Marktbeobachtungen von Hugo Gödde +++ Viele Monate war der Milchmarkt auf niedrigem Niveau wie festgemauert. Erst kürzlich ist er langsam in Bewegung gekommen. Die fundamentalen Daten weisen nach oben, bleiben aber noch weit unter Produktionskosten. Die zarten Wegmarken spielen auch bei den aktuellen Verhandlungen zwischen den Lebensmittelketten und den Molkereien eine wichtige Rolle. Für die Milcherzeuger kommt es jetzt darauf an, was die Molkereien bewirken. Erst dann wird sich zeigen, ob bei den Kuhhaltern auch was ankommt. Was fehlt, ist ihr aktiver Teil an den Auseinandersetzungen. Sie verlassen sich auf die Milchwirtschaft.
Rohstoff- und Börsenwerte steigen allmählich
Der Kieler Rohstoffwert aus Butter und Magermilchpulver hat im September 2026 kräftig zugelegt. Er steigt um 10 % oder 3,9 Cent auf 42,6 Cent/kg an und überschreitet damit erstmals in diesem Jahr deutlich die 40-Cent-Marke. Auch der Spotmilchpreis, zu dem die Molkereien untereinander handeln, überwand die 40 Cent. Am Terminmarkt werden für Oktober bereits 45 ct/kg angegeben. Besonders die Werte von Magermilchpulver sind zuletzt heftig gestiegen und übertreffen den Vorjahreswert um 50%. Butter liegt noch erheblich unter dem Vorjahr, wo aber ein historisches Butterniveau aufgelaufen war. Aber auch Milchfett ist wieder im Kommen und zeigt eine rege Nachfrage, was sich auch am Anstieg der Butterpreise bei Aldi, Edeka & Co ausdrückte, die das 250 g Päckchen von 1,05 € auf 1,19 € gehoben haben. Zudem feuert der Protein- Konsumhype für eiweißreiche Produkte wie Skyr, Kefir oder Naturjoghurt den Markt an. Arla will allein für diesen Markt ein Verarbeitungswerk in Upahl/Mecklenburg-Vorpommern ausbauen und dafür kräftig investieren.
Da auch das Milchaufkommen keine 2% mehr über 2025 liegt, sehen die Aussichten für die nächsten Monate nicht schlecht aus – allerdings vom existenzbedrohlichen Niveau aus.
Milchpreise steigen nur sehr langsam
Diese bessere Marktlage bildet sich ganz allmählich auch im bundesweiten Milchpreis ab. Nach dem Tiefpunkt im März mit 37,6 ct/kg kletterte er über 39,0 im Mai auf 40,1 ct/kg im August – immerhin noch 13 Cent oder 25% unter Vorjahr. Erstaunlicherweise liegen laut AMI die Preise im Osten höher als im Norden oder Westen. Auch für September kündigen einzelne Molkereien bereits ein kleines Plus von 1 bis 2 Ct/kg an. Aber die Molkereien geben die höhere Nachfrage nur sehr zurückhaltend an die Erzeuger weiter – angesichts der gestiegenen Kosten (Energie, Dünger, Futter) bei weitem nicht ausreichend. Die Produktionskosten liegen laut MilchMarkerIndex weiterhin klar über 50 Cent, ca. 25% sind mit dem Auszahlungspreis nicht abgedeckt.
EU-Exporte von Milchprodukten ausgeweitet
Für deutsche und EU-Milchprodukte als Exportspitzenreiter ist vor allem in Zeiten steigender Mengen der globale Absatz von Molkereiprodukten bedeutend. Der Weltmarkt hat sich zuletzt positiv entwickelt. Magermilchpulver, Butter und Käse wurden umfangreicher am Weltmarkt abgesetzt. Davon konnte auch die EU-Milchindustrie profitieren.
Käse aus der EU bleibt anhaltend beliebt. Dabei sind die Importe aus China bis August sogar um 4% rückläufig, was sich für Deutschland bei der Flüssigmilch (minus 10%) bemerkbar machte. Die Milchproduktlieferungen in andere Länder konnte es mehr als ausgleichen. Für China ist Neuseeland weiterhin das Lieferland Nr.1.
Biomilch trotz Mengenwachstum auf hohem Preisniveau
Auch die Bio-Milchanlieferung in Deutschland lag von Januar bis Juli 2026 insgesamt um 6,9 % über dem Vorjahresniveau. Im Jahresverlauf hat die Dynamik jedoch spürbar nachgelassen. Nach dem Saisonhoch im Mai gingen die angelieferten Bio-Milchmengen von Monat zu Monat zurück. Besonders die von Hitze und Trockenheit betroffenen Regionen im Süden reduzierten zwangsläufig die Milchmenge. Nicht selten wurden Kühe frühzeitig geschlachtet. Dennoch konnte sich der Bio-Milchpreis auf hohem Stand fast halten. Mit gut 64 ct/kg im August wurde in der Summe der ersten acht Monate mit einem Durchschnittspreis von knapp 64,7 ct/kg der Rekord des Vorjahreszeitraums sogar noch um 0,2 ct/kg übertroffen, melden AMI und Bioland übereinstimmend. Biomilch liegt damit 24 ct/kg über der konventionellen Milch, ein neuer Spitzenwert! Dennoch ist die Umstellungsrate Richtung Bio sehr verhalten. Bayern, der stärkste Biomilch-Standort, hat gar 300 Betriebe in letzter Zeit wegen der Umstellung auf Weidehaltung verloren. Die Andechser Molkerei sucht aktuell neue Betriebe zur Kompensation.
Auch Bio profitiert von dem Proteintrend für Jugend- und Sportlichkeit, wie Andechs-Chefin Barbara Scheitz in einem Interview mit der „Lebensmittelzeitung“ darlegt. Getrieben durch die stärksten Produkte Naturjoghurt, Kefir, Skyr, griechischen Joghurt konnte sie ein Wachstum von 7% bei der verarbeiteten Milchmenge hinlegen. Aber sie weiß auch, dass es trotz des stabilen Preises die ein oder andere Preiserhöhung und Anpassung geben muss.
Steuert Müller-Milch den Osten komplett?
Dass man auch mit Milch Geld verdienen kann, beweist seit Jahren die Müller-Milch. Zukäufe stehen immer wieder auf ihrer Speisekarte – zuletzt das Deutschland-Geschäft von FrieslandCampina („Landliebe“). Jetzt soll die Vogtlandmilch zugekauft werden. Damit würde die Sachsenmilch (Müller-Gruppe), die etwa 10mal so groß ist, praktisch zum Monopolisten in der Region. Die Vogtlandmilch lag seit Jahren am Ende der Auszahlungspreise, so dass das Interesse der Lieferanten hoch ist, zumal Müller angekündigt hat, den Preis um 3 ct/kg anzuheben. Andererseits würden die Genossenschaftseinlagen verloren gehen, erklärt die Erzeugergemeinschaft Milch Plauen, der mit der Molkereigenossenschaft Glauchau zu gleichen Teilen die Vogtlandmilch GmbH gehört. Sie sehe dennoch zur Übernahme keine Alternative.
Diese Option passt auch zur Ankündigung Müllers, allen Mitgliedern nördlich von Berlin zum März 2027 zu kündigen und so das Liefergebiet zu „optimieren“ und die Transportkosten zu senken. Gleichzeitig will die Unternehmensgruppe, deren Chef Theo Müller eine Nähe zur AfD und ihrer Chefin Alice Weidel nachgesagt wird, aber in Luxemburg steuerrechtlich gemeldet ist, in Sachsen-Anhalt und Sachsen zwei Produktionsbereiche mit 320 Mitarbeitern schließen, wie am Dienstag bekannt wurde. Eine nachhaltige und wettbewerbsfähig profitable Auslastung sei nicht zu erreichen. Fazit: Ohne Müller Milch läuft im Osten nur wenig.
Für den Marktbeobachter zeigen die objektiven Marktaussichten Licht am Ende des Milchtunnels. Die Übermengen reduzieren sich und die Absatzmöglichkeiten im In- und Ausland verbessern sich. Das gilt es seitens der Molkereien auch bei den aktuellen Verhandlungen mit den Einzelhandelsketten auszuloten. Bessere Konditionen sind erzielbar, wenn nicht in der Branche wieder einzelne ihren egoistischen Vorteil suchen und „darunterher“ gehen.
Enttäuschend ist mal wieder, dass die Milchviehhalter und ihre Erzeugergemeinschaften (MEG’s) nicht am Tisch sitzen (außer man setzt die Interessen der Genossenschaften und der Erzeuger gleich). Auch von den Milchverbänden BDM u.a. hört man wenig. Etwas gewerkschaftliche Erfahrungen täten den MEG’s gut, etwas mediale und öffentlichkeitswirksame „Begleitmusik“ und Aktionen könnten den Verhandlern auf die Sprünge helfen. Der top agrar-Oktober-Milchwert von 45 Cent könnte eine Richtschnur sein. Sonst bleibt nur wieder abzuwarten, was der „Markt“ und der Handel hergibt. Eigentlich geht es doch darum, die Stellung der Landwirte in der Wertschöpfungskette aufzuwerten. Dafür wäre jetzt der richtige Zeitpunkt.
