Meldungen vom Milchmarkt

Marktbeobachtungen von Hugo Gödde

Aldi: Spektakulärer Milchpreisanstieg

Die Verbraucherpreise für Milch sind zum 1. Juli erneut kräftig gestiegen. Aldi hat zum Monatsanfang das Signal für eine neue Preisrunde bei Molkereiprodukten gegeben. Die Höhe des Preissprungs überrascht selbst intimste Marktkenner. Den spektakulärsten Anstieg erlebt Bio-Milch. Die Bio-Vollmilch kostet statt bisher 1,15 Euro seit heute 1,69 Euro. Aber auch die Preise für konventionelle Trinkmilch ziehen deutlich an. So verteuerte sich der Liter frische Vollmilch von 92 Cent auf 1,09 Euro und die fettarme Frischmilch um 15 Cent auf jetzt 99 Cent. Bei konventioneller Milch war es bereits die vierte Preisrunde in diesem Jahr. Auch andere Milchprodukte wie Quark, Joghurt oder Sahne sind betroffen.

Die anderen Qualitätsmilchprogramme reihen sich ein. So verteuert sich der Liter Weidemilch von 1,15 auf 1,45 € und die „Fair und Gut“–Milch mit dem Label des Tierschutzbundes von 1,09 auf 1,39 €. Hintergrund sollen die neuen Preisabschlüsse für die „weiße“ Linie mit den Molkereien ab Juli sein, die jetzt greifen. Butter war in den letzten Monaten aufgrund kürzerer Vertragslaufzeiten in den Läden bereits mehrfach, Käse im Mai erhöht worden.
Der Preissprung wurde wie üblich umgehend von allen Konkurrenten übernommen. Edeka und Lidl haben noch am Samstag auf den Cent genau angepasst.

Abstand Bio zu konventionell steigt wieder

Damit ist der Preisabstand zwischen Bio-Artikeln und konventioneller Ware wieder deutlich gestiegen. Die Preise hatten sich zuletzt eher angenähert, weil die konventionelle Milch mehrfach verteuert wurde, während die Bio-Milch nur einmal moderat von 1,09 auf 1,15 €/l angehoben wurde. Jetzt ist der Sprung umso erstaunlicher, weil der Biomilcherzeugerpreis in den letzten Monaten nur moderat angestiegen ist. Die Marktkommentatoren von Bioland haben eine Steigerung von durchschnittlich 5 Cent auf 55 ct/kg seit Jahresanfang errechnet. Und auch die Warenverfügbarkeit ist kein Problem, weil der Absatz zurzeit eher leicht rückläufig ist. Da passt eine Erhöhung um über 50 Cent nicht in die Zeit, zumal sich bei den hohen Preissteigerungen von Lebensmitteln der LEH eigentlich als Inflationsbremse profilieren will.
Marktexperten rätseln, was Aldi und folgend alle anderen dazu treibt, mit derart dramatischen Preissprüngen die Linie der Preisdämpfung zu verlassen.

Aus anderen Bereichen hört man eher von heftigen Preiskonflikten zwischen Handel und Herstellern. So senkt Aldi am Wochenende die Preise für wichtige Fleischartikel (Hack, Bratwurst, Steaks) um 10%. Dabei weiß jeder im Handel, dass gerade der Schweinefleischsektor sich in einer existenzbedrohenden Lage befindet. Auch die letzten Verhandlungen der Molkereien seien hart geführt worden. Edeka (Werbekampagne: „Inflationsstopp“) und Rewe haben angekündigt, jede „ungerechtfertigte“ Forderung zurückzuweisen. Die Verwirrung bei allen Beteiligten ist groß.

Der Marktbeobachter merkt an, dass es bei derartig „geregelten Verhältnissen“ (Aldi gibt vor, alle ziehen nach) gar keiner Preisabsprachen mehr bedarf und auch ein Kartellamt überflüssig wird. Aber noch interessanter wird sein, wieviel z.B. die Biomilchbäuerinnen und Bauern davon bekommen.

 

Milchwerke Berchtesgadener Land gehen eigenen Weg

Eine andere, spezielle Vermarktungsstrategie verfolgen die Milchwerke Berchtesgadener Land. Mit Preisdisziplin für ihre Bauern und Kunden sowie mit hohen Investitionen für die Zeit „nach der Krise“ wappnen sie sich für die andauernde Krise. Schematische Preiserhöhungen über das ganze Sortiment werden abgelehnt, um dauerhafte Verlust von Stammkunden für Bergbauern- und Bio-Milch zu vermeiden. Dabei ist zu vermerken, dass die Molkerei aus Piding mit haltbarer und frischer Trinkmilch und einer starken Marke in Bayern Marktführer ist.

Vor zwei Jahren waren sie im Spitzenfeld der Auszahlungspreise zu finden. 2021 rutschten sie angesichts der galoppierenden Betriebskosten ins Mittelfeld, weil sie vor allem im zweiten Halbjahr die Erzeugerpreiserhöhungen nicht mitmachten (konnten).

 „Wir denken an die Zeit danach“, betont Geschäftsführer Bernhard Pointner. Die große Mehrheit der 1.700 Mitglieder stehe hinter der „sehr konservativen Unternehmenspolitik“ und sei bereit, für die Vorbereitung auf mögliche Stromsperren und Gaslieferstopps sowie für die dauerhafte Sicherung der eigenen Marktposition auf die kurzfristige Maximierung des Erzeugermilchpreises zu verzichten.

Aber es ist festzuhalten, dass nicht nur die Spitzenposition „vorübergehend geopfert wurde“, wie die Lebensmittelzeitung berichtet, es geht auch nicht um die Aufgabe einer kurzfristigen Maximierung der Bauernpreise, sondern man ist mit durchschnittlich knapp 40 ct/kg für Januar bis Mai eher auf den Abstiegsplätzen der Rangliste zu finden.

Stattdessen setzt sie erhebliche eigene Mittel ein, um sich unter anderem mit einer zusätzlichen Ölfeuerungsanlage einschließlich eigener Tankwagen und mit großen Vorräten an Glasverpackungen auf den Notfall vorzubereiten. Auch die vorige Woche in Betrieb genommene neue Glasanlage nennt Pointner „ein Spiegelbild unserer sehr nachhaltigen Unternehmenspolitik“. Dass ein Invest von 35 Mio. Euro ohne Kredite getätigt werden konnte, sei dieser Nachhaltigkeit zu verdanken. Mit der hochmodernen Abfüllanlage rüste man sich „für die Zeit nach dem Krieg“, wenn Klimaschutz und Nachhaltigkeit wieder in den Vordergrund träten. Aber die Pidinger werden sicher konstatieren müssen, dass aktuell gerade nicht die Glasflasche auf der oberen Wunschliste des Handels steht. Das erfordert einen längeren Atem für ein „return of invest“. 

Außenseiter bei Preisstrategie

Ein eigenen Weg geht man bei den seit Monaten andauernden Preiserhöhungen. Nur in kleinen Schritten sollen die Preise angehoben werden. Zahlreiche Kunden wechselten wegen der zu hohen Preise von der Demeter Flaschenmilch direkt zu den Eigenmarken der Discounter. Diesen Trend wolle man bremsen und werde dabei auch von Kunden unterstützt.

Sonst würde das Premiumsegment dauerhaft Kunden an die Preiseinstiegsstufe verlieren. Herstellermarken erlitten bereits Absatzeinbrüche bis 80 Prozent, so der Geschäftsführer. Erzeugerpreise von 55 Cent oder mehr, wie sie derzeit im Schnitt gezahlt werden, ließen sich im Weißen Sortiment nicht erwirtschaften.

Die Molkereiführung glaubt den Erzeugern etwas zumuten zu können, denn schließlich war man über Jahre mit ihrer Marke Bergbauern sehr erfolgreich. Laut dem jüngsten zugänglichen Geschäftsbericht stieg der Umsatz 2020 um 7 Prozent auf 288,2 Mio. Euro. Von der Verarbeitungsmenge von 350 Mio. kg entfällt ein Drittel auf Bio- und Demeter-Milch.

Der Marktbeobachter warnt, die Verlässlichkeit der „guten Zeiten“ darf angesichts der Kostenentwicklung auf den Höfen nicht überdreht werden. Sonst klingt es mehr nach Vertröstung als nach kluger Ausrichtung für die Zukunft. Außerdem wird genau zu verfolgen sein, wie sich diese Strategie in der Folge der Preissprünge für Bio im LEH und discount bewährt.

 

Hochwald und die Chinesen

Während zunehmend Branchen vor einer zu starken Abhängigkeit von China warnen, zeigt sich die Molkereigenossenschaft Hochwald überzeugt vom Absatzmarkt in Fernost und verstärkt die Zusammenarbeit mit einem chinesischen Partner.

Schon jetzt erzielt Hochwald, die Nr. 4 in Deutschland nach DMK, Müller-Milch und Hochland, etwa die Hälfte des Umsatzes im Ausland. Mit einer neuen Molkerei, die Ende Juni in Mechernich bei Köln offiziell eröffnet wurde und die ausschließlich haltbare Produkte herstellt, will Hochwald den „wichtigsten Markt“ verstärkt in den Blick nehmen. Das Werk Kaiserslautern wurde im Rahmen einer Kooperationsvereinbarung in ein Joint Venture mit dem chinesischen Partner Pinlive (50%) überführt, der gleichzeitig für die nächsten 10 Jahre eine Abnahmeverpflichtung eingegangen ist. „Durch die Zusammenarbeit mit unserem größten chinesischen Kunden stärken wir die internationale Ausrichtung und sichern uns weiter eine starke Präsenz auf dem wachsenden chinesischen Markt“, erläuterte Geschäftsführer Latka auf der Vertreterversammlung der Hochwald Milch eG. Bisher liegt laut Geschäftsbericht 2021 der Drittlandsumsatz aber erst bei 16%, der EU-Export bei 32%.

Nach schwierigen Jahren 2018/2019 – vor allem die Tochterfirma Almil schrieb tiefrote Zahlen  -  hatte der China-Export 2021 die Geschäftsminen etwas aufgehellt, obwohl die Produktion des Werkes in Erfttal durch die Flutkatastrophe im Ahrtal zeitweise stillstand. Lokal verwurzelt und zugleich international ausgerichtet soll die neue Molkerei laut Latka sein. „Mit Mechernich beginnt für Hochwald eine neue Entwicklungsphase“, sagte der CEO. Der Export lange haltbarer Milchprodukte spielt dabei eine wichtige Rolle.

Trotz der Beschwörung des Leitmotivs „Mit Mut nach vorne!“ ist sich aber die Molkereiführung durchaus des Risikos bewusst. Immerhin investierte man 210 Mio. Euro in den neuen Standort. Bei einem Umsatz von 1,6 Mrd. € ist das schon ein „großer Schluck aus der Pulle“. Dafür wurden Genussscheine aufgenommen und von den Genossen eine Kapitalerhöhung beschlossen.

2021 lag Hochwald mit einem Auszahlungspreis von 36,2 ct/kg etwa im Bundesdurchschnitt. In diesem Jahr bewegt man sich eher im unteren Mittelfeld. Dabei hat der Vorstandsvorsitzende Manderscheid einen Platz unter den 25% Besten als Ziel gesetzt.

Rund 250 Mitarbeiter sollen 800 Mio. kg Milch im Jahr verarbeiten. Im neuen Werk wird die Milch von über 1.200 der insgesamt 2.380 genossenschaftlichen Lieferanten der Hochwald-Gruppe verarbeitet, 40 Prozent der Mitgliedermilch. Die Verarbeitung in Erftstadt läuft aus.

Damit das Geschäft profitabel ist, muss Mechernich hocheffizient und ausgelastet sein. Beim jetzigen Milchpreisniveau ist es leicht, eine Umsatzsteigerung für 2022 vorauszusagen. Latka erwartet über alle Milchprodukte etwa 35%. Aber die Herausforderung ist, dass die „modernste Molkerei Europas mit neuen Standards der Automatisierung und Digitalisierung“ die gesteckten Ziele der Wertschöpfung erreicht. Im vergangenen Jahr ist die Milchanlieferung bei Hochwald von 2,31 auf 2,17 Mrd. kg zurückgegangen. Deshalb wirbt Latka um neue Mitglieder und Kooperationspartner. Da passt es gerade, dass durch die Übernahme des Deutschlandgeschäfts von FrieslandCampina durch Müller spätestens im kommenden Jahr Bewegung in die Milchregion NRW kommt.