Junglandwirteförderung zwischen Hoffnung und Haushalt

„Vorsichtig optimistisch“ zeigt sich die stellv. Bundesvorsitzende Anne-Kathrin Meister vom Bund der Deutschen Landjugend (BDL) mit Blick auf das von der EU-Kommission vorgelegte Strategiepapier zum Generationenwechsel in der Landwirtschaft. Den „schönen Worten“ müsse jetzt aber auch „echtes Geld“ folgen. Die europäische Bio-Jugendbewegung kritisiert den Mangel an konkreten Instrumenten und die mangelnde Anerkennung der ökologischen Landwirtschaft zur Förderung des Generationswechsels. Noch keine Position zu dem Papier hat offensichtlich Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer. Auf dem jüngsten EU-Agrarministerrat verkündete er, die Strategie intensiv prüfen zu wollen, und nutzte seine Redezeit laut Agra Europe ansonsten dafür, die anstehende Agritechnica zu bewerben.   

BDL: die Strategie scheint vielversprechend

„Die Strategie scheint vielversprechend, denn sie adressiert nahezu alle zentralen Hürden, denen Junglandwirtinnen und Junglandwirte beim Aufbau ihres Betriebes begegnen: Probleme bei der Hofübernahme, fehlender Zugang zu Land, erschwerter Zugang zu Krediten und Finanzinstrumenten, sogar sozial nachhaltige Themen wie die Wahrnehmung in der Gesellschaft oder mentale Gesundheit“, erklärt die stellv. BDL-Bundesvorsitzende Anne-Kathrin Meister.

Positiv bewertet die größte deutsche Junglandwirt:innen-Vertretung auch, dass die EU-Kommission auch Rentabilität und Einkommen einbezieht. „Denn ohne wirtschaftliche Perspektive nützt die beste Strategie nichts“, so BDL-Vize Meister. Das angekündigte Starter-Paket könne Hofnachfolger:innen tatsächlich Hoffnung machen. 

Doch die Euphorie hat Ansicht des BDL Grenzen. Die Strategie steht im Schatten des Mehrjährigen Finanzrahmens (MFR) und der kommenden Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) 2028-2034. „Schöne Worte brauchen echtes Geld, damit auch Taten folgen“, so BDL-Vize Meister. Zwar sollen sechs Prozent der Mittel in den nationalen und regionalen Partnerschaftsplänen (NRP) für den Generationswechsel reserviert werden. Doch bislang sieht der GAP-Vorschlag ab 2028 kein zweckgebundenes Mindestbudget für Junglandwirt:innen vor. 

Gemeinsam mit dem europäischen Dachverband CEJA fordert der BDL daher, ein verbindliches Mindestbudget beizubehalten. „Im Rest der NRP-Fonds würden alle Sektoren um die Kuchenkrümel konkurrieren. Da bleibt für den Berufsnachwuchs in der Landwirtschaft vermutlich nichts übrig“, mahnt Meister. 

24 Prozent bis 2040? Nicht durch Betriebssterben!

Kritisch sieht der Verband auch, dass das Papier lediglich Empfehlungen ausspricht und keine legislative Verbindlichkeit besitzt. Das öffne Tür und Tor für nationale Rosinenpickerei. „Die deutsche Regierung würde ein starkes Zeichen für Junglandwirt:innen setzen, wenn sie die Empfehlungen der EU-Kommission ernst nimmt und alle Hebel in Bewegung setzt, um die Hürden für junge Menschen in der Landwirtschaft auf nationaler Ebene zu senken“, präzisiert die stellvertretende Bundesvorsitzende.

Besonders ambitioniert wirkt das erklärte Ziel der EU-Kommission, den Anteil der unter 40-jährigen Landwirtinnen und Landwirte bis 2040 von derzeit zwölf auf 24 Prozent zu verdoppeln. Doch auch hier mahnt der BDL zur Vorsicht. „Dieses Ziel könnte erreicht werden, wenn viele Betriebe einfach aufgeben, ohne dass wirklich Höfe an den Berufsnachwuchs übergeben werden. Das kann nicht im Sinne der Strategie sein“, warnt BDL-Vize Meister.

Bio-Jugendbewegung von Papier enttäuscht

Nicht ausreichend berücksichtigt fühlen sich in dem Strategiepapie die Junglandwirte im Organics Europe Youth Network, einer Untergliederung der EU-Gruppe der Internationalen Vereinigung ökologischer Landbaubewegungen (IFOAM Organics Europe). „Junge Biobauern sind jeden Tag auf ihren Feldern und an ihren Ständen im Einsatz, um für ökologische Nachhaltigkeit, Klimaresilienz, Innovation und Ernährungssicherheit zu sorgen. Gleichzeitig wächst das Interesse junger Landwirte am ökologischen Landbau als tragfähiger Karriereweg. Die Zahlen sprechen für sich: 21 % der Biobauern sind unter 40 Jahre alt, verglichen mit nur 10 % in konventionellen Betrieben.  Für uns in der jungen Bio-Bewegung ist es zutiefst enttäuschend, dass die Strategie zur Generationserneuerung die entscheidende Rolle junger Biobauern übersieht und keine konkreten Instrumente zur Unterstützung des Wachstums des ökologischen Landbaus in Europa bereitstellt“, erklärt Helene Schmutzler, Koordinatorin des Organics Europe Youth Network. 

Positiv zu vermerken sei, dass die Strategie zur Generationserneuerung eine umfassende Analyse der Herausforderungen enthält, denen junge Landwirte gegenüberstehen, wie beispielsweise Zugang zu Land, Zugang zu Finanzmitteln und ländlichen Dienstleistungen, und das ehrgeizige Ziel verkündet, den Anteil junger Landwirte in Europa von 12 % auf 24 % zu verdoppeln.  Viele der Hindernisse, mit denen junge Biobauern speziell konfrontiert sind und für die es konkrete Lösungen gibt, finden jedoch in der Strategie keine Berücksichtigung. 

„Die Auseinandersetzung mit dem Generationswechsel und die Förderung des ökologischen Landbaus gehen Hand in Hand. Die Strategie verweist zwar auf die Bedeutung der Förderung „nachhaltiger” landwirtschaftlicher Praktiken, versäumt es jedoch zu erwähnen, dass es in Wirklichkeit junge Biobauern sind, die bereits heute täglich Nachhaltigkeit praktizieren. Ohne die Anerkennung des ökologischen Landbaus und gezielte Instrumente läuft die EU Gefahr, ihr Ziel, die Zahl der Junglandwirte bis 2040 zu verdoppeln, zu verfehlen“, sagt Eduardo Cuoco, Direktor von IFOAM Organics Europe. 

Obwohl die konkrete Umsetzung noch ungewiss ist, sei die Empfehlung der Kommission, 6 % der nationalen Agrarausgaben für den Generationswechsel bereitzustellen, ein Schritt in die richtige Richtung. Die Mitgliedstaaten müssen den jungen Landwirten und Neueinsteigern, die sich in der ökologischen Produktion engagieren wollen, durch gezielte und ausreichende Unterstützung Vorrang einräumen.

Die Kohärenz zwischen der langfristigen Vision der EU für die Zukunft der Landwirtschaft und der Strategie zum Generationswechsel ist von entscheidender Bedeutung, um die Bemühungen zum Aufbau eines wirklich nachhaltigen, widerstandsfähigen und fairen Lebensmittelsystems, in dem der ökologische Landbau eine führende Rolle spielt, nicht zu untergraben. IFOAM Organics Europe und das Organics Europe Youth Network fordern die Kommission und die Mitgliedstaaten auf, dafür zu sorgen, dass die Umsetzung der GAP und die nationalen Strategien zur Generationserneuerung junge Biobauern ausdrücklich als wichtige Akteure für den Schutz der natürlichen Ressourcen und für die Wiederbelebung und Attraktivität unserer ländlichen Gebiete unterstützen. 

Keine Einigkeit im Agrarrat

Zwar gab es beim Treffen der EU-Agrarminister in dieser Woche eine breite Zustimmung zu einer stärkeren Förderung der Junglandwirt:innen, beim Geld hörte die Einigkeit jedoch auf.   Der Vorschlag, künftig 6% der Agrarfördermittel in Maßnahmen zur Förderung des Generationswechsels zu investieren, stieß laut einer Meldung von Agrar Europe bei mehreren Ländern auf Kritik. So erklärten etwa Bulgarien, Tschechien und Lettland, dass dieses Ziel sehr ambitioniert sei. Die Slowakei setzte den angestrebten Anteil an GAP-Mitteln für Junglandwirte mit der von diesen bewirtschafteten Ackerfläche in Relation. Da es lediglich um 1,5% der Fläche gehe, sehe man ein Missverhältnis, so Agra Europe.

Frankreich betonte, dass es zwar eine einheitliche Untergrenze für die Junglandwirteförderung brauche, den Mitgliedsstaaten nach oben jedoch gewisse Freiheiten gelassen werden sollten. Auch seien die Nationalstaaten und das EU-Parlament bei der Festlegung der Anforderungen stärker zu berücksichtigen. Lob für den Kommissionsvorschlag kam laut Agra Europe aus Slowenien und den Niederlanden.

Für Deutschland erklärte Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer, dass man die Strategie intensiv prüfen werde. Er nutzte seine Redezeit außerdem, um für die kommende Agritechnica zu werben.