Marktbeobachtungen von Hugo Gödde +++ Auf dem Milchmarkt herrscht relative Ruhe. Das kannten wir viele Jahre nicht. Immer gehörten die Milchbäuerinnen und Milchbauern zur schlechtbezahltesten Erzeugergruppe. Erst ab 2022 konnte der Erzeugerpreis sich den Vollkosten annähern. Nach einem guten 2022 mit im Schnitt 53,2 ct/kg, einem schwächeren 2023 mit 45,3 Cent und einem erholten Preis von 48,1 ct/kg in 2024 wird sich die Vergütung für durchschnittliche Milch in diesem Jahr je nach Molkerei zwischen 52 und 56 Cent einpendeln. Statt in Preissprüngen wie in den vergangenen Jahren bewegt sich das Niveau seit Jahresbeginn um die 53 Cent und auch die Voraussagen lassen stabile Preise erwarten.
Näher an Vollkostenberechnungen
Der Milch-Marker-Index (MMI) des Büros für Agrarsoziologie und Landwirtschaft (BAL), der inzwischen als eine anerkannte Berechnungsmethode etabliert ist, kommt in seiner neuesten Analyse vom April zu dem Ergebnis, dass etwa 93% der Vollkosten erlöst werden – nahe dem Bestwert von 2022. Bio-Milcherzeuger konnten erst in den letzten Monaten wieder bessere Auszahlungspreise erzielen. Nach einer Unterdeckung von 19% im letzten Wirtschaftsjahr verbesserten sich die Auszahlungspreise seither, ohne die Wirtschaftlichkeit der konventionellen Milch zu erreichen. Auch der Kostenausgleich/Orientierungspreis von 69 ct/kg laut Bioland/Naturland wird deutlich unterschritten. Daher ist auch die Bereitschaft zur Umstellung auf Biomilch weiterhin wenig lukrativ. Nicht umsonst suchen Bio-Molkereien nach Lieferanten.
Preiserwartungen stabil
Auch in den nächsten Monaten gehen Marktexperten von einem stabilen Niveau aus. Die holländische Rabobank rechnet für dieses Jahr einen durchschnittlichen EU- Milchpreis von 55 Cent pro Liter. Daran fehlen aber noch einige Cents. Die Börsenerwartungen haben sich inzwischen wieder auf über 50 ct/kg erhöht. Der Spotmilchpreis, zu dem die Molkereien untereinander Milch handeln, ist ebenfalls gestiegen, bewegt sich aber noch unter dem Auszahlungspreis. Auch auf dem Weltmarkt bewegen sich die Preise eher seitwärts. Bei einer Exportrate von um die 50% für größere Molkereien spielt der EU- und Weltmarkt weiterhin eine große Rolle. Hintergrund ist das eher knappe Angebot in der EU, aber auch in USA. Erneut kommt die gute Wertschöpfung aus der Verwertung des Milchfetts, aus Butter und Käse. Daher wird die Zollpolitik der USA als Risikofaktor gewertet. Den betreffenden jährlichen Exportwert von Milcherzeugnissen beziffert die Rabobank auf insgesamt 2,2 Mrd. Euro. Dazu zählten mengenmäßig rund 150.000 t Käse und 65.000 t Butter. Sollte Trump seine Ankündigung von 50% Einfuhrzöllen wahr machen, wären besonders die Käseländer Frankreich und Niederlande betroffen.
Rückläufige Mengen
Der eigentliche Hintergrund des relativ ruhigen Marktes und des hohen Preisniveaus sind die EU-weit rückläufigen Anlieferungen an die Molkereien. In Deutschland liegen die Milchmengen im ersten Halbjahr ca. 1,7% unter Vorjahr. Begründet wird von vielen Marktexperten der Rückgang neben den schlechten Preisen bis 2022 mit dem hohen Durchschnittsalter der Milcherzeuger und nicht zuletzt mit der Blauzungenkrankheit, die die Sterblichkeits- und Geburtenrate von Kühen und Kälbern beeinträchtigt hat. Auch in Deutschland nimmt die Zahl der Kühe weiterhin deutlich ab und kann durch Erhöhung der Leistung pro Tier nicht mehr ausgeglichen werden. Noch stärker sank die Zahl der Milchbäuerinnen und -bauern. Und Investitionen in die Milchviehhaltung sind trotz des relativ guten Marktes kaum zu finden. Deshalb dürfte das knappe Angebot vorerst bleiben. Den Erzeugern ist es zu gönnen.
Klimaschutz und Emissionen
Auch in anderen milchstarken Ländern nimmt die Menge ab. Frankreich liegt unter 2022. In Holland wird wegen des Drucks auf die Stickstoffemissionen mit einem Rückgang von 10% gerechnet – vor allem durch Aufkaufaktionen. Auch Irland, ein wichtiges Produktionsland, steht stark unter Druck. Laut der Regierung müssen etwa 200.000 Kühe „vom Markt genommen werden.“ Einem Bericht der Umweltbehörde zufolge war die Landwirtschaft verantwortlich für 38% der CO2-Emissionen – ein Spitzensatz in Europa. Man hofft – ähnlich wie die holländische Regierung - auf fortgesetzte Ausnahmeregelungen für die Nitrateinträge ins Grundwasser und argumentiert mit der Einzigartigkeit seines Systems der Weidefütterung in Europa (ca. 90%) und mit Verbesserungen der Wasserqualität. Letztlich hofft man auf ein Rollback der EU-Kommission in allen Klima- und Umweltfragen.
Milchwende durch den Markt
Immer noch geben in Deutschland verschiedene Bauern- und Molkereiverbände der Politik die Schuld an Defiziten. Dabei hat z.B. die deutsche Politik in den letzten Jahren außer Vorschlägen und Entwürfen nichts geliefert. Die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit der Erzeugerseite (Art. 148 GMO) ist quasi abgesagt und Verschärfungen im Tierschutzrecht, z.B. Verbot der ganzjährigen Stallhaltung, sind gestrichen. Die Umsetzung der Empfehlungen der Borchert- oder Zukunftskommission, z.B. bei der verbindlichen Tierwohlkennzeichnung ist gar nicht erst in Angriff genommen. Übrig bleibt die Kritik von Bauern- und Genossenschaftsverbänden an fehlender Planungssicherheit und zu vielen Verordnungen – als ob Planungssicherheit ein Kennzeichen in einer Marktwirtschaft wäre?
Einzig die Initiativen der Lebensmittelkonzerne haben den Markt und die Erzeugung verändert – nicht selten zum (vorübergehenden?) Verdruss der Molkereien und Milchviehhalter. Inzwischen haben die Beteiligten akzeptiert, dass höhere Haltungsstufen gesellschaftlich und wirtschaftlich vom Markt angesagt sind. Innerhalb von ca. zwei Jahren hat sich die Stimmung gedreht. Die Hochwald Milch Genossenschaft z.B. rühmt sich heute damit, dass 80% ihres Rohstoffaufkommens aus Stufe 3 (Außenklima) stammt und sie damit Marktführer sei. Vor nicht allzu langer Zeit sahen viele Milchverwerter ein Tierwohlprogramm für Milch als nicht „marktrelevant“ an. Auch andere Großmolkereien vollziehen gerade eine Milchwende. Haltungsstufe 3 wird zunehmend zum Standard – mit nicht wenigen Auflagen und Kontrollen für die Tierhalter. Aber Auflagen des Marktes werden eben völlig anders bewertet als Auflagen der Politik? Nicht verändert hat sich, dass die höheren Kriterien nicht kostendeckend bezahlt werden.
Der Marktbeobachter registriert eine relative Ruhe auf dem Milchmarkt und einen „relativ guten“ Milchpreis. Außerdem sind die Zeichen positiv, dass die Lage nicht zu verstärktem Stall- bzw. Tierinvestitionen genutzt wird, die zukünftig Überproduktion und Preisverfall zur Folge hätten. Auch die begrenzte Produktion in Binnen- oder Weltmarkt dämpft zurzeit Auswüchse. Knappheit ist noch immer der beste Markthelfer für Erzeuger. Offen bleiben die Auswirkungen des Klimawandels auf die Bedingungen der Erzeugung.
All dies wird aber den Strukturwandel nicht umkehren, vielleicht etwas abbremsen. Das gilt auch für Strukturreformen auf Molkereiebene. Ob die DMK-Übernahme durch Arla nur Vorbote einer weiteren Konzentration hin zu Oligopolen ist, wird sich bald abzeichnen. Erstaunen hinterlässt, dass gerade die gesamte Lieferkette scheinbar Geld verdient – vom Erzeuger über die Molkerei bis zum Handel. Die Molkereien loben ihre Geschäfte und nach Expertenmeinung konnten Aldi, Lidl, Edeka und Co. ihre Margen in den letzten drei Jahren mit ihren Eigenmarken kräftig steigern. Übrig bleibt eine überdurchschnittliche Inflation bei Molkereiprodukten. Auch mal eine neue Erfahrung.
