Milchmarkt: rekordverdächtig, aber unberechenbar

Marktbeobachtungen von Hugo Gödde

Selbst Fachleute des Milchsektors kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Manche sehen eine „Zeitenwende“ gekommen, andere vermuten, dass man noch seinen Kindern von dieser milchverrückten Zeit erzählen wird. Auch Experten fällt es schwer, die Entwicklungen des Jahres 2022 einzuordnen. Prognosen für das kommende Jahr trauen sich nur ganz Mutige zu.

Milchpreis auf Spitzenniveau

Besonders auffällig ist die Rekordjagd des Milchauszahlungspreises. War es im letzten Jahrzehnt kaum möglich, einzelne Cents am Markt durchzusetzen, scheint es seit einem Jahr kein Halten für den Preisanstieg zu geben. Der Durchschnittspreis für September ist auf etwa 58 ct/kg gesprungen, viele Molkereien besonders im Norden zahlen über 60 Cent aus. Für das gesamte Jahr rechnen Marktkenner mit durchschnittlich klar über 50 Cent. Damit steigt der Milchpreis gegenüber dem Vorjahr um sage und schreibe fast 50%.

Zur Erinnerung: seit 1990 bewegt sich der Grundpreis des Milchgeldes für Erzeuger um die 30 bis 33 ct/kg, mit leichten Abweichungen nach oben (2013/ 2014) oder nach unten (2005/2006/2016). Noch 2021 lag der Durchschnitt bei 36,4 ct/kg. Und in diesem Jahr nun diese Explosion, die sich zwar auf dem Weltmarkt und an der Milchbörse schon im letzten Jahr andeutete, aber erst in 2022 auch bei den Bäuerinnen und Bauern ankommt.

Regionale Unterschiede

Erstaunlich sind die regionalen Preiswendungen. In den letzten Jahren lagen die süddeutschen Molkereien im Auszahlungspreis immer vorn. Inzwischen sind sie von den norddeutschen deutlich abgehängt. So rangiert Schleswig-Holstein im August mit 59,71 ct/kg an der Spitze vor Niedersachsen mit 59,22 Cent. Bayern und Baden-Württemberg bilden abgeschlagen mit 54,1 bzw. 54,3 Cent die Schlusslichter. Alle anderen Bundesländer drehen sich um den Bundesschnitt von 56,8 ct/kg. Da zudem Bayern auf Grund seiner kleineren Strukturen und höheren Produktionskosten nur schwer mit den größeren Betrieben im Norden und Osten konkurrieren kann, trifft diese Ungleichheit die (bäuerlichen) Betriebe doppelt. Die Süd-Molkereien beliefern eher den heimischen und EU-Markt, der aber aktuell weniger profitabel als der Export ist. Zurzeit haben Exportmolkereien die Nase vorn – mit dem Risiko des „volatilen“ (sprunghaften) Weltmarktes.

Erstmals Vollkostendeckung

Für das zweite Quartal hat nun das MEG Milch Board seine Preis-Kosten-Relation vorgelegt. Laut dem Milch-Marker-Index (MMI) sind zur vielfachen Verwunderung die Betriebskosten seit Beginn des Jahres nur leicht gestiegen, während die Erzeugerpreise stark anzogen. Dies führte im Juli 2022 trotz der hohen Kosten erstmals zur Deckung der Milcherzeugungskosten. Die Preis-Kosten-Ratio lag bei 1,16, d. h. die Milcherzeugungskosten waren zu 116 % gedeckt. Der Vorstandsvorsitzende der MEG Milch Board Frank Lenz zeigte sich „froh und glücklich“: „Die aktuellen Milchauszahlungspreise bringen Geld und Perspektive auf die Höfe; die steigenden Kosten werden aufgefangen. In den Regionen Nord und Ost verzeichnen wir sogar Gewinne.“ Begründet wird der relativ geringe Anstieg der Kosten mit einer Reduktion von teuren Düngemitteln, von Kraftfutter und ausreichend Grundfutter aus dem letzten Jahr. Die Trockenheit in diesem Sommer hat aber bereits regional zu höheren Raufutterzukäufen geführt. Der preisliche Nachholbedarf im Süden dürfte aber für die Strukturentwicklung bzw. mögliche Hofaufgaben eine wichtige Rolle spielen.

Knapp versorgter Markt

Als wesentliche Gründe der Preishausse werden die bundesweite, aber auch weltweite Knappheit der Milchversorgung und die hohe globale Nachfrage genannt. Tatsächlich ist die Anlieferung in Deutschland in diesem Jahr bisher 1 bis 2% unter Vorjahr. Auch in der EU sieht es nicht anders aus, ebenso beim Weltmarktführer (hinter der EU) Neuseeland. Allein dieser geringe Rückgang gestützt durch eine starke Nachfrage aus China hat den Weltmarkt explodieren lassen. Erstaunlich ist aber die Tatsache, dass die hohen Preise bisher die Produktion kaum angeheizt haben, was in anderen Perioden eine betriebswirtschaftliche Selbstverständlichkeit war.

Milch ist weiterhin weltweit gesucht, aber volatil – wie es heute heißt – und mit großer Unsicherheit versehen. Die Milchauszahlungspreise sind exportgetrieben. Der Absatz im Export bestimmt das Weltgeschehen und der ist unkalkulierbar. Frank Lenz schätzt, dass das geringe Angebot weiter für hohe Preise sorgen wird. Darin sieht er gleichzeitig Chance und Gefahr: „Wir können jetzt langsam beginnen, die durch die jahrelange Unterdeckung entstandenen Lücken zu schließen.“ Aber es sei gefährlich, wenn wir weiter auf den globalen Markt hoffen und nicht aktiv unsere Marktposition verbessern.

Biomilch gut, aber nicht gut genug

Die Auszahlungspreise für Biomilch sind in den letzten Monaten gestiegen, aber weniger kräftig als bei den konventionellen Betrieben. Im August lag das Mittel laut der Bundesanstalt bei 59,12 Cent, im September über 60 ct/kg. Das sind überragende Werte gegenüber den Vorjahren, aber im Verhältnis zum „Normalmarkt“ ist der Unterschied auf ca. 2,5 Cent gefallen. „Das lohnt die Umstellung nicht,“ berichten Bio-Berater, „und man muss erst einmal einen Abnehmer finden.“

Auch beim Biopreis haben die norddeutschen Molkereien die süddeutschen Unternehmen überholt. Begründet wird es u.a. mit deren höherer Produktivität. Außerdem sind sie begünstigt durch die Prioritätsverschiebung der Konsumenten hin zu Handelsprodukten und zum Discount. Markenorientierte Molkereien wie Berchtesgadener oder Andechser haben es zurzeit schwerer. Und wer schwerpunktmäßig den Naturkosthandel beliefert, ist doppelt betroffen.

Quo vadis in 2023

Über die Perspektiven in den nächsten Monaten scheiden sich die Meinungen. Für den Hauptgeschäftsführer des Milchindustrieverband Heuser ist die Milchpreisrallye noch nicht beendet. Bei rückläufigen Anlieferungen und geringeren Milchinhaltsstoffen herrsche vor allem in Süddeutschland ein großer Wettbewerb um die knappe Rohmilch. Bei Käse und Konsummilch erwartet er in nächster Zeit noch Preisanhebungen, bei Butter und Milchpulver nicht. Dafür seien auch längerfristige Kontrakte verantwortlich. Für die Zukunft geht er davon aus, dass der „Milchpeak“ der Anlieferung überschritten ist – auch in der EU. Denn es gebe weniger Betriebe und Kühe. Das würde die Preise hoch halten.

Andererseits sei auch der Absatz von Milchprodukten wegen der hohen Preise rückläufig. Der Konsummilchmarkt ist besonders eingebrochen, nicht zuletzt durch Milchalternativen wie Hafer- oder Sojamilch, die inzwischen etwa 10% Marktanteil bei der Trinkmilch haben.
Zudem dürfe die EU- Konkurrenz nicht unterschätzt werden. In Frankreich werde etwa 10 ct/kg Milchgeld weniger gezahlt.

Hält der Export?

Aber die Rekordhöhen hängen vom Weltmarkt ab. Die globale Nachfrage hat das Niveau befeuert. Der leichte Lieferrückgang kann die Spitzenwerte nicht erklären, zumal die Inflation die Kunden zurückhaltender werden lasse. Nun fragen sich natürlich alle Marktanalysten, wie lange das Hoch anhält. Noch liegen die Preise an den Weltbörsen für Milcheiweiß leicht und Milchfett deutlich über Vorjahr, aber seit dem Rekordstand im Frühjahr geht es Schritt für Schritt rückwärts. Milchpulver notiert bereits 20-30% niedriger. Auch Butter und Käse haben wohl ihren Höhepunkt überschritten, liegen international im Jahrestief. An den süddeutschen Börsen bleiben sie aber noch ca. 40% über Vorjahr. Als Grund wird neben den hohen Preisen vor allem die schon länger anhaltende Kaufzurückhaltung des weltweit größten Importeurs China genannt. Von Januar bis Juli importierte die Volksrepublik laut EU-Kommission im Vergleich zum Vorjahreszeitraum rund 11 % weniger Vollmilchpulver und 28 % weniger Magermilchpulver. Noch Anfang des Jahres hieß es begeistert in Kreisen der Exportmolkereien, dass „China uns leer trinkt.“ Das verringerte Wachstum im Reich der Mitte wirft schon seine Schatten voraus. Und die hohe Abhängigkeit von China auch im Milchmarkt bringt viele Marktteilnehmer zum Überdenken ihrer Unternehmensausrichtung. (Nicht auszudenken, wenn China Taiwan angreift und der Westen mit Sanktionen antwortet.)

Irgendwie wird der Marktbeobachter erinnert an die Aussage von Bert Brecht vor 100 Jahren, auch wenn die Zeit eine andere geworden ist.
„Der Bauer kümmert sich um seinen Acker,
Hält sein Vieh instand, zahlt Steuern,
macht Kinder, damit er die Knechte einspart und
hängt vom Milchpreis ab.“  
(Bert Brecht)

25.10.2022
Von: Hugo Gödde

Milchvieh rechnet sich bis ....Foto: FebL