Globale Ernährungskrise droht: Koordiniertes Handeln ist überfällig

Seit Beginn der russischen Invasion in der Ukraine sind die Warnungen vor einer drohenden Hungerkrise nicht mehr aus den Schlagzeilen wegzudenken. Verstärkte Aufmerksamkeit erhält das Thema auch von Seiten der Politik: Über eine mögliche Freigabe der ökologischen Vorrangflächen entstand hierzulande eine ebenso hitzige Debatte wie international über die Ankündigung Indiens, Weizenexporte zu stoppen, um die Ernährung der eigenen Bevölkerung zu gewährleisten. Aufgrund einer anhaltenden Hitzewelle befürchtet Indien deutliche Ertragseinbrüche. Während Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir diese Entscheidung scharf kritisierte, sprechen sich Hilfswerke wie Brot für die Welt dafür aus, dass gerade Länder, die stark von Hunger und Armut betroffen sind, ihre eigenen Märkte in Krisenzeiten schützen können müssen – auch wenn dies gegen die Regeln der Welthandelsorganisation verstößt.

Seit mindestens zwei Jahren, also seit Beginn der weltweiten Corona-Pandemie, schlagen zivilgesellschaftliche Organisationen und soziale Bewegungen, aber auch UN-Organisationen, rund um die Welt Alarm. Einkommensausfälle, unterbrochene Lieferketten, Ausgangssperren und geschlossene Wochenmärkte haben vor allem in Ländern des globalen Südens die Ernährungssicherung stark beeinträchtigt. Von einem Jahr auf das andere litten im Jahr 2020 bis zu 160 Millionen Menschen mehr an Hunger. Diese Situation droht sich nun weiter zu verschärfen. In ersten Prognosen rechnet die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) mit bis zu 13 Millionen Menschen mehr, die chronisch hungern. Die Lage ist also schon lange mehr als bedrohlich.

Im Zuge der deutschen G7-Präsidentschaft rutschte das Thema nun endlich auf die Agenda. Angesichts der dramatischen Lage, in der sich die Welternährung seit vielen Jahren befindet, ist diese Aufmerksamkeit mehr als überfällig. Hunger steht nicht zum ersten Mal auf der Agenda eines G7-Gipfels, die dort getroffenen Lösungen verfehlten jedoch überwiegend ihr Ziel. Gerade die Integration von kleinbäuerlichen Erzeuger*innen in globale Wertschöpfungsketten brachte ihnen in vielen Fällen weder ausreichend Einkommen noch nachhaltige Erträge – und ging auf Kosten ihrer eigenen Selbstversorgung. Richtig wäre daher, dass sich für eine Krisenlösung nicht die sieben reichsten Länder den Hut aufsetzen, sondern dass auf multilateraler Ebene, also unter Einbeziehung auch der importabhängigen Staaten, nach gleichberechtigen Antworten auf die Krise gesucht wird. Der Welternährungsrat (CFS) wäre als inklusivstes Gremium der Vereinten Nationen der richtige Ort. Denn im CFS sind nicht nur die meisten Staaten, sondern auch Betroffenengruppen wie kleinbäuerliche Produzent*innen, indigene Gruppen und Frauen als Akteursgruppen organisiert und Teil der Debatte. Für wirksame Maßnahmen müssen die überfälligen Probleme wie Fragen des Handels, Flächennutzung und Tierhaltung sowie die Spekulation mit Nahrungsmitteln auf die Agenda. Eine Debatte, die sich nur an mehr Geld für die Hungerbekämpfung orientiert, aber Debatten über die eigentlichen Fehlstellungen ausspart und nicht an einer grundlegenden Transformation orientiert ist, wird ins Leere führen.

Abhängigkeiten reduzieren

Importierende Länder treffen die derzeitigen Preisanstiege, die bereits vor Kriegsausbruch begannen, besonders hart, denn nicht nur Weizen, auch Mais und Soja sind deutlich teurer geworden. Auch die Preise für Düngemittel haben sich in afrikanischen Staaten teilweise versechsfacht. Die auch mit Blick auf die Klimakrise problematische Abhängigkeit der Ernährungssysteme von fossilen Energieträgern zeigt sich bei der extrem energieintensiven Herstellung von synthetischen Düngemitteln, beim Diesel für Landmaschinen und LKWs für den Transport und bei der Weiterverarbeitung, Kühlung und Zubereitung von Lebensmitteln. So ist es kein Wunder, dass sich Lebensmittelpreise häufig parallel zu den Rohölpreisen entwickeln: In den Zeiträumen zwischen 1997 bis 2004 und 2005 bis 2012 hat der Rohölpreis zu 50 Prozent zu Preissteigerungen bei Lebensmitteln beigetragen.

Eine entscheidende Rolle beim Einfluss der Rohölpreise auf die Lebensmittelpreise spielen synthetische Düngemittel: Im globalen Durchschnitt führt eine Verdopplung von Düngemittelpreisen zu einem Lebensmittelpreisanstieg von 44 Prozent. Nach Ausbruch des Ukrainekriegs erreichte der Weltmarktpreis für eine Tonne Stickstoffdünger im März ein historisches Rekordhoch.

Die aktuelle Krise muss daher dringend dafür genutzt werden, die Abhängigkeiten von synthetischen Düngemitteln, chemischen Pestiziden und allgemeiner von fossilen Energieträgern zu verringern – auch mit Blick auf die fortschreitende Klimakrise. Der steigende Einsatz von Pestiziden und Düngemitteln hat nicht nur ökologische Folgen, sondern auch wirtschaftliche: Viele Kleinbäuer*innen müssen sich immens verschulden, weil sie die Kosten über die Preise nicht reinholen können.

Klare Krisengewinnler sind hingegen Düngemittelkonzerne. So konnte Yara sein Nettoeinkommen bereits im ersten Quartal des Jahres 2022 beinahe versiebzigfachen, von 14 auf 947 Millionen US-Dollar. Auch in Europa sank der Düngemittelabsatz an europäische Bäuer*innen um rund ein Viertel, als Grund gibt Yara eine gesunkene Nachfrage aufgrund der Preissteigerungen an. Trotz dieses deutlich geringeren Absatzes konnten die Gewinne auch in Europa gesteigert werden. Hierfür braucht es dringend ein Eingreifen seitens der Politik: Sowohl eine genaue Beobachtung der Entwicklung als auch ein entschiedenes Eingreifen, etwa durch Preisobergrenzen, sind dringend erforderlich, also auch die Einführung einer Übergewinnsteuer auf Krisengewinne von Düngemittelkonzernen. Gleichzeitig liegt in der Krise auch die Chance, einen reduzierten Düngemitteleinsatz sowie ökologische Alternativen stärker politisch zu fördern. Sonst droht die Gefahr, Fehler zu wiederholen. Denn bereits während der Welternährungskrise 2007/2008 verzeichneten vor allem große, globale Düngemittelkonzerne enorme Gewinnzuwächse.