht aufeinander abgestimmt sind. Laut Auskunft der Schlachtbranche passt die durchgehende Nämlichkeit nur bei etwa der Hälfte der Schweine. Ob sich Mäster und Ferkelerzeuger zusammenruckeln oder nicht doch billige ausländische Ferkel eingestallt werden, wird die „Aufgabe des Jahres“ werden.

Minister untätig mit Hoffnung auf China

Die Hoffnung auf politische Unterstützung in der Schweinekrise wurde auf dem ministeriellen „Schweinegipfel“ mit den maßgeblichen Marktplayern enttäuscht. Allein die Hoffnung auf mögliche Exporte vor allem nach China verhinderte einen völligen Misserfolg. Sicherlich ist das Regionalisierungsabkommen positiv (das Exportverbot bleibt im Schweinepestfall auf betroffene Regionen begrenzt und gilt nicht wie bisher national), aber inwieweit es angesichts der weltweiten Preiskonkurrenz nachhaltige Absatzwege eröffnet, die auch den Erzeugern nützen, wird sich noch zeigen müssen. Eine geringere Weltmarktabhängigkeit hat auch Vorteile, wie sich zurzeit im Vergleich zu Spanien und Dänemark zeigt, die unter den Marktverschiebungen und Zöllen leiden. Zugleich wartet die gesamte Branche seit Monaten auf einen Entwurf für das THKG, weshalb Betroffene dem Minister Untätigkeit vorwerfen.

Der Marktbeobachter sieht eine verunsicherte Schweinefleischbranche, die in alle Richtungen ausschwärmt. Vor allem fehlen klare Perspektiven, um sich gemeinsam auf den Weg machen zu können. Zuverlässigkeit und Sicherheiten vom Stall bis zur Theke haben oberste Priorität. Die Weltlage ist unsicher genug. Das hatte die Borchert-Kommission verbandsübergreifend erarbeitet, ist aber angesichts der vielfältigen Krisen, der finanziellen Grenzen und der politischen Rollbackstrategien gescheitert bzw. von der Tagesordnung genommen. Diese verpasste Gelegenheit führt zu einem ökonomischen und politischen Vor und Zurück, zum Hin und Her. Mehr Tierwohl oder nicht zu viel, Förderung aber wer und für was, national oder mit ausländischer Ware, mit oder ohne Ferkelerzeugung – alles ist irgendwie unklar und offen. Für mögliche Betriebsentwicklungen bleiben große Risiken. Und jeder weiß: Investitionen verabscheuen Risiken. Die Krise ist mit Händen zu spüren – die Sorgen der Bäuerinnen und Bauern auch.