Der Milchpreis stürzt ab – die Zeche zahlen die Bäuerinnen und Bauern

Marktbeobachtungen von Hugo Gödde +++ Monat für Monat stürzt der Milchpreis weiter ab – von 52,6 ct/kg im September über 49,9 ct/kg im Oktober, 46,5 ct/kg im November und 43 ct/kg im Dezember sind im Januar kaum noch 40 Cent übriggeblieben. Und im Norden und Westen wird selten die 4 vorn erreicht. Der größte Molkereikonzern DMK liegt gerade einmal bei 35 ct/kg und damit 14 Cent oder 40% unter Vorjahr. Auch die Vorzeigemolkerei Ammerland zahlt gerade noch 37 ct/kg und damit 15 Cent unter Januar 2025.

Große Differenz zwischen Nord und Süd

Die Drohung aus dem Herbst, der Milchpreis würde auf 40 ct/kg fallen, ist mehr als wahr geworden. Auch im Westen liegen die Werte zwischen 35 und 37 Cent. FrieslandCampina, früher oft Spitzenreiter, zahlt laut top agrar-Milchpreisbarometer 36,4 ct/kg – ähnlich wie Hochwald, Moers (Gropper) und auch der Genossenschaftskonzern Arla, der aber wegen des komplizierten Zuschlagswesens eher undurchschaubar ist. Auch im Süden sind die Preise im Januar um 3 bis 9 ct/kg „abgeschmiert“, liegen aber immer noch um die 39 bis 40 Cent, so Ehrmann, Meggle, Schwarzwaldmilch, Omira, Bauer, Hochland. Positiv davon heben sich Oberfranken West, Jäger und Berchtesgardener ab. Zott ist aktuell mit 45,5 ct/kg Preisführer.

Die Differenz zwischen guten und schlechtzahlenden Molkereien ist erheblich gewachsen, nicht selten auf 10 ct/kg, was für einen durchschnittlichen bäuerlichen Vollerwerbsbetrieb schnell 6 bis 10.000 € Gewinn ausmacht – im Monat. Der Absturz gestaltet sich auch im Süden extrem unterschiedlich. Im Vergleich zu Januar 2025 bewegt sich der Rückgang zwischen 3 Cent bei Zott und „üblichen“ 10 Cent (Ehrmann, Meggle, Bechtel, Omira, Schwarzwaldmilch, Bauer). Dazwischen liegen Berchtesgadener mit 6 ct/kg weniger. Absoluter „Absturzsieger“ ist die sonst ehrenwerte Molkerei Hohenlohe mit sage und schreibe 19 Cent auf 30 ct/kg. Noch Aussagen von Branchenkennern sind zurzeit besonders die Molkereien betroffen, die den Spotmarkt (Handel zwischen den Molkereien) bedienen. Dort sind aktuell kaum 20 ct/kg zu erzielen.
Es lohnt sich also als Lieferant, die Marktstellung und die Sortiments-, Marken- und Preisgestaltung „seiner“ Molkerei sich genau anzusehen.

Molkereien wie Arla und FrieslandCampina haben 2025 gut verdient

In dieser Zeit, in der es für viele Milchviehhalter um die Existenz geht, denn die Kosten liegen laut Milch-Marker-Index bei etwa 50 ct/kg, erstaunen Meldungen aus der Welt der Molkereien doch ein wenig.
Als ein Jahr der Rekorde bezeichnete Arla-Chef Peder Tuborgh das Milchjahr 2025. Denn das Unternehmen verzeichnete unter anderem ein Rekord-Gesamtumsatz in Höhe von 15,1 Mrd. € (2024: 13,8 Mrd. €), eine Rekord-Milchmenge von 14,3 Mrd. kg und einen Rekordgewinn. Die hohen Preise im ersten Halbjahr hätten dazu beigetragen, aber zuletzt auch ein höherer Absatz. Nachzahlungen bis zu 2,2 ct/kg ähnlich wie 2024 würden kurzfristig beschlossen, heißt es in einer Unternehmensmitteilung.
Auch FrieslandCampina hat 2025 Umsatzerlöse von 12,9 auf 13,4 Mrd. € gesteigert, mehr Milchgeld erwirtschaftet und zahlt 1,31 ct/kg Milch nach. Das Nettoergebnis steigt leicht auf 328 Mio. € (2024: 321 Mio. €).

Trotz – wie es heißt – schwieriger Marktbedingungen und hoher Auszahlungspreise im ersten Halbjahr 2025 konnten die großen Molkereien vom Markt profitieren. Die hohen Preise haben also der Milchindustrie nicht geschadet, sondern sie haben sogar profitiert. Dasselbe gilt – so Marktexperten - auch für den Einzelhandel. Auch im Handel konnten gute Ergebnisse mit Molkereiprodukten erzielt werden. Also für alle Marktbeteiligten ein gutes Jahr – bis September. Danach wurde jede Absatzkrise sofort nach „unten“ zu den Erzeugern weitergereicht.

Aufklärung - der andere Weg der Berchtesgadener Molkerei

Einen etwas anderen Weg geht angesichts der Tiefpreise beim Einzelhandel, allen voran den Discountern, die Berchtesgadener Molkerei. Nicht mit Billigartikeln, um den Absatz anzukurbeln, sondern mit einer breit angelegten Kampagne will sie die Endverbraucher erreichen. Mit Radiospots, Social Media-Posts, Regalschildern, Aufklebern und Informationsblättern wirbt die Genossenschaftsmolkerei für ihre regionalen Markenprodukte und dass Trinkmilch, Butter und Sahne ihren höheren Preis wert sind. „Wir sagen den Verbrauchern: Du kannst natürlich immer das Billigste kaufe, aber dann wird die Art der Landwirtschaft, wie wir sie jetzt hier haben, verschwinden“, geht Molkerei-Geschäftsführer Bernhard Pointner in die Offensive.

Die Mehrausgaben für die Verbraucher seien überschaubar. „Der Deutsche trinkt ja mittlerweile nur noch 46 Liter Milch im Jahr und isst 5,3 kg Butter. Gegenüber den allerbilligsten Preisen im Discount sind das gerade mal 60 € im Jahr“, rechnet Pointner vor. „Das sind 1,20 € in der Woche, also eine Dose Red Bull.“

Für Frischmilch ließ die Molkerei bisher die Preise unverändert, für 250 g Butter hat sie den Endverkaufspreis leicht von 2,99 € auf 2,59 € abgesenkt. „Im Vergleich zu den Angeboten von 99 ct in Discountern ist das moderat“, sagt Pointner. In der Molkereibranche wird dieser alternative Weg mit Interesse, aber auch mit Skepsis verfolgt. Er stellt sich diametral zur Sicht der Discounter, die immer ihre Interessen der Preisführerschaft im Blick haben und den Butterpreis (und danach allen anderen, aber weniger intensiv) in den letzten Monaten in den Keller geschickt haben. Ihr Argument des höheren Absatzes von Butter und Milchprodukten bei niedrigeren Preisen trifft nur bedingt zu. Denn auch im ersten Halbjahr 2025 bei hohen Milchpreisen war der Absatz nicht rückläufig (und die Molkereigewinne erst gar nicht), sondern moderat gestiegen.

Der Marktbeobachter anerkennt natürlich, dass die Milchanlieferung in den letzten Monaten unverhältnismäßig angestiegen ist und auch wieder zurückgehen muss. Und erste Anzeichen vom Weltmarkt deuten darauf hin, dass die Preise wieder anziehen werden, womöglich erst in der zweiten Jahreshälfte. Aber dass man die Erzeugerpreise derart abstürzen lassen musste, ist nicht nur dem Markt, sondern auch den Marktteilnehmern geschuldet. Es wäre durchaus angemessen, die Last der Krise nicht nur bei den Bäuerinnen und Bauern abzuladen. Denn die zahlen zurzeit weitgehend allein die Zeche. Die Bilanzen der Molkereikonzerne werden – so kündigen sie selbst an – auch 2026 gut aussehen. Auch der Einzelhandel plus Discounter wird keine Einbußen erleiden. Von fairen Preisen sollte in nächster Zeit besser niemand reden. Das es auch anders gehen könnte, zeigen die Berchtesgadener. Es ist ihnen voller Erfolg zu wünschen. Und die Milchbäuerinnen und Bauern sollten sich merken, wer ihnen in dieser schwierigen Zeit beigestanden hat.