Marktbeobachtungen von Hugo Gödde +++ „Wer heute in Tierwohl investiert, gewinnt morgen Marktanteile“, zeigte sich Deike Harms, Landwirtschaftssprecherin bei Westfleisch, auf dem rheinischen Schweinetag überzeugt. Die Nachfrage des deutschen Lebensmittelhandels sei weiterhin da, wenn auch etwas gedämpfter. Nicht alle Marktexperten in der Schweinebranche sehen das zurzeit genauso. Zwar ist man sich einig, dass aktuell die Tierwohl-Haltungsstufen 3 (Frischluft) bis 5 (bio) nur einen Marktanteil von ca. 5% haben – gegenüber 1,5% von 2022. Auch wenn HF 3 das Potenzial habe, sich mehr als zu verdoppeln, so Harms, bleibt dennoch kurz- und mittelfristig die überwiegende Mehrzahl der Schweine in den unteren (tierschutzproblematischen) Kategorien. Das sei die Realität, polemisiert Hortmann-Scholten, Kammerberater in Niedersachsen, und nicht das „Wünsch-Dir-was“ einiger Discounter, die die Stufe des gesetzlichen Standards (HF 1) auslisten und ab 2030 nur noch Stufe 3 bis 5 ankündigen. Für die Standardstufen 1 (Vollspaltenstall) und 2 (Vollspalten plus etwas mehr Platz) müsse man wieder die Kostenführerschaft auf dem europäischen Markt anstreben.
Minister versagt bei der Gesetzgebung
Für die Schweinehalter steht aber nicht nur die Frage der gegenwärtigen „Realität“ im Raum, sondern entscheidend sind Antworten, wie es weiter gehen soll, welche Perspektiven sich auftun und wie sie investieren können/ wollen. Diese Fragen richten sich an die Abnehmer und zuallererst an die Politik. Nach vielversprechenden Empfehlungen der Borchert-Kommission ist der Staat weitgehend abgetaucht. Das Tierhaltungskennzeichen-Gesetz hat grobe handwerkliche Fehler und ist von August 2025 auf März 2026 verlegt und wird wohl weiter verschoben, weil das Ministerium zur Empörung der gesamten Branche untätig ist, einen neuen Entwurf vorzulegen. Das verbesserungswürdige, aber im Ansatz nicht schlechte Bundesprogramm ist ausgesetzt – ebenfalls zum Unverständnis aller Agrarverbände. „Ich war entsetzt“, „eine katastrophale Nachricht“, so die Reaktionen von Schweinehaltern. Minister Rainer steht massiv in der Kritik. „So treibt man den Strukturwandel voran“, „ratlos und hilflos“ hört man immer wieder über das Berliner Ministerium.
„Im ersten Halbjahr 2025 war schon eine gewisse Aufbruchsstimmung unter den Schweinehaltern zu verspüren. Nach dem Aus des Bundesprogramms zum Umbau der Tierhaltung (BUT) schlug die Stimmung im zweiten Halbjahr dann aber um“, gesteht auch Hortmann-Scholten. Über die Entscheidung, die politischen Ziele scheitern zu lassen, wird viel spekuliert. Selbst CDU-Agrarier Stegemann rätselt laut top agrar: „Ich spreche es offen an, es gab sicherlich auch ein Interesse Süddeutschlands, genauer Bayerns, das BUT auslaufen zu lassen. Bayern hat ein attraktives AFP-Programm und man kam deshalb recht schnell zu dem Schluss, die Förderung in die GAK zu integrieren. Schließlich profitiert die Länderförderung von der Umschichtung der Bundesmittel aus dem BUT in den Fördertopf der Gemeinschaftsaufgabe Agrarstruktur und Küstenschutz (GAK).“
Jedenfalls ist die einhellige Meinung, dass die Zukunft der Tierhaltung 2025 nicht vorangekommen ist.
Das Revival der „Kostenführerschaft“...
Wenn neue Konzepte nicht klar genug erarbeitet bzw. schnell genug umgesetzt werden, feiern alte Vorstellungen fröhliche Urständ. Das Comeback der Hoffnung auf Kostenführerschaft ist solch ein Konzept, bei dem man mit hoher Rationalisierung, Technisierung und Effizienz erwartet, die kostengünstigste Produktion zu gewährleisten. Diese Zielvorstellungen waren in den 1990er und 2000er Jahren angesagt und haben die deutsche Produktion zu einer neben Holland und Dänemark führenden Schweinenation Europas gemacht.
Diese Zeiten sind heute vorbei. Schon 2021 erklärte Franz Josef Möllers, ehemaliger Vizepräsident des DBV, in einem Interview: „Wir sind nicht diejenigen, die Preisführer sein werden. Wir müssen andere Ziele nach vorn stellen. Das fällt mir persönlich zuzugeben auch etwas schwer. In meiner aktiven Zeit dachte ich, wir seien Weltmeister in der Produktion, und wenn die Vermarktungsstrukturen stimmen, seien wir unschlagbar. Das sehe ich heute etwas anders. Wir müssen andere Ziele so lange diskutieren, bis sie ausgereift sind und dann auch durchziehen.“
... und die Realitäten
Neuerdings liegen die Ergebnisse des InterPIG-Preisvergleichs (einer internationalen Expertengruppe) für 2024 vor. Sie belegen, dass die Produktionskosten 2024 im Vergleich zu 2023 durch geringere Futterkosten gesunken sind. Im Durchschnitt der betrachteten Länder lagen sie bei 1,91 €/kg. Für Deutschland wurden Produktionskosten von 2,01 €/kg ermittelt, 11 Cent unter 2023. Damit liegt Deutschland im internationalen
Vergleich im hinteren Mittelfeld. Am günstigsten produzierte Brasilien für nur 1,07 €/kg SG oder die USA für ca. 1,50 €/kg – bedingt durch niedrigere Futterpreise und deutlich geringere Arbeits-, Energie- und Kapitalkosten. Im europäischen Vergleich hatte Dänemark 2024 mit 1,76 €/kg SG die Kostennase vorn. Spanien lag bei 1,79 €/kg SG, die Niederlande bei 1,82 €/kg SG und Frankreich bei 1,85 €/kg SG – alle deutlich unter den deutschen Kosten.
Der Marktbeobachter merkt an, dass ein Streben nach Kostenführerschaft auf das EU- Niveau von ca. 1,80 €/kg ein Aus für viele Betriebe bedeuten würde. Ein Produktionspreis auf Weltmarkt-Niveau (ca. 1,50 und tiefer) würde gar einen Strukturbruch ungekannten Ausmaßes hinterlassen. Schon beim aktuellen Preis von 1,60 €/kg bzw. 40 € pro Ferkel schreiben alle Erzeuger tiefrote Zahlen. Vielleicht sind sie für wenige, hochrationalisierte Betriebe in Intensivregionen im Sinne eines kurzfristigen Wegbeißens anderer aus der Produktion möglich, aber es wäre das Ende einer bundesweiten Erzeugung. Hortmann- Scholten: „Ich bin der Meinung, im Weser Ems-Gebiet sollten wir eindeutig weiterhin die Haltungsformen 1 und 2 präferieren. Die Ställe funktionieren in Veredelungsregionen mit hohen Schweinebeständen sehr gut. Bis auf einige Ausnahmen gehören HF 3 bis 5 nicht hier hin.“ Die Wiederbelebung des Kostenführerschaft würde sich im günstigsten Fall als Lobbyismus für Großbetriebe a la Weser- Ems herausstellen.
Richtig bleibt, der Umbau der Schweinehaltung ist kein Sprintrennen für ein oder zwei Jahre oder eine Legislaturperiode, sondern die Aufgabe einer Generation. Richtig bleibt auch, der Umbau ist auch eine gesellschaftliche und strukturpolitische, sprich staatliche Maßnahme und nicht allein des Marktes und der Verbraucherschaft. Richtig bleibt weiterhin, dass die Schweinehalter eine (möglichst abgestimmte) Zielrichtung benötigen, um Investitionen tätigen und einigermaßen absichern zu können. Ministerielle Untätigkeit und alte Rezepte taugen dafür nicht.
