Marktbeobachtungen von Hugo Gödde +++ Noch vor wenigen Wochen hatte man für das Restjahr 2025 stabile Schweinepreise vorausgesagt. Diese Woche stürzten sie nun überraschend um 9% auf 1,70 €/kg und die Ferkelpreise fielen gleich um 22% auf nurmehr 44 €/Ferkel hinterher. Zwar hatten die Schlachtunternehmen bereits seit dem Sommer über fehlende „Impulse“ vom Markt geklagt. Aber bisher hatten die Erzeugergemeinschaften noch dem Preisdruck standgehalten bzw. nur teilweise nachgegeben. Nun drohten die Schlachter mit reduzierter Abnahme, da die Fleischnachfrage stockte und auch nach den Ferien nicht wieder in Gang gekommen war. Zudem hat sich der europäische Markt gedreht und billige Importe drängen auf den heimischen Markt. Die Mäster haben den Rückgang weitgehend an die Sauenhalter weitergereicht. Sie sind mal wieder am meisten betroffen.
Keine Kostendeckung, keine Kostenführerschaft
Nach aktuellen Kalkulationen der Interessengemeinschaft der Schweinehalter (ISN) wäre für eine wirtschaftliche Produktion eine Schlachtschweinenotierung von etwa 2,00 € erforderlich, wenn alle Kosten inklusive Neubaukosten gedeckt werden sollen. Die Ferkelnotierung (ohne Zuschläge für Gewicht, Qualität etc.) müsste mindestens 64 € betragen. Selbst bei einer „praxisnahen“ Kalkulation mit abgeschriebenen oder nur anteilig bewerteten Stallanlagen wäre aktuell eine Notierung von mindestens 1,83 €/kg SG erforderlich, so die ISN. Für die Sauenhalter ergibt sich unter diesen Annahmen eine Ferkelgrundnotierung von mindestens 56 €. Jedes Schwein oder Ferkel wird also mit minus verkauft.
Auch wenn das Futter aktuell recht günstig gehandelt wird, liegen alle anderen Kostenfaktoren wie Energie, Personal, Tierarzt und Zinsen – und besonders die Baukosten – heute deutlich über den Zeiten von vor fünf Jahren. Die Zeit, dass die deutsche Produktion sich als Kostenführer in Europa fühlen konnte, ist längst vorbei – und weltweit spielen Brasilien und die USA in der Billigliga.
Höhere Leistung – weniger Bestände
Selbst eine erneute Leistungssteigerung in der Tierhaltung führt nicht mehr zu einer wirtschaftlichen Tragfähigkeit. Dabei sind z.B. die Tageszunahmen in der Mast in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Eine Leistungsexplosion mit 900 Gramm Wachstum am Tag oder gar mehr ist keine Seltenheit. Auch die Ferkelzahl pro Sau wuchs durch neue Genetik in den letzten zwei Jahrzehnten um 20-30%. Der Rückgang der Sauen ist folglich systembedingt und die Jahresproduktion Schweinefleisch erfordert weniger Stallplätze als je zuvor.
Aber der Leistungsentwicklung entspricht eben kein Wachstum im Konsum. Im Gegenteil ist der Verzehr von Schweinefleisch in den letzten 10 Jahren um ca. 25% gesunken. Zwar hat er sich in den letzten Monaten stabilisiert, aber schon ein leichtes Anwachsen der Schweinezahlen jetzt führt in die Krise. In diesem Jahr werden etwa ähnlich viele Schweine geschlachtet, aber eben schon zu viel für ein Marktgleichgewicht. „Eine unbefriedigende Nachfrage“ heißt es im Branchenjargon oder der „Fleischmarkt ist überausreichend versorgt“ – und die Erzeuger tragen die Folgekosten.
Immer wieder China?
Aber die aktuelle Marktschwäche ist nicht allein durch den fehlenden Inlandsabsatz verursacht, sondern auch durch das europäische Umfeld, das ebenfalls (saisonbedingt?) eine leicht steigende Schweinefleischproduktion vermerkt. Auch in den anderen wichtigen Erzeugerländern läuft der Absatz „lustlos“. In dieser Situation hat die chinesische Ankündigung auf Strafzölle für europäisches Schweinefleisch das Fass zum Überlaufen gebracht. Der geringere und teurere Export nach China drückt auf die Stimmung. Lange Zeit galt die Ausfuhr ins Reich der Mitte als lukratives Geschäft. Nun drosselt Peking den Import, um die mit viel Geld aufgebaute Eigenproduktion nicht zu gefährden. Besonders Vion (Niederlande) ist mit einem Zollsatz von 32% betroffen. Alle Chinaexporteure wie Spanien, Dänemark und Holland geraten unter Druck im Drittlandsmarkt und befeuern den Preissturz auch in Deutschland.
Seit Anfang Juli rauschte die deutsche Schweine-Notierung um 30% ab, der Ferkelpreis sogar um 80% von 85 € pro Ferkel auf aktuell 44 €.
Entsetzen bei Ferkelerzeuger
Noch bis zum Sommer herrschte Zufriedenheit bei den Sauenhaltern über den Marktpreis. Jetzt trifft sie der Absturz ins Mark. Zu dem Preisrückgang drohen im Hintergrund die Auflagen der Nutztier-Verordnung für das Deckzentrum in 2026 und bei der Abferkelung in 8 bis 10 Jahren. Die Sauenhaltung muss absehbar (Vorschrift) umgebaut werden – im Unterschied zur Mast, die man auf mehr Tierwohl umstellen kann bzw. will und die man (mit Verträgen) abzusichern versucht. Schon heute ist klar, dass die höheren Ferkelkosten vom Markt nicht ausgeglichen werden. Die Sorge vom Ausverkauf der Produktion ans (kostengünstigere) Ausland geht berechtigt um. Viele Ferkelerzeuger hatten für den Umbau auf das Bundesprogramm zum Umbau der Tierhaltung (BUT) gehofft und sind nun entsetzt über die Streichung durch die „Nacht-und-Nebel- Aktion“ des Ministers Rainer – sowohl für investive als auch für laufende Kosten. Marktkenner sind sich einig, dass ohne eine staatliche Förderung die Ferkelerzeugung in schweres Wasser gerät. Nicht umsonst spricht die gesamte Branche vom Bauernverband bis ISN und AbL von einem eklatanten Vertrauensbruch und fordert, die Entscheidung rückgängig zu machen. „Statt das Programm zu stoppen, müsste es angesichts der Herausforderungen sogar aufgestockt werden“, so Niedersachsens-Präsident Ehlers. Mit dem unter fadenscheinigen Argumenten („Placedo-Programm“) begründeten Ausstiegsbeschluss hat die Regierung der deutschen Schweinehaltung einen Bärendienst erwiesen.
Der Marktbeobachter hält fest: Qualitäts- statt Kostenführerschaft
- Der „neue“ Schweine- und Ferkelpreis deckt die Kosten bei weitem nicht.
- Auch bei umfassender Leistungssteigerung sind die höheren Erzeugungskosten durch Tier- und Umweltauflagen, Wasserschutz (Gülle), Personal, Energie, Kapitaldienst usw. nicht ausgeglichen.
- Die Kostenführerschaft ist weder in der EU und schon gar nicht weltweit zu erreichen.
- Zudem erschweren immer wieder Seuchenrisiken Exporterfolge. Da nützt auch keine regierungsamtliche „neue“ Exportstrategie.
- Stattdessen ist der heimische und der EU-Binnenmarkt der Zielmarkt.
- Der (auch EU-weite) Konsumverzicht bei Schweinefleisch erfordert eine Anpassung der gesamten Branche von der Erzeugung bis zum Handel.
- Statt Kostenführerschaft ist Qualitätsführerschaft das Gebot der Stunde.
- Das beinhaltet neben guten Produktionsleistungen eine Inwertsetzung von Tierwohl, Regionalität, Umwelt- und Klimaschutzleistungen usw.
- Glücklicherweise trägt der Einzelhandel (der größte Absatzträger) diese Qualitätsoffensive mit (höhere Haltungsformen, Vorrang für heimische Produktion durch 5xD usw.).
- Die notwendige Konsequenz ist der Umbau der Tierhaltung als Überlebensstrategie, nicht als Tierschutzshow.
- Ein Umbau-/Transformationsprozess ist langfristig anzulegen und erfordert Vertrauensschutz sowie eine gewisse Planungssicherheit. Da der Markt diesen Umbau nicht allein trägt, muss eine politisch-gesellschaftliche Unterstützung den Prozess ergänzen. Ein Abbau staatlicher Förderung ist Gift für den Prozess und ein fatales Signal für die Erzeuger, die sich auf den Weg zum Umbau machen.
