Marktbeobachtungen von Hugo Gödde +++ Der Biomarkt normalisiert sich wieder. Aber was ist das neue „Normal“? Die Konventionalisierung trägt neue Blüten in die Biobewegung. Die zunehmende Abhängigkeit vom LEH und besonders den Discountern verstärkt die Sprunghaftigkeit der Märkte, führt zurzeit aber auch zu einer wachsenden Nachfrage. Einige Discountfürsprecher sprechen schon von einem neuen Boom. Das gilt vorwiegend für den Absatz über den Einzelhandel, während der Naturkost und die Direktvermarktung noch schwächeln. Das Angebot der Erzeuger lahmt und kommt teilweise nicht nach. Es gibt sogar Engpässe. Das Vertrauen der Bäuerinnen und Bauern in die neue LEH-gelenkte Phase ist (noch) nicht besonders groß. Die Umstellungszahlen sind unterdurchschnittlich. Für viele stehen die Lebensmittelkonzerne für Preisdumping. Zudem nimmt das Rumoren in und zwischen den Bioverbänden, den Treibern und Profiteuren der Discounterisierung, inzwischen erstaunliche Züge an.
Biomilch vor Rekordjahr
Die Biomilch legt ein erfreuliches Milchjahr hin. Nach einem eher durchwachsenen 2024 mit übers Jahr 58 ct/kg liegt der Schnitt von Januar bis Juli 2025 bei 64 Cent. Der Juli selbst schließt mit 65,6 ct/kg ab. Für die nächsten Monate wird mit steigenden Preisen gerechnet, weil mit Ende der Ferien eine Belebung erwartet wird und im Mai und Juni die Anlieferung unter Vorjahr lag. Weiterhin werben Molkereien um Umsteller. Die erste Molkerei hat die 70er Grenze geknackt, womit erstmalig der Vollkosten-Orientierungspreis der Bioverbände erreicht wird. Endlich können auch die Biomilcherzeuger zufriedener auf ihre Milchgeldabrechnung schauen. Aber Umstellung auf Biomilch ist weiterhin nicht befriedigend – wohl auch weil die konventionelle Milch ebenfalls gut bezahlt wird. Offensichtlich haben die letzten Jahre und die Blauzungenkrankheit das Vertrauen in eine Biomilch-Zukunft nicht wachsen lassen.
Biofleisch knapp und teuer
Auch Biofleisch – ob Rind oder Schwein – bewegt sich auf einer Rekordjagd. Die Schweinepreise zogen im Juli erneut an auf über 4,75 €/kg und der Anstieg geht weiter. Ganz verrückt haben sich die Rinderpreise entwickelt. Getrieben von der konventionellen Preistreibjagd erreichten die Preise für Jungbullen und Kühe wöchentlich schwindelerregende Höhen um etwa 30 – 40% über Vorjahr. Während sich Rindermäster und Kuhhalter freuen, sehen andere den Markt längst überhitzt. Besonders die außergewöhnlichen Kälber- bzw. Absetzerpreise verschieben die Margen von Mast Richtung Aufzucht, was es noch nie gab. Die Vermarktung in der Fleischerei oder in der Gemeinschaftsverpflegung ist überfordert. Ein kostendeckender Abverkauf ist für handwerkliche Abnehmer nicht zu schaffen. Ob sich das mittelfristig auszahlt, muss sich noch zeigen. Zunächst bleibt die Nachfrage höher als das Angebot, da auch die „normalen“ Rinderpreise europaweit eine nicht endende Rallye hinlegen.
Getreide noch unentschlossen
Eine gute Getreideernte ist auch bei Bio angekommen. Noch halten sich die Marktexperten zurück, aber erste Ergebnisse sprechen vorwiegend von guten Erträgen und guten Qualitäten, wenn sich die Trockenheit im Frühjahr und der Regen in der Ernte nicht zu sehr ausgewirkt haben. Die AMI geht von einer zufriedenstellenden Getreideernte „über alles“ aus und auch die Preise für Brotgetreide ziehen allmählich an. Unklar bleibt, wieviel angesichts der Menge in den Futtertrog wandert. Dennoch bleibt der Ackerbau das schwierigste Marktsegment.
Kartoffeln im Keller
Anders sieht es im Kartoffelmarkt aus. Die große und frühe Ernte bringt den Abverkauf durcheinander, wenn man keine Zeit zum Warten hat. Die Frühkartoffeln haben sich durch die gute Menge länger am Markt gehalten. Die frühe Ernte der „normalen“ Kartoffeln kreuzte sich damit und erhöhte den Stress am Markt, vor allem bei nicht vertragsgebundener Ware. Diese entwickelten einen erheblichen Preisdruck, der die Betriebe mit langjährigen Verträgen verärgerten. Der Preis sinkt, „obwohl gar nicht notwendig“, wie sie sagen. Denn die Aldi und Lidl sind (noch) nicht die Preisdrücker, sondern die Berufskollegen mit freien Übermengen bedrängen den Marktablauf.
Zoff um Naturland
Aber die unterschiedliche Entwicklung auf den Biomärkten treibt auch neue Konflikte an. Naturland hat den „Schlüssel“ der Bio-Entwicklung in den Einzelhandel verlegt und davon profitiert. Mit nach eigenen Aussagen 126.000 Mitgliedern in 60 Ländern und 4.500 in Deutschland bekommt die Ergebnisse zurzeit zu spüren. Die strikte Hinwendung zum Einzelhandel – besonders die Vereinbarung mit Aldi – hat die Marktchancen des Verbandes angetrieben und bei anderen Verbänden zu Verärgerungen geführt. Der Konflikt mit Bioland konnte nach der Verabschiedung eines Rahmenvertrages mit weitgehend gegenseitiger Richtlinienanerkennung noch niedrigschwellig gehalten werden, obwohl es unter der Oberfläche ordentlich knirscht, da die je eigene Verbandsware „natürlich“ vorrangig gehandelt wird. Stärker ist die Auseinandersetzung mit Bio-Austria. Der größte Bioverband Österreichs wirft Naturland vor, ihre Mitglieder in der Vermarktung bei deutschen Discountern hinauszudrängen und seine Marktmacht zu missbrauchen. Man droht mit einer Klage bei der österreichischen Wettbewerbsbehörde. Beim Kampf um Zugang zu den knappen Rohstoffen gewinnt Naturland rasant an Boden, berichtet die Zeitung „der Standard“. Biobetriebe sorgen sich um den nationalen Ausverkauf des guten „Österreichischen Bio-Ansehens“. Dazu kommen noch Vorwürfe aus dem Nachbarland gegenüber Naturland wegen mangelhafter Warenrückverfolgbarkeit, fragwürdiger Ausnahmegenehmigungen und Freigabe nicht kontrollierter Rohstoffe angesichts der Knappheit. Naturland weist die Verdächtigungen zurück und gibt sich wenig verständig. Man sei als internationaler Verband offen für österreichische Mitglieder und hat auch bereits ca. 2.500 Betriebe teils offen von Bio Austria abgeworben – besonders um Biomilch u.a. bei Aldi und Co. platzieren zu können.
Hitzige Führungskrise
Und nun gibt es auch noch innere Querelen um die Kündigung des langjährigen Geschäftsführers, der am Vorsitzenden vorbei mit einem hohen sechsstelligen Abfindungsangebot bedient worden sein soll. Auf einer Sonder-Delegiertenversammlung am Freitag wurde ein völlig neuer Vorstand gewählt, der die peinliche Angelegenheit befrieden soll. Die Debatte sei von internen Querelen und politischen Machtspielen gekennzeichnet, berichtet die „Süddeutsche Zeitung“. Naturland sei tief gespalten, was man sich nicht leisten könne, berichten Teilnehmer. Die massiven Konflikte innerhalb des Präsidiums, die eine sachliche und konstruktive Zusammenarbeit zunehmend unmöglich machten, sei nun vorbei, verspricht der neue Vorsitzende Räder. Das Rumoren um Naturland dürfte sich nicht so schnell beendigen lassen.
Der Marktbeobachter sieht aktuell durchaus positive Entwicklungen im Biobereich. Aber die „Absatzdelle von 2022/23“, die Ungleichzeitigkeiten der Marktsegmente und die neuen Herausforderungen durch den Einzelhandel bringen viel Unruhe auf die Biobetriebe – von den Erzeugern bis zu den mittelständischen Herstellern. Und mittendrin immer die Verbände, die mit ihrer Markenführung den Boom und die Krisen vorantreiben. Die schöne alte Biowelt droht sich aufzulösen. Das Ende ist nicht abzusehen.
