Alarmstufe (Bio)Gas

Kohle und Fracking-Gas dürfen nicht der Weisheit letzter Schluss sein

Gemeinsam äußern der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE), der Fachverband Biogas (FvB) und der Deutsche Bauernverband (DVB) ihr großes Unverständnis, warum die Bundesregierung die Versorgungssicherheit im kommenden Winter ausschließlich über fossile Brennstoffe wie Kohle und importiertes Fracking-Gas sicherstellen will, das kurzfristig mobilisierbare Potenzial von nachhaltiger heimischer Bioenergie aber ungenutzt lassen möchte. Und auch Claudia Kemfert, Energieökonomin und Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt im Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) unterstreicht nach dem Ausrufen der Alarmstrafe des Gas-Notfallplans durch Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck die Potentiale von Biogas.

„Aktuell haben viele Biogas-Bauern noch mehr als ausreichend Substratvorräte aus der Ernte von 2021. Diese können im kommenden Winter aktiviert und für die die Erzeugung von Strom, Wärme und Biomethan genutzt werden. Die Bundesregierung sollte dafür jetzt den Weg freimachen“, so der Präsident des Bauernverbandes, Joachim Rukwied.

Tatsächlich hätte der derzeit bestehende Biogaspark in Deutschland die Möglichkeit, kurzfristig seine Biogasproduktion zu erhöhen und so die Nutzung von Erdgas zu reduzieren. „Seit dem EEG 2014 ist die vergütungsfähige Stromerzeugung jeder Anlage auf einen fixen Wert der sogenannten Höchstbemessungsleistung begrenzt. Aufgrund der Notsituation ist es daher ein Gebot der Stunde für 2022-2024 die Begrenzung der Stromproduktion im EEG auszusetzen“, meint der Präsident des Fachverbands Biogas Horst Seide. Darüber hinaus ist aufgrund baurechtlicher Beschränkungen die Biogasproduktion an vielen Standorten auf 2,3 Mio. m³ Biogas begrenzt. Auch diese Begrenzung sollte temporär ausgesetzt und notwendige Genehmigungsverfahren in diesem Zeitraum verkürzt werden. „So könnten wir sofort mehr Energie bereitstellen in Zeiten, in denen jede Kilowattstunde zählt. Kurzfristig lassen sich etwa 20 Prozent der aktuellen Leistung des Anlagenbestandes zusätzlich mobilisieren. Das entspricht insgesamt also 19 Terawattstunden (TWh) Gas beziehungsweise 7 TWh Strom, was den Strombedarf von 2 Millionen Haushalten decken würde“, rechnet Seide vor.

Dr. Simone Peter, Präsidentin des Dachverbandes BEE pflichtet ihren Kollegen bei: „Möglicherweise kommen wir, und in diesem Punkt stimme ich Minister Robert Habeck zu, für die kurzfristige Substitution von russischem Erdgas auch am Einsatz von fossiler Kohle zur Stromerzeugung nicht vorbei. Aber es ist klima- wie energiepolitisch vor allem geboten, die sofort nutzbare Biomasse in den bestehenden Bioenergieanlagen in dringend benötigte Energie umzuwandeln. So können bereits heute die Gasspeicher für den kommenden Winter geschont und der Bedarf zur Reaktivierung von Kohlekraftwerken deutlich verringert werden. Statt weiter auf fossile Energieträger aus unsicheren Regionen zu setzten, müssen heute die Weichen gestellt werden, damit alle Erneuerbaren Energien ihren Beitrag zur sicheren Energieversorgung leisten können.“

Noch ist nach Ansicht der Verbände Zeit, das Ruder herumzureißen und den Weg freizumachen für weniger Abhängigkeit von fossilen Energieträgern.
Welche Schritte im Detail nötig sind haben die Bioenergieverbände bereits im Mai in einer Stellungnahme zum Referentenentwurf zum Ersatzkraftwerkebereithaltungsgesetz dargelegt.

Für Claudia Kemfert vom DIW sind die wichtigsten Hebel, um die Gaslücke zu stopfen, der beschleunigte Ausbau erneuerbarer Energien und das Energiesparen. Versorgungssicherheit erreichen wir laut Kemfert kurzfristig über die konsequente Anwendung der ASSA-Formel: ausweichen, speichern, sparen, ausbauen. Und dabei gilt „vor allem: mit vereinten Kräften und größter Entschlossenheit endlich erneuerbare Energien in Deutschland ausbauen. Erneuerbare Energien müssen auch und gerade in der Industrie zum Einsatz kommen. Existierende Biogas-Anlagen sollten effektiver genutzt werden“, so Kemfert in einer Stellungnahme nach der Verkündung der Alarmstufe. Und auf Twitter schreibt sie zu der insbesondere von der FDP ins Spiel gebrachten Nutzung und Förderung von Fracking-Gas in Deutschland: „Gas #Fracking in Deutschland: zu riskant, teuer, geringe Potenziale und umwelt-, und klimaschädlich. Besser das Gas-Sparen fördern mit Prämie und erneuerbare Energien samt Biogas Potentiale optimieren und ausweiten.“

28.06.2022

Verbändegemeinschaft kritisiert das Vorgehen der Bundesregeirung, die das kurzfristig mobilisierbare Potenzial von nachhaltiger heimischer Bioenergie ungenutzt lässt.