Marktbeobachtungen von Hugo Gödde +++ Noch vor wenigen Wochen war die Milchwelt in Ordnung und auch die Milcherzeuger waren zufrieden. Ein historischer, vollkostendeckender Milchpreis, knappe Milchmengen und günstige Futterkosten hielten die Stimmungslage auf den Höfen hoch. Die Molkereien kämpften um den Rohstoff und um die Lieferanten. Die Produktionsmengen galten nicht nur national, sondern EU-weit als begrenzt. Auch der Weltmarkt lief in relativ ruhigen Bahnen. Allein die erhöhten Bau-, Energie- und Personalkosten gaben Anlass zur Klage. Alle Marktbeteiligten erwarteten ein Hoch der Erzeugerpreise für 2025 von um die 53 ct/kg – wie im Rekordjahr 2022.
Buttersturz im Groß- und Einzelhandel
Diese Verhältnisse scheinen sich derzeit zu drehen. Während der Milcherzeugerpreis im September noch vielfach verharrt und sich seit Januar auf Rekordniveau bewegt, beginnt nun das Großhandels- und Handelsumfeld zu bröckeln oder gar zu stürzen. Öffentlich sichtbarer Ausdruck ist die (gezielte) Senkung des Butterpreises durch die Discounter (erst Lidl, dann alle anderen) von 2,19 € je 250 g-Päckchen über 1,99 € (Februar) und 1,79 € (Mitte September) auf jetzt (26.September) 1,49 €/kg, also um ein Drittel in den letzten Monaten. Und der Butterpreis ist wie Milch ein Eckpreis der Molkereiprodukte. Zuvor war Butter größtenteils als Aktionsware (ca. 60%) verhökert worden und teure Markenware liegen geblieben, aber jetzt geht‘s ans Eingemachte.
Begründet wird dieser Preisverfall mit den gesunkenen Rohstoffpreisen im Großhandel ebenso wie am Terminmarkt – nicht nur für Butter, sondern auch für Magermilchpulver, also für die wertgebenden Produkte Fett und Eiweiß.
Tatsächlich ist Milchfett an den Börsen in den vergangenen Wochen im Preis drastisch gefallen. Butter sank an der Terminbörse EEX von 7,06 €/kg Euro am 1. August auf einen Schlusskurs von nur noch 5,58 € am 12. September - ein Preisrückgang von ca. 20 % innerhalb von sechs Wochen.
Spotmilchpreis im Sturzflug
Der aus den Börsenpreisen abgeleitete Rohstoffwert Milch ist im September auf 44,5 ct/kg gefallen. Der top agrar-Milchwert liegt aktuell und für die nächste Monate unter 40 Cent und der Spotmarkt, auf dem die Molkereien sich kurzfristig mit Milch eindecken, kostet in der 39. Kalenderwoche nur noch 37 ct/kg. (Vor einem Jahr im September 2024 übersprang der Spotmilchpreis gerade die 60 Cent.)
Dieser unglaubliche Absturz steigert die Sorge um den Milchpreis berechtigt, denn üblicherweise folgen die Milchpreise den Großhandelslistungen. Lidl und Co. nutzen diese Marktentwicklungen zu ihrem Nutzen und beschleunigen den freien Fall noch weiter.
Milchmengen steigen deutlich
Hintergrund dieses Wandels am Markt sind die in den letzten Wochen erheblich gestiegenen Milchanlieferungen und die höheren Fettgehalte. Die heimische Produktion fällt inzwischen spürbar größer aus als im Vorjahreszeitraum. Damals verringerte sich die Milchproduktion infolge der Blauzungenkrankheit über Monate, so dass sich alle Molkereien um den Rohstoff bemühen mussten. Das galt auch im gesamten ersten Halbjahr 2025, als die Produktion unter Vorjahr lag. Das Blatt hat sich gewendet. In der 37. Kalenderwoche lag die Milchanlieferung an deutsche Molkereien laut ZMB 5 % (!) über der Vorjahreswoche.
Auch in anderen EU-Ländern wie Frankreich, Niederlande oder Polen stieg die Milchanlieferung zuletzt über die Vorjahreslinie. International sei in mehreren Ländern – unter anderem in den USA – ein Angebotsüberschuss bei der Milchanlieferung zu verzeichnen, berichtet die Süddeutsche Butter- und Käsebörse. Da alle größeren Molkereien einen hohen Anteil ihres Umsatzes im Exportgeschäft machen (oft über 50%) setzt das größere Angebot die Milchpreise deutlich unter Druck.
Keine Panik?
So hat das DMK für September angekündigt, den Grundpreis um 2 ct/kg auf neu 49 ct/kg Milch zu senken, berichtet heute top agrar. Auch Arla senkt seinen konventionellen Milchpreis um 1 ct/kg, während der Biomilchpreis konstant bleibt. FrieslandCampina hat seinen Garantie-Milchpreis im August und im September jeweils um 0,5 ct/kg reduziert. Auch für Oktober dreht sich das Rad weiter. Arla kündigt eine Reduktion des Milchgeldes um weitere 2 ct/kg an und FrieslandCampina senkt seinen Garantiepreis um 2,75 Cent.
Dass die Milchwirtschaft Panik verbreitet, ist auf Grund der Handelszahlen nachvollziehbar, muss aber kein unaufhaltbarer Prozess sein. Immerhin
bewegten sich die Butterkurse an der EEX in der vergangenen Woche überwiegend seitwärts und haben damit den Absturz der vergangenen Wochen beendet. Die höhere Milchproduktion und die besseren Fettgehalte scheinen nun in den aktuellen Kursen eingepreist zu sein. Kurzfristig ist eine Erholung bei Butter nicht in Sicht, aber auch kein schicksalhafter Absturz.
Und Biomilch?
Lidl verbilligte nicht nur die Standardbutter, sondern auch Irische Butter, eine vegane Alternative und zwei Milchstreichfette. Bioland-Butter der Handelsmarke Milbona senkte der Discounter sogar um ca. 14% von bisher 3,49 Euro auf 2,99 Euro je 250-Gramm-Päckchen. Obwohl dadurch auch die Biomilchpreise unter Druck stehen, sieht es momentan so aus, dass sie nicht so stark verfallen. Immerhin ist laut Bioland-Auswertung im August der bundesweite Durchschnittspreis auf 66,3 ct/kg gestiegen – 4 Cent über Januar und 9,3 ct/kg über August 2024. Die Branche geht weiterhin von relativ stabilen Preisen aus (s. oben Arla), weil die Anlieferung zwar leicht steigt, aber Ware immer noch gesucht wird – auch im Ausland (Österreich, Frankreich, Dänemark), obwohl die Discounter eigentlich (?) heimische Verbandsware bevorzugen.
Sich wehren, aber wie?
Immerhin hat sich Heinrich Gropper (Chef zweier Molkereien in Bayern und NRW mit 1 Mrd. € Umsatz) noch Mitte September im „Wochenblatt“-Westfalen Lippe gegen krasse Absenkungen ausgesprochen, als die EZG-Vorsitzende Dorothee Lindenkamp vor stark sinkenden Preisen warnte, „sonst beschleunigt das den Strukturwandel.“ Gropper: “50 ct/kg halte ich für vorstellbar. Krisentäler sehe ich nicht.“
In der vergangenen Woche hat der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) Alarm geschlagen. Über Preissenkungen von bis zu 15 ct/kg werde in Molkereikreisen gesprochen, so der BDM-Vorstandsvorsitzende Karsten Hansen. Gegen einen solchen Preisverfall fordert er von der Politik ein rechtzeitiges Eingreifen. Hansen schlägt eine befristete Reduzierung der EU-Milchmenge auf freiwilliger Basis vor. Elmar Hannen fordert den Bund (BLE) auf, gegen Lidl wegen unlauteren Wettbewerbs einzuschreiten (Verkauf unter Einstand).
Der Marktbeobachter stellt fest, dass sich die Molkereien lange Zeit gelobt haben für stabile und ordentliche Erzeugerpreise. Jetzt machen sie ebenso laut Panik, um Senkungen durchzudrücken und schieben (gern) alle Schuld auf Lidl und Co. Dabei stecken hinter den Entwicklungen keinesfalls Geheimnisse des Marktes, sondern einfach (mal wieder) zu viel erzeugte Milch und die (Billigpreis-)Interessen der Handelskonzerne. Die Erzeuger(-gemeinschaften) sind aufgerufen, den Milchpreis klug und strategisch zu verteidigen. Mindestbedingung ist der offene und mutige Austausch der EZG‘s und die Stärkung der bäuerlichen Solidarität untereinander. Das scheint weiterhin eine Herkulesaufgabe zu sein, erscheint aber alternativlos.
