Wurstmarkt: Nr. 1 schluckt Nr. 2 – und das Kartellamt gibt seinen Segen

Marktbeobachtungen von Hugo Gödde +++ Die Konzentration in der Lebensmittelindustrie geht in die nächste Runde. Neben der Schlachtindustrie steht seit einiger Zeit die Wurstbranche, die bisher eher mittelständisch organisiert ist, auf der Tagesordnung des Strukturwandels. Unternehmensberater und „Marktexperten“ fordern immer wieder eine beschleunigte Bereinigung des Marktes durch Übernahmen bzw. Fusionen oder Ausscheiden. Nun hat sich der Marktführer, die zu Tönnies (neuerdings Premium Food Group, PFG) gehörige Zur Mühlen-Gruppe, die Nr. 2 (The Family Butcher, TFB) einverleibt und das Kartellamt hat die Übernahme ohne Auflagen abgesegnet.

Die Akteure am Wurstmarkt    

Obwohl die Wursthersteller laut Lebensmittelzeitung zuletzt hauptsächlich preisbedingt zulegen konnten, ist die Unruhe in der Branche seit langem unüberhörbar. Der größte Akteur ist die Zur-Mühlen-Gruppe mit einem geschätzten Umsatz von 1 Mrd. €. Dahinter rangiert(e) die „TheFamilyButcher“ (TFB), die aus einer Fusion des niedersächsischen Unternehmens Kemper und der westfälischen Marke Reinert (bekannt für Bärchenwurst und Sommersalami) hervorgegangen ist, mit 775 Mio. € Umsatz. Es folgen Sutter (Rheinhessen) mit 426 Mio. € und Stockmeyer (Westfalen) mit 400 Mio. €. Platz 5 belegt Wolf (Bayern) mit 357 Mio.€ vor Bell (Coop Schweiz) mit 350 Mio.€ Umsatz.

Kartellamt nickt ab

Nun hat das Kartellamt grünes Licht gegeben für die Übernahme der TFB durch die Tönnies-Holding. Damit baut der Marktführer der Schlachtindustrie auch seinen Vorsprung im Fleischwarenbereich weiter aus. Für die Wettbewerbshüter aber offensichtlich kein Problem. In nur vier Wochen ging die Prüfung über die Bühne. Die führende Position habe man berücksichtigt, aber keinen Grund zur Untersagung gesehen, so Präsident Mundt. „Es gibt zahlreiche konkurrierende Hersteller und damit genügend Alternativen für die Kundenseite, die Lebensmittelhändler.“ Außerdem hätten viele Handelskonzerne (Edeka, Kaufland, Rewe) eigene Wurstfabriken und in keinem Sortiment wie Brüh-, Roh- oder Kochwürste läge ein Marktanteil von 40% vor; daher sei ein Eingreifen des Amtes nicht gegeben, „trotz der starken gemeinsamen Marktposition und erheblicher Marktanteilszuwächse von PFG und The Family Butcher,“ rechtfertigt Mundt die Untätigkeit. 

Branche mit strukturellen Überkapazitäten

Die Übernahme durch den big player ist auch ein Zeichen der Schwäche und der Überkapazitäten der Wurstbranche. Der eklatante Rückgang des Schweinefleischverzehr trifft auch die Verarbeitung, zumal die meisten Wurstprodukte aus Schweinefleisch hergestellt werden. Immer wieder werden altbekannte Unternehmen zu Übernahmekandidaten. Zudem wechseln die Produzenten häufig ihre Sortimentsgestaltung (z.B. Spezialisierung) und ihre Ausrichtung, weil die Abhängigkeit von den Einzelhandelskonzernen hoch ist und die einzelnen Hersteller regelmäßig gegeneinander ausgespielt werden. Der Verlust der Listung für eine Produktkategorie ist nicht selten existenzbedrohend.

Auch die Fusion von Kemper und Reinert im Jahre 2019 wurde zunächst als Schritt für die Zukunft der Unternehmen verkündet. Tatsächlich war schon damals die wirtschaftliche Lage beider Partner angeschlagen. Auch intensive Versuche in Richtung Handelsmarken (Kemper) oder Tierwohlmarke (Reinert) waren nicht von großem Erfolg begleitet. Im Zuge der Fusion wurden Standorte geschlossen bzw. zusammengelegt.

Zur Erinnerung: die Wurstlücke

Nebenbei: Kemper/Reinert und das Kartellamt haben noch eine pikante Geschichte. 2014 verhängte das Amt gegen 21 Wurstunternehmen (alle namhaften Branchenfirmen) – das sogenannte Wurstkartell – eine Strafe von 338,5 Mio. € wegen illegaler Preisabsprachen über 3 (!) Jahrzehnte, darunter auch Kemper und Reinert. Einige betroffene Werke zahlten, andere wie Reinert entgingen durch Umstrukturierungen bzw. Firmenauflösungen nach einigen Jahren der Strafe, weil die beklagten Firmen nicht mehr existierten. Das so genutzte Schlupfloch ging als „Wurstlücke“ in die Rechtsgeschichte ein und wurde anschließend gesetzlich geschlossen.

Fleischersatzmarkt verliert Dynamik

Auch der Versuch von Reinert, sich mit Fleischersatzprodukten einen neuen Markt zu sichern, gestaltet sich äußerst mühsam. Hans-Ewald Reinert, der Grandseigneur der Firmendynastie, soll sich um die vegane Marke „billy green“ kümmern, was Insider als abschieben bezeichnen. Der Anteil am Firmenumsatz bewegt sich unter 5%. Auch Tönnies ist mit einer eigenen Marke vegan unterwegs und sucht nach Absatzwegen – wie lange das nebeneinander gut geht?

Die Zahl der Fleischwarenproduzenten, die sich auch auf dem Markt der Fleischersatzprodukte tummeln, wächst kontinuierlich. Nur Westfleisch widersetzt sich dem Trend. Aber der Kampf um Markanteile wird in dem sich nur langsam entwickelnden Markt immer schwieriger, weil Discount und LEH dem Wettbewerb mit Eigenmarken und Preisdiktaten den Rang ablaufen.

Angebotsprobleme bei Biowurst

Biowurst ist ein kleiner Markt und mit gut 2% nicht für alle lukrativ. Der Anteil wächst leicht, im ersten Halbjahr aber laut AMI nur noch um 1%, während Biofleisch um 10% abnahm. Trotzdem ist die Ware knapp. Ob es an der fehlenden Verfügbarkeit oder am gestiegenen Preis liegt, streiten die Experten. Die Zahl der Biowursthersteller steigt an, auch weil sich größere Unternehmen als Produzent für alle Warengruppen darstellen müssen. Bei der Biowurst sei davon auszugehen, erklären Marktkenner, dass ein größerer Teil der Rohwaren aus dem EU-Ausland importiert wird – aus Dänemark, Holland, Spanien, Polen usw. Das Wachstum in Deutschland wird vorwiegend aus dem Ausland bedient.

Der Marktbeobachter sieht zudem die gesellschaftliche (Konsumrückgang) und die politische Unsicherheit als Hemmfaktor für das Wachstum und eine Zukunftsperspektive – für die gesamte Wertschöpfungskette von der Erzeugung über die Verarbeitung bis zum Handel. Der Umbau der Tierhaltung ist DIE Aufgabe der Gegenwart. Umso unverständlicher und geradezu fahrlässig ist die „Nacht und Nebel“-Aktion des Ministers, das Bundesprogramm zum Umbau der Tierhaltung einzustellen. Mit dem Wortbruch wird den Betrieben, die sich z.B. auf den Weg zu mehr Tierwohl gemacht haben bzw. machen wollen, wieder einmal jede Planungssicherheit genommen.  Wenn man hört, dass wegen der Unsicherheit einige Banken keine Schweineställe (konventionell wie Bio) mehr finanzieren wollen, sieht es nicht so gut aus für die Branche.   

Wie lange hat die Bärchenwurst noch gut Lächeln? Foto: The Family Butchers