Marktbeobachtungen von Hugo Gödde +++ So einen Unterschied gab‘s noch nie. Die Erzeugerpreis-Differenz zwischen Biomilch und konventioneller Milch ist im Dezember auf 23 ct/kg gestiegen. Damit liegt der Erzeugerpreis für den Bio-Milchbauern um 50% über dem seines konventionellen Kollegen. Noch im Frühjahr betrug der Unterschied etwa 10 Cent und der Preis der „normalen“ Milch bewegte sich auf historisch hohem Niveau. Viele Branchenexperten rieten – leicht schadenfroh - von einer Umstellung auf Bio ab. Mit konventioneller Milch sei viel leichter viel mehr Geld zu verdienen. Inzwischen hat sich der Wind komplett gedreht.
Biomilch auf Allzeithoch, konventionelle Milch auf Talfahrt
Laut Berechnungen von Bioland und der AMI wird für 2025 ein Durchschnittspreis von 65 bis 66 ct/kg erwartet – ein neuer Spitzenwert. Der bisherige Höchstwert lag 2022 bei 58,3 ct/kg. Gegenüber 2024 konnte das Jahresergebnis um 7,8 Cent bzw. ca. 14% verbessert werden. Auch Anfang dieses Jahres blieb der Preis stabil. Die Vollkosten laut MMI (ca. 70 ct/kg) wurden nicht von allen, aber einigen Molkereien annähernd erreicht.
Geradezu diametral entwickelt sich der konventionelle Erzeugerpreis, der sich seit Oktober im freien Fall befindet. Nach 52 ct/kg im September verfiel der Wert über 49 ct im Oktober, 46 ct im November auf 43 ct/kg im Dezember. Marktkenner fürchten, dass im Januar kaum 40 ct/kg von den Molkereien gehalten werden. Schon für den Weihnachtsmonat zahlte der Großteil der Molkereien im Norden, Westen und Osten keine 40 ct/kg. Die größte Molkereigenossenschaft DMK lag bei 37 ct/kg, Tendenz fallend. Allein die süddeutsche Milchwirtschaft (eher privatwirtschaftlich als genossenschaftlich aufgestellt) bremste den steilen Abstieg des Durchschnitts.
Die Kostendeckung wird für das letzte Jahr deutlich verfehlt, nachdem es bis zum Sommer nach einem ordentlichen Ergebnis ausschaute. Aktuell werden die guten Resultate der ersten drei Quartale 2025 in kürzester Zeit verfrühstückt. Für die meisten Milchviehhalter wiederholt sich erneut, dass die Sprunghaftigkeit des Marktes nahezu unberechenbar ist. Vor kurzem war der Begriff der Volatilität ein Fremdwort für Landwirte. Heute erklärt jeder milchwirtschaftliche Redner damit, dass man nichts mehr machen kann und den Markt über sich ergehen lassen muss. Noch im September waren Molkereichefs davon ausgegangen, dass der Preis nicht unter 50 Cent fallen würde. Im Dezember zahlen dieselben Milchindustriellen keine 40 Cent mehr. Das Vertrauen der Milchbäuerinnen und Milchbauern hat zuletzt extrem gelitten.
Ursache: der Anstieg der Anlieferung oder nicht?
Der Verfall des Milchpreises wird von allen Branchenkennern mit der hohen Anlieferung der konventionellen Milchmengen seit dem Spätsommer begründet. Seitdem wird etwa 5% bis zu 7% mehr Milch an die Molkereien geliefert. Da auch in einigen anderen europäischen und außereuropäischen Ländern die Produktion wuchs (wenn auch nicht so stark wie bei uns), konnte ein Absturz nicht ausbleiben – so die Experten. Argumentiert wurde auch, dass die Produktion wegen der überwundenen Blauzungenkrankheit, die in vielen Herden Mengen gekostet hatte, anstieg und zudem das gute und billige Futter die Milchleistungen beförderte. Richtig bleibt natürlich festzuhalten, dass der Herdendurchschnitt pro Kuh und Jahr in den letzten 10 bis 15 Jahren von ca. 8.000 auf oft 10 bis 12.000 Liter gepusht wurde. Wer als erfolgreicher Milcherzeuger gelten will, sollte schon die 10 vorn vorweisen können, um ernst genommen zu werden. Dass für die gleiche Menge allein ein Viertel bis ein Drittel weniger Kühe gemolken werden müssen, wird dabei vergessen. Auch dass dadurch bei gleichen Gesamtbeständen ein Drittel weniger Milchbetriebe benötigt werden – was anschließend von Politikern und Interessenvertretern wiederum beklagt wird.
Ursache oder Folge: der Preiskampf der Discounter
Etwa gleichzeitig mit der erhöhten Anlieferung, die schon eine Herausforderung für die Molkereiwirtschaft darstellte, presste der Lebensmittelhandel, allen voran die Discounter Lidl und Aldi, in einem brutalen Wettbewerb um die Preisführerschaft im Handel die Preise dramatisch nach unten. Innerhalb weniger Wochen drückten alle LEH-Konzerne den Butterpreis auf den halben Preis und lösten eine Dynamik aus, die die Abwärtsspirale befeuerte. Manche Fachleute rechtfertigen es mit dem Anstieg der Milchmengen, aber die Beschleunigung ist letztlich vor allem mit einem Wettkampf der Handelsriesen um die Preisführerschaft zu erklären, was selbst Brancheninsider wie die „Lebensmittelzeitung“ konstatierten.
Biomilch: Anlieferung gestiegen, Preise stabil
Dass eine höhere Anlieferung nicht automatisch zu Preissturz führen muss, zeigt der Biomilchmarkt. Auch bei biologisch erzeugter Milch stiegen die Mengen im Laufe des Jahres langsam an, im November 2025 wurden etwa 8% über dem Vorjahresmonat erfasst. Auch um die Jahreswende lag die Produktion deutlich über Vorjahr. Aber im Unterschied zu den konventionellen Kollegen konnten die Bioerzeuger/Molkereien den Preis stabil halten. Laut AMI wurde der Absatz für Konsummilch – dem wichtigsten Biomilchprodukt – für Milchmixgetränke, Käse, Joghurt und Quark erfreulich nachgefragt. Es mussten keine aufwendigen Rabattaktionen gestartet werden, um die Nachfrage anzukurbeln. Auch die ständig wiederholte Begründung, in diesen Krisenzeiten wolle oder könne der Verbraucher sich keine hochpreisigen Produkte leisten, konnte für die Biomilch nicht verifiziert werden. Die Biomilchprodukte sind (relativ) teuer und geben bisher nicht nach, obwohl der Unterschied zwischen Bio und konv. Milchprodukten kaum höher sein könnte. Biobutter ist zurzeit fast dreimal so teuer wie Standardbutter.
Der Marktbeobachter kann nachvollziehen, dass der konventionelle Milchmarkt und der viel kleinere Biomilchmarkt (etwa 5%) nicht ohne weiteres zu vergleichen ist. Dennoch machen es sich die Einzelhandelskonzerne und die Molkereiwirtschaft zu einfach, dass eine in der Tat höhere (vorübergehende?) Anlieferung zu einem fast bodenlosen Preissturz führen muss. Tatsächlich sind die Börsen- und Spotpreise ebenfalls gnadenlos niedrig, während der Weltmarktpreis schon wieder anzieht, aber mit etwas Marktgespür und Empathie für die Milchbäuerinnen und Bauern, die man morgen wieder für den Erhalt des ländlichen Raums, für die Grünlandbewirtschaftung im Klimawandel und meinetwegen (Minister Rainer) für die Versorgungssicherheit und die kritische Infrastruktur benötigt, müsste man den Sektor nicht derart abschwirren lassen.
Der Biomilchmarkt zeigt, dass bei einer gewissen Gelassenheit die Marktunwuchten begrenzt werden können – trotz aller Diskussionen um Importe, Eigenmarken bzw. Verbandsstress. Aber wenn der LEH und die Molkereikonzerne an den Preishöhen und an den Tälern verdienen wollen und der Preiswettbewerb zur Frage von Sieg oder Niederlage wird, werden die Erzeuger sich auf diese Marktverhältnisse einstellen und ihrerseits ihre Instrumente neu sortieren müssen. Und das kann nicht bei Forderungen und Wünschen an die Politik stehen bleiben – und schon gar nicht bei der Hoffnung, dass bald genügend Betriebe aussteigen. Immerhin haben Milcherzeuger durch Umstellung auf Biomilch eine reale Alternative, auch wenn die Tücken weiterhin im Detail liegen und man auch bei Bio nichts geschenkt bekommt. Irgendwie erinnert mich das an das alte Sponti-Motto: wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt.
