Aus einem lobenswerten Ansatz entstehen kontraproduktive Entwicklungen.
Zunehmend wird im Milchsektor die Erstellung von Klimabilanzen von den Milchbauern und -bäuerinnen eingefordert, insbesondere durch Molkereien, Handelspartner und Finanzinstitutionen. Klimabilanzen sind inzwischen teilweise auch für Kredite relevant. Gleichzeitig führt die Vielzahl an Akteuren und Anforderungen zu einer kaum überschaubaren Anzahl unterschiedlicher Tools, die von den privaten Akteuren verlangt werden. Das ursprüngliche Ziel solcher Bilanzen war eigentlich, den landwirtschaftlichen Betrieben Orientierung anzubieten und Ansatzpunkte für ihre Weiterentwicklung aufzuzeigen. Aber wie sieht die Situation heute aus bäuerlicher Perspektive aus?
Leider nicht so erfreulich. Erstens, weil diese Bilanzen produktbezogen sind. Das heißt, der Klima-Fußabdruck wird pro Kilogramm Produkt berechnet. Daraus folgt: Je effizienter der Betrieb, desto besser fällt die Bilanz aus, unabhängig davon, wie viele Treibhausgase insgesamt durch diese Produktion verursacht werden und welche Wirkungen sie auf andere zentrale Umweltindikatoren hat. Zweitens: Abgesehen von der Metrik (pro Kilogramm Produkt und nicht zum Beispiel auf Betriebsebene oder pro Hektar) spielen die ausgewählten Indikatoren eine wesentliche Rolle. In einem Kontext, wo sieben von neun planetarischen Grenzen (eine davon ist der Klimawandel) schon überschritten sind, müssen mehr Faktoren betrachtet werden als nur Treibhausgas-Emissionen. Vor allem, denn hier ist die Grenze am weitesten überschritten, die Folgen des menschlichen Einwirkens auf die Artenvielfalt. Wie bei allen Instrumenten gilt: Diese Indikatoren sind zwar wissenschaftlich entwickelt, doch bei der Auswahl, welche Indikatoren überhaupt einbezogen werden und wie diese im finalen Ergebnis gewichtet werden, werden wichtige Entscheidungen getroffen. Dabei stellt sich die Frage: Was wollen wir überhaupt von diesen Tools?
Druck auf Betriebe
Heute ist die primäre Motivation bei den Verarbeitern, bei ihrer Bilanzberichterstattung Fortschritte zu zeigen oder im Rahmen von Nachhaltigkeitsbemühungen Umweltaussagen auch zu Werbezwecken machen zu können. Diese Ziele können aber nur erfüllt werden, wenn die Produzenten bilanzieren und anpassen, und dadurch wird Druck auf sie ausgeübt. Klimabilanzen werden inzwischen in Marktverhandlungen genutzt, obwohl diese Tools ursprünglich für die Beratung und zur eigenen Verbesserung der Betriebe entwickelt wurden. Sie sind über diesen Zweck hinausgewachsen, ohne dass berücksichtigt wird, welche Folgen dies für landwirtschaftliche Betriebe hat, welche Anreize dadurch gesetzt werden sowie in welche Richtung sich die Tierhaltung künftig entwickeln soll.
Von der Gesellschaft wird mehr Tierwohl gewünscht, mehr Tiere auf der Weide, grasbasierte Systeme und der Erhalt von Kulturlandschaften. Klimabilanzen wirken diesem Bild eines „leitbildgerechten“ Tierhaltungssystems jedoch komplett entgegen. Wenn der Fokus ausschließlich auf Treibhausgasen liegt, werden Effizienz und Produktivität gefordert, unabhängig von Tierwohl oder Biodiversität.
In den Ergebnissen von Klimabilanzen schneiden aktuell extensive Weidehaltungsbetriebe am schlechtesten ab. Und sie leiden bereits darunter: Molkereien beginnen, die Milchpreise an die Ergebnisse der Klimabilanzen zu koppeln, mit Zu- und Abschlägen. Betriebe, die aktiv zur Artenvielfalt und zum Tierwohl beitragen, werden hier klar benachteiligt. Und dadurch werden falsche Signale gesendet.
Falsche Richtung
Nicht einfacher wird das Ganze durch den bereits erwähnten unübersichtlichen „Dschungel“ von Klimatools. Auf deutscher Ebene wird derzeit versucht, Standards zu entwickeln. Dabei darf man nicht weiter in die falsche Richtung gehen und einen falschen Weg weiter verankern. Nachhaltigkeit muss ganzheitlich gedacht werden – und das ist deutlich mehr als Treibhausgase und reine Effizienz. Flankierende Maßnahmen für einen echten Nachhaltigkeitsansatz müssen weiter verteidigt werden, wie etwa die Ökoregelung für die Weidehaltung.
Grundsätzlich ist es wichtig, effektive Tools für mehr Klimaschutz zu entwickeln – das steht außer Frage. Die konkreten Folgen und Anreize hängen jedoch davon ab, welche Instrumente genutzt werden und wofür. Ein Tool, das in einem anderen Kontext und zu einem anderen Zweck eingesetzt wird als zu dem, für den es entwickelt wurde, kann vollständig kontraproduktiv wirken. Was die Landwirtschaft betrifft, sollte das Vorgehen fast umgedreht werden: Was wollen wir an Ernährungssystemen in die Zukunft tragen? Welche Bewirtschaftungsmodelle sind aus einer breiten Umwelt-, Tierwohl- und regional verankerten Perspektive wertvoll? Und daraus folgend: Wie können sowohl die Politik als auch Akteure der Wertschöpfungskette sie aktiv unterstützen?
Vor diesem Hintergrund müssen auch die Wirkungen privatwirtschaftlicher Anforderungen kritisch betrachtet werden. Im Kontext des Abbaus des Schutzes von Dauergrünland auf EU-Ebene, der gravierenden Abschwächung von GLÖZ-Standards in der GAP und des Wegfalls des BUT-Programms darf die private Wirtschaft nicht den letzten Schlag gegen den Erhalt einer nachhaltigen und gesellschaftlich gewünschten Weidehaltung setzen.
