Milcherzeugung in Deutschland: weltmarktabhängig, LEH- gesteuert, genossenschaftlich organisiert, ohnmächtig am Markt und in Krisen allein gelassen

Marktbeobachtungen von Hugo Gödde +++ Die Krise am Milchmarkt ist allgegenwärtig. Der Erzeugerpreis ist weit unter 40 ct/kg abgestürzt – 40% unter September. Die Ursache wird gern hin und her gewendet. Die Milchviehhalter bekommen den „schwarzen Peter“, da sie zu viel Milch produzieren. Die Regierung gibt sich nicht zuständig, z.B. auf Milchgipfeln, die besser Tunix-Treffen heißen sollten. Und die Molkereien schieben die Milchmenge in alle möglichen Kanäle und lassen die Milchbäuerinnen und Milchbauern die Zeche zahlen. Um wenigstens nicht ohne jede Hoffnung dazustehen, verweisen Branchenkenner auf eine leichte Erholung auf dem Weltmarkt und „warten“ auf Betriebsaufgaben, die das Mengengleichgewicht wiederherstellen. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt, aber die Aufgabe der Milcherzeugung ist oft der erste Schritt zur Hofaufgabe und mit viel Leid verbunden.

Milchproduktion in Deutschland

In solchen Zeiten ist es ratsam, sich die Rahmenbedingungen der Milchproduktion näher anzusehen, um daraus Schlüsse ziehen zu können. In einem vielbeachteten Sondergutachten hat die Monopolkommission auf Geheiß von Ex-Wirtschaftsminister Habeck die Lieferketten und den Wettbewerb in der Lebensmittelindustrie untersucht und kommt bei der Milch zu bemerkenswerten Ergebnissen. 

Zunächst die Fakten im Vergleich von 2000 und 2024:

  • Die Milchviehbetriebe sind von 138.000 auf 48.000 gesunken.
  • Die Kuhzahl ist von 4,6 Mio. auf 3,6 Mio. gefallen, die Herdengröße von 33 auf 74 gewachsen.
  • Die Milchleistung pro Kuh stieg von 6.200 auf 9.400 l/Jahr, also um 50% (!), die Produktion von 28 auf 34 Mrd. Tonnen.
  • Der Pro-Kopf-Verbrauch von Frischmilcherzeugnissen sank von 93 auf 84 kg.
  • Zwei Drittel der Milch wird von Genossenschaften verarbeitet.
  • Etwa 50% der Erzeugnisse werden ins Ausland verkauft, vor allem in die EU.
  • 75% des Inlandsverbrauchs geht über den Lebensmittelhandel.

Lebensmittelhandel als Nadelöhr

Als Besonderheit des Marktes wird die außergewöhnliche Bedeutung der großen Vier des Einzelhandels (Aldi, Lidl, Edeka, Rewe) bewertet, die eine überragende Position in der heimischen Lieferkette besitzen. Auf zwei Wegen gelangen die Sortimente in die Läden. Einmal werden die Waren direkt bei den Molkereien als Markenprodukte bezogen. In den letzten Jahren werden aber Milcherzeugnisse zunehmend (mehr als die Hälfte) über Eigenmarken des Handels gelistet (z.B. Milsani bei Aldi, Gut&Günstig/Edeka, Milbona/Lidl). Als Auftraggeber können die Abnehmer bestimmen, welche Standards zu erfüllen sind (Qualität, Rezepturen, Verpackung). Damit greifen sie massiv in die Erzeugungs- und Preisgestaltung ein. Jeder Lieferant weiß, dass er ohne Angebote bei den Handelsmarken kaum einen Auftrag bekommen wird. Das Spezifikum der Eigenmarken ist die permanente Austauschbarkeit der Lieferanten – einschließlich des Imports. Besonders weniger leicht verderbliche Produkte (Butter, Milchpulver) werden in großen Mengen international gehandelt und auch vom LEH großflächig eingesetzt. Der Milchhandel hat ein Spezifikum der vertikalen Integration entwickelt, ohne dass der Abnehmer selbst in die Produktion einsteigen muss. Nur in wenigen Einzelfällen wie Edekas Übernahme der Uckermärker Molkerei weicht man davon ab.

Wachsende Preisunterschiede in der Lieferkette

Die Monopolkommission kommt zu dem Ergebnis, dass die verschiedenen Akteure der Wertschöpfungskette Erzeugung, Molkerei, Handel sehr unterschiedlich von der Preisbildung profitieren. Zwischen den Auszahlungspreisen der Landwirtschaft und den beiden anderen Marktteilnehmern besteht ein deutlicher Abstand, der sich in den letzten zehn Jahren noch vergrößert hat, wobei die Margen bei den Molkereien und im Handel seit 2014 wellenförmig, aber kontinuierlich anstiegen. Allenfalls kurzfristig (2022 bzw. im ersten Halbjahr 2025) konnte die Lücke für die Erzeuger verringert werden. Molkereiwirtschaft und Handel, so die Analysten, haben immer „ihr Geld verdient“, auch wenn sie ständig von intensiven Preiskämpfen und vom deutschen Niedrigpreismarkt reden, was aber laut dem Gutachten gar nicht zutrifft. Dagegen liegen die Erzeugerkosten „im gesamten Zeitraum über den Auszahlungspreisen“. Begründet wird „diese zentrale Erkenntnis“, dass die Erzeugerpreise von den Produktionskosten „entkoppelt sind und (zudem) durch die Erlösmöglichkeiten der Milcherzeugnisse auf dem Weltmarkt bestimmt werden“. In der Folge sind in einzelnen Jahren (wie 2026) fallende Auszahlungspreise trotz steigender Kosten zu verzeichnen. Das gibt es nur auf Erzeugerseite.

Erzeugerpreise extrem „volatil“

Neben der anhaltenden Unterdeckung der Kosten tritt ein weiteres Phänomen für die Landwirte auf. Ihre Auszahlungspreise unterliegen deutlich stärkeren Schwankungen (Volatilität) als bei den nachgelagerten Stufen. Das Gutachten belegt mit vielen Berechnungen und Statistiken, dass der Handel die höheren Preise in der Regel weitergeben kann und die Molkereien sinkende Marktpreise an die Erzeuger, dem schwächsten Glied in der Lieferkette, durchreichen. In solchen Zeiten (wie heute) führen kostenbedingte, „steigende Preisaufschläge der Molkereien dazu, dass der Anteil der Erzeugerpreise am Endverkaufspreis weiter sinkt“. Einfach gesagt: in Krisenzeiten geben Handel und Molkereien die Preisverluste komplett an die Erzeuger weiter.

Die Folge ist „der fortschreitende Rückgang landwirtschaftlicher Betriebe, da sich die Erzeugung für viele nicht mehr rentabel betreiben lässt“. Die Milchviehbetriebe erkennen darin das alte Prinzip des „Wachsen oder Weichen“.    

Weltmarkt zentraler Einflussfaktor

Nach Aussagen des Gutachtens bestimmen die Weltmarktpreise bzw. der Rohstoffwert für Fett (Butter) und Eiweiß (Magermilchpulver) die Preisbildung für Rohmilch am nationalen Markt erheblich, da ja auch fast die Hälfte der verarbeiteten Milch exportiert wird, davon 75% innerhalb der EU. Wenn also der Börsenmilchwert bis zum Ende 2026 einen Wert von 40 bis 45 ct/kg ausweist, kann man sich ungefähr auf einen vergleichbaren Preis einstellen.

Der Marktbeobachter kann die Analyse des Milchsektors durch die Monopolkommission nur empfehlen. Vielfältig und kenntnisreich wird die Lieferkette dargestellt und die Landwirtschaft als schwächstes Glied der Kette eindrücklich belegt. Die Folge kann nur die Forderung nach einer Besserstellung der Erzeugung am Markt sein, doch dazu kann sich die Kommission nicht durchringen. Umso erstaunlicher ist der Lösungsansatz und das „billige“ Postulat nach mehr Effizienz der Milcherzeuger. Diese Schlussfolgerung ist unglaubwürdig und völlig widersprüchlich. Schließlich belegt die Kommission den Betrieben ausführlich eine Steigerung der Effektivität durch „die Implementierung fortschrittlicher Technologien und steigender Betriebsgröße“. Zudem sei die Arbeitsproduktivität um 75% gestiegen, ebenso die Milchleistung pro Kuh durch gezielte Fütterung und Zucht. Die Fast-Monopolstellung des Einzelhandels wird zwar kritisiert, aber als unveränderbar hingenommen. Dem Milchsektor wird ein „funktionierender Markt“ unterstellt. Auch hier häufen sich die kritischen Einwände aus den Erzeugerregionen. Mit Einschränkungen trifft das vielleicht im Süden zu. Im Norden, Westen oder Osten ist die Molkereilandschaft sehr ausgedünnt und steht massiv unter dem Einfluss von DMK, Arla, FrieslandCampina, Hochwald oder Ammerland, die die Einzugsgebiete dominieren und die Preisorientierungen vorgeben. Und dass jetzt noch Arla und DMK fusionieren wollen, schwächt den Wettbewerb erheblich und begrenzt die freie Molkereiwahl nachhaltig. Das fürchtet auch die Monopolkommission, aber es sei halt die Aufgabe des Kartellamtes. Wahrscheinlich wird in einigen Jahren beklagt, dass Politik und Ämter nicht früh genug eingegriffen haben. Man sieht, auch kluge Analysen haben ihre Grenzen und die Kommission ist „nur“ eine Kommission. Ihre Besserstellung in der Wertschöpfungskette müssen die Milchviehhalter schon selbst erkämpfen. Vermutlich sind sie dabei auf sich allein angewiesen.

Termin-HINweis: Zum Thema „Preissenkungen im Lebensmitteleinzelhandel – Auswirkungen auf die Landwirtschaft und Konsequenzen aus dem Sondergutachten der Monopolkommission“ veranstaltet der AbL-Landesverband seine Jahrestagung am 20. März in Haus Düsse, Ostinghausen, 59505 Bad Sassendorf. Nähere Informationen hier.