AbL-Milchtagung mündet in „Hardehausener Milch-Erklärung“

„Wir fordern das Bundeslandwirtschaftsministerium und Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer auf, nach dem Milchgipfel unmittelbar einen weiteren Gesprächstermin anzubieten. Dieses Gespräch muss sich aus der Praxis mit der Handhabung von Verträgen in der Landwirtschaft befassen, dazu Beispiele aus der Praxis einladen und die Ermittlung und Einbindung von Produktionskosten thematisieren.“

Und: „Wir fordern das Bundeslandwirtschaftsministerium und Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer auf, sich für die sofortige Aktivierung des freiwilligen Lieferverzichts auf EU-Ebene einzusetzen, wie es auch das European Milk Board (EMB) fordert.“

Das sind die zwei zentralen Forderungen der „Hardehausener Milch-Erklärung“, die auf der bundesweiten Milchtagung „Bäuerliche Milcherzeugung sichern!“, veranstaltet von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft e.V. (AbL) in Zusammenarbeit mit der Katholischen Landvolkshochschule Hardehausen, verabschiedet wurde und das Ergebnis der Diskussionen auf der Tagung zwischen Bauern und Bäuerinnen, Wissenschaftsler:innen und Molkereivertreter:innen darstellt. Mit dem Dokument setzen die Akteure ein geschlossenes Zeichen für eine zukunftsfähige Milchwirtschaft und die verbindliche Berücksichtigung der tatsächlichen Produktionskosten der Milcherzeugung.

Elisabeth Waizenegger, Milchbäuerin im Allgäu und Mitglied im AbL-Bundesvorstand, sagt: „Wir Bäuerinnen und Bauern befinden uns in einer Milchpreiskrise. Wir haben derzeit keine Möglichkeiten, wirksam am Markt zu agieren und unsere Produktionskosten zu erwirtschaften. Vorgeschlagene Instrumente wie Risikoausgleichsrücklage sind nicht geeignet, die aktuelle Krise zu entschärfen, oder weitere vorzubeugen. Um die preisdrückenden Milchübermengen zu reduzieren, fordern wir kurzfristig den freiwilligen Lieferverzicht. Damit wir langfristig solche Preiskrisen deutlich besser verhindern, brauchen wir Milcherzeuger:innen einen transparenten Marktüberblick und verbindliche Verträge, in denen vorab Preise, Mengen, Qualitäten und Laufzeiten festgelegt sind.“

Die Sinnhaftigkeit einer EU-weiten Vertragspflicht unterstreicht auch Andreas Steidele, Milchbauer im Allgäu und Vorsitzender der Molkerei Allgäu Milch Käse: „Wäre letztes Jahr der Artikel 148, also die EU-weite Vertragspflicht, schon gewesen, wäre sehr wahrscheinlich solch ein Milchpreisabsturz nicht möglich gewesen. In den Verhandlungen unserer Molkerei mit Lebensmitteleinzelhandel und Industrie bringen wir immer die Produktionskosten der Erzeuger mit ein, die werden aber nicht bezahlt, wenn überschüssige Milch am Markt ist. Angebot und Nachfrage müssen in Einklang gebracht werden, sonst sind solche Milchpreis-Einschläge für Milchbetriebe nicht zu verhindern.“

Auf erhebliche Ungleichgewichte bei der Verhandlungsmacht von Lieferanten und Käufern in der Agrar- und Lebensmittelversorgungskette hat die Monopolkommission in einem Sondergutachten aufmerksam gemacht. Dazu erklärt Emanuel Kollmann, Senior Analyst der Monopolkommission: „Die Auszahlungspreise für Erzeuger:innen sind von den Produktionskosten entkoppelt. Die landwirtschaftlichen Betriebe unterliegen großen finanziellen Unsicherheiten und geringer wirtschaftlicher Resilienz. Die Preisschere zwischen Verbrauchern und Erzeugern wird immer größer.“

Wie es anders geht, schildert Michael Alterauge, NRW-Landesvorsitzender des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter und Vertreter der Hofmolkerei „Volle Kanne“, unter der Überschrift ‚Kooperationsmodell für stabile Milcherzeugerpreise nach Milch-Marker-Index (MMI)‘: „Wir verkaufen über die Hofmolkerei „Volle Kanne“ unsere Milch auf Grundlage unserer Produktionskosten. Das heißt, wir brechen die Kosten hoch und durchbrechen damit das übliche System, dass die Kosten zu uns Milchbetrieben runtergebrochen werden, also wir nur das ausgezahlt kriegen, was am Ende der Kette übrigbleibt.“

Ähnlich äußerte sich auch Anna Bieker, Molkereiinitiative Dornseifer – Partner der Rewe-Group: „Wenn die Preise runtergehen, dann ziehen wir als Molkerei nicht entsprechend mit. Für die Betriebe bedeutet es, dass sie wirtschaftliche Stabilität haben und ihre Investitionen tätigen können. Wir kalkulieren die Produktionskosten über alle drei Stufen von unten nach oben, also von Milcherzeugung über Herstellung bis Vermarktung.“

Die Weidehaltungsform „Mob Grazing“ stellte Anne Verhoeven von der Landwirtschaftskammer NRW vor und beschrieb ausführlich, wie Weideformen und Umtriebe auf Artenvielfalt und Kohlenstoffbindung wirken und wie Einzäunungen praktikabel gestaltet werden könnten. „Weide ist wichtig als Kohlenstoff- und Wasserspeicher und wir untersuchen ganzheitliche Weidemanagement-Strategien“, sagte sie. Aus der Praxis ergänzte Christoph Trütken, Landwirt im Schwarzwald, dass verunkrautete Weiden durch dieses ganzheitliche Weidemanagementsystem saniert werden könnten und für die Futtergewinnung Heu nutzbar gemacht werden. Allerdings würden bestimmte Pflanzen, die besonders den Humusaufbau fördern, zurückgedrängt.