Vion-Übernahme durch Tönnies überraschend am Kartellamt gescheitert – Strukturprobleme ungelöst

Marktbeobachtungen von Hugo Gödde +++ Der heimische Vieh- und Fleischmarkt steckt weiterhin in Turbulenzen. Rückgang an Schlachtzahlen, „relativ teures Vieh und Fleisch“, unausgelastete Schlachthöfe, ungelöste Strukturprobleme, die Tierhaltungspolitik wieder in der Warteschleife und – wenn es schlecht kommt – Schweinepestfälle in NRW. Zurzeit kommt es knüppeldick für die Branche. Und jetzt greift auch noch das Kartellamt (endlich?) in die Strukturkonzentration ein, allerdings ohne konkrete Lösungen anzubieten.

Kartellamt verbietet Übernahme

Zur Überraschung vieler Branchenkenner hat das Bundeskartellamt das Vorhaben der Tönnies International Management GmbH untersagt, mehrere Unternehmen und Beteiligungen von der Vion GmbH und der Vion Beef B.V., insbesondere die süddeutschen Schlachthöfe in Buchloe, Crailsheim und Waldkraiburg, zu erwerben. Andreas Mundt, Präsident des Bundeskartellamtes, begründet es mit einer marktbeherrschenden Stellung des Käufers. „Die Übernahme der Vion-Standorte hätte die Marktposition von Tönnies zum Nachteil der Landwirtinnen und Landwirte und der verbleibenden kleineren Wettbewerber in den betroffenen Regionen bedenklich verstärkt. Tönnies hätte neben seiner bereits dominierenden Position in der Schlachtung und Verarbeitung von Schweinen in Deutschland auch im Bereich Rinder eine Führungsposition erlangt. Die Übernahme würde die Ausweichmöglichkeiten der Erzeuger und Abnehmer verringern und so die Marktstellung der Tönnies-Gruppe und deren Handlungsspielräume erweitern. Nachteile wären auch bundesweit für Abnehmer von Schlachtprodukten entstanden.“

Im letzten Jahr hatte der holländische Konzern Vion, die Nr. 1 im deutschen Rindfleisch- und die Nr. 2 im Schweinefleischmarkt, bekanntgegeben, sich weitgehend aus ihrer bisherigen Geschäftstätigkeit in Deutschland zurückzuziehen und ihre hiesigen Standorte zu verkaufen. Im Zuge dieses Rückzugs wurden bereits mehrere Standortverkäufe freigegeben, u.a. an die Erzeugergemeinschaft Südbayern. Sind schon alle Möglichkeiten der weiteren Aufteilung des Konzerns geprüft? Schließlich hatte sich Vion durch die Übernahme von Moksel und Südfleisch (und NFZ im Norden) ein Imperium zusammengekauft, das aber häufig durch Strategiewechsel und weniger durch Kontinuität glänzte.

Regionale Marktbeherrschung

Die Übernahme vor allem der Schlachthöfe Waldkraiburg, Buchloe und Crailsheim durch Tönnies, Schweineschlachter Nr.1 mit 30% Marktanteil, hätte nach Ansicht der Behörde Auswirkungen auf die Erfassung von Rindern und Schweinen, die Schlachtung selbst, die Zerlegung und den Absatz der Schlachtprodukte. Immerhin ist Vion der bisherige Marktführer im Bereich der Rinderschlachtung in Süddeutschland. Tönnies betreibt bereits Schlachthöfe in angrenzenden Gebieten: Altenburg und Kempten (Rinder) und Weißenfels (Schweine). Mit einer Übernahme der Vion-Standorte würde Tönnies in den Einzugsgebieten der Schlachthöfe Marktanteile von deutlich über 40 Prozent erreichen, mit weitem Abstand zu den verbleibenden, deutlich kleineren Wettbewerbern und somit eine marktbeherrschende Stellung erreichen, kritisiert Kartellamtspräsident Mundt.

Tönnies sauer – Vion gibt sich gelassen

Während Tönnies die Entscheidung scharf kritisiert, von einem „harten Schlag für die Landwirte“ spricht und Widerspruch beim Oberverwaltungsgericht Düsseldorf prüft, gibt sich Vion vordergründig gelassen. Alles gehe weiter wie bisher, die Landwirte hätten keine Nachteile. Die deutschen Standorte arbeiteten profitabel und seien weiterhin ein verlässlicher Partner für Kunden und Landwirte, verkündet die Chefin Tjarda Klimp. Man könne auch die Betriebe weiterführen. Marktexperten zweifeln an der optimistischen Darstellung. In den letzten Jahren sei an mehreren Standorten ein erheblicher Investitionsstau entstanden, der auf insgesamt mind. 100 Mio.€ geschätzt wird. Ob sich neue Anbieter finden lassen, sei angesichts der rückläufigen Schlachtzahlen fraglich. Viele Rinderschlachtbetriebe in Deutschland leiden derzeit und in Zukunft unter fehlender Auslastung und roten Zahlen im Verkauf vor allem der edlen Teilstücke mit einem Mengenrückgang von 20 bis 30 %, so NRW-Kammerexperte Greshake. Selbst die marktliberale Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN) hält den Übernahme-Stopp für nachvollziehbar. Aber was sei die Alternative z.B. für Crailsheim, wo jährlich 1 Mio. Schweine geschlachtet werden. Andererseits stehen momentan Mittelständler mit klarem Profil und gefestigter Stammkundschaft noch relativ stabil im Markt.

Söder und Kaniber enttäuscht

Nicht zuletzt hatte sich auch die bayerische Landesregierung für Tönnies stark gemacht – und ist jetzt enttäuscht. Bayerns Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber äußert massives Unverständnis. Anstatt froh zu sein, dass ein deutsches Unternehmen Schlachthöfe übernehme und massiv in die Zukunft investiere, schiebe das Kartellamt den Riegel vor. „Dieser Schritt ist für mich absolut nicht nachvollziehbar.“ Die Entscheidung verhindere dringend benötigte Investitionen in Schlachtkapazitäten und kurze Transportwege in Süddeutschland. „Unsere Rinderbetriebe stehen erneut vor der Frage, wo künftig ihre Tiere abgenommen werden.“ 25% des bundesweiten Rindfleisches werden in Bayern geschlachtet und benötigen stabile regionale Strukturen. Sie warnt: „Es handelt sich dabei um kritische Infrastruktur, die es zwingend zu erhalten gilt. Wir dürfen die vorhandenen und bisher funktionierenden heimischen Verarbeitungsketten vom Hof bis zum Verbraucher nicht grundlos gefährden.“

Der Marktbeobachter wundert sich über das Kartellamt. Es hat endlich mal seinen Job gemacht und Zähne gezeigt, was es sonst vermissen lässt angesichts der drastischen Konzentrationsprozesse in der Lebensmittelwirtschaft. Es kann nun in der Übernahme der DMK durch Arla beweisen, dass dies kein Ausrutscher war. Nur - kommt die Behörde zu spät und zeigt der Fall, dass der Prozess der übermächtigen Marktmacht einzelner Konzerne bereits so weit fortgeschritten ist, dass er ohne Verluste für Lieferanten oder Abnehmer nicht mehr rückgängig zu machen ist? Die Marktbeherrschung hat die Behörde zu Recht aufgezeigt, aber keine Lösung für die Landwirte angebahnt. Wohin können sie demnächst liefern, wenn als begrenzender Faktor 200 oder 300 km Transportweg angegeben werden? Wer übernimmt defizitäre Konzernriesen? Könnte eine Aufgliederung oder Reduzierung bei gleichzeitigem Neuaufbau überhaupt möglich sein? In der Coronazeit wurde mal über regionale Schlachthöfe und Lieferketten sinniert, aber das ist ohne Folgen lange vorbei. Breiterer Wettbewerb ist nur ein Schlagwort in politischen Sonntagsreden. Konzentration und Zentralisation scheint schicksalhaft in unserer Marktwirtschaft. Dabei lernen wir doch gerade in der Energiepolitik, dass es nicht nur einen Weg geben darf, um Abhängigkeiten zu verhindern. Einmal zerstörte Strukturen wiederherzustellen ist schwierig und in der Regel teuer. Noch immer gilt Größe und Marktmacht als oberste Maxime. „To big too fail“ scheint weiterhin ein erstrebenswertes Konzernziel zu sein. Der Widerspruch bleibt: Das Kartellamt lehnt die Übernahme ab ohne Lösung für die Tierhalter. Die bayerische Regierung und der Bauernverband rufen nach Tönnies als dem Retter, um ihm demnächst wieder als Konzernmoloch und Preisdrücker anzugreifen. Von einer wirklichen Umstrukturierung und Transformation sind wir noch weit entfernt.