Marktbeobachtungen von Hugo Gödde +++ Es gab schon mal Zeiten, da mischten Gutachten des wissenschaftlichen Beirats für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz (WBAE) die agrarpolitische Diskussion auf. Das Gutachten zur Tierhaltung 2015 erzeugte nachhaltige politische Wirkung. Das neue 393-seitige Werk wird nicht dazu gehören. In der Öffentlichkeit ist als prägnanteste Forderung der Regierungsberater die Änderung der Besteuerung für bestimmte Lebensmittel bekannt geworden. Pflanzliche Fleischersatzprodukte sollten auch mit 7% und daher keinesfalls höher besteuert werden als tierische Lebensmittel, schreiben die Wissenschaftler. Wahrlich kein Empfehlungs-Schwergewicht in der krisenhaften Lage der Tierhaltung, beim Umbruch der Fleischwirtschaft und beim Wandel des Fleischkonsums. Entsprechend ist die Beachtung bei Bauern- und Umweltverbänden mau, nur Veganer und Tierschützer, die hauptseitig die Tierhaltung abschaffen wollen, applaudieren lautstark.
Gutachten: große Worte von einerseits - andererseits
Das Gutachten zum Thema „Mehr Auswahl am gemeinsamen Tisch: Alternativprodukte zu tierischen Lebensmitteln als Beitrag zu einer nachhaltigen Ernährung“ wurde letzte Woche an Minister Rainer übergeben. Seine Anmerkung war typisch für die öffentlichen Reaktionen. Er sei für pflanzliche wie für tierische Produkte. Jeder solle nach eigenem Gusto essen und trinken. Die Besteuerung sei ein Nebenthema und die Mehrwertsteuer müsste mal generell überarbeitet werden.
Dabei bemüht sich der Beirat durchaus um eine gesellschaftliche und wirtschaftliche Einordnung. Vom Wandel im Werteverständnis und Konsum, der erst sehr langsam sich auf dem Tisch messen lasse, vom Schutz der Tierhalter und vom unvermeidlichen Umbau in der Tierhaltung, von weniger Tieren pro Betrieb bei mehr Tierwohl ist ebenso die Rede wie vom wachsenden Erwerb und Verzehr von Alternativprodukte. Auch auf die wachsenden Treibhausgasemissionen und die zusätzlichen Nährstoffeintragungen als Folge der wachsenden Weltbevölkerung wird hingewiesen.
Vieles bleibt im „einerseits - andererseits“. Einerseits Reduktion der Tierhaltung – andererseits Erhalt der wertvollen Grünlandnutzung und einer artenreichen Kulturlandschaft als ökologische Notwendigkeit. Bei Ernährung ohne Fleisch: einerseits weniger gesundheitliche Ernährungsprobleme – andererseits begrenzte Versorgung des Körpers mit wertvollen Fetten und Makro- und Mikronährstoffen. Einerseits Konkurrenzdruck bei Tierhaltern – andererseits Erhaltung der Tierhaltung, weil der Wandel nur schrittweise „über mehrere Jahrzehnte“ erfolgen wird. Einerseits ist aus Klimagründen Einschränkung der Tierhaltung sinnvoll – andererseits wird auf die wachsende weltweite Nachfrage nach tierischen Produkten verwiesen.
Fazit der Regierungsberater: Es gibt einen Wandel. Der Wandel sei jedoch kein Selbstläufer und die Zukunft der Ernährung ist ein Sowohl–als auch, kein Entweder-Oder, so Prof. Achim Spiller, Vorsitzender des Beirats. Und ein „Kulturkampf zwischen Leberkäs und Tofu-Tümelei“ (Söder) ist Unsinn – kann man noch ergänzen.
Umdenken zu Alternativprodukten?
„Um die Bevölkerung auch in Zukunft mit ausreichend Lebensmitteln versorgen zu können, ist ein Umdenken zu Alternativprodukten als Beitrag zu einer nachhaltigen Ernährung notwendig“, fasst der Beirat seine Empfehlung zusammen. Umdenken für Versorgungssicherheit durch Ersatzprodukte? In Städten kann man den Eindruck haben, es sei ein mächtiger Trend. Auf dem Land und in Kleinstädten ist kaum etwas zu merken.
Bei einer veganen Ernährungsweise werden tierische Lebensmittel komplett vermieden: Neben Fleisch, Käse, Milch gilt das auch für Honig und Produkte mit Gelatine oder ähnlichen tierischen Inhaltsstoffen.
Die Produktion von veganen Fleischalternativen ist im vergangenen Jahr weiter gewachsen – aber deutlich weniger dynamisch als noch in den Jahren zuvor. Laut Statistischem Bundesamt (Destatis) wurden 2024 hierzulande 126.500 t Fleischersatzprodukte produziert, 4% mehr als 2023. Der Wert dieser Produkte stieg mit 647,1 Mio. € im Jahr 2024 um 10 %. Im ersten Halbjahr 2025 verloren laut aktuellen Marktdaten die Ersatzprodukte an Menge und Umsatz.
Trotz des Rückgangs der Fleischproduktion und des Anstiegs bei Fleischersatzprodukten übersteigt die Herstellung von Fleisch die der Fleischalternativen um das 70-fache, so das Bundesamt. Auch laut anderen Berechnungen wie dem Thünen-Institut liegt der Marktanteil veganer Produkte bei etwa 2% und damit in der Größenordnung von Biofleisch. Damit entspricht der Marktanteil an Fleischersatz (zufällig?) etwa dem Anteil der Veganer an der Gesamtbevölkerung. Die gesellschaftliche und wirtschaftliche Bedeutung für Klimaschutz, für gesunde Ernährung oder für ökologische Vielfalt ist also außerordentlich gering.
Die Crux mit der Qualität und mit dem Preis
Die Alternativbranche kommt trotz vor allem städtischer Aufmerksamkeit um pflanzliche Ernährung wenig voran. Dabei haben sich angesichts der Konsumkrise besonders bei Schweinefleisch viele auch starke Unternehmen der Fleisch- und Wurstindustrie – ob aus Not oder Einsicht - auf Ersatzprodukte gestürzt, nur selten mit großem Erfolg. Der Marktführer Rügenwalder Mühle (Marktanteil über 35%) wäre ohne die Übernahme durch den Zuckerkonzern Pfeifer und Langen ins Schlingern geraten. Auch klassische Fleischunternehmen tun sich schwer. Tönnies, der mit Abstand größte Fleisch- und Wurstkonzern, kann trotz intensivem Marketing seinen Umsatz zwar erhöhen, bleibt aber hinter seinen eigenen Zielen zurück. Nur zwei Produkte konnten sich am Markt durchsetzen. Die Nr.2 der Wurstbranche Family Butchers will immer noch auf den Zug aufspringen, bewegt sich aber mit seiner veganen Marke „Billy Green“ auf der Höhe eines großen Fleischerhandwerksfilialisten und wurde bei der „Kooperation“ durch Tönnies ins Abseits geschoben. Der Lebensmittelkonzern Nestlé reagiert auf die anhaltend schwache Nachfrage und fährt seine Marke „Garden Gourmet“ erst einmal zurück. „Der europäische Markt für pflanzliche Alternativen wächst langsamer als wir erwartet hatten“, so eine Unternehmenssprecherin. Man habe versucht, Personal und Produktionskapazitäten zu halten, doch die erwartete Markterholung sei bislang ausgeblieben. Nestlé steigt nicht völlig aus dem pflanzlichen Segment aus, „passt aber seine Strategie an“ und gibt eine Produktionsstätte auf, so die Lebensmittelzeitung.
Als Haupthemmnis für das Wachstum gelten die fehlende Qualität und das hohe Preisniveau - trotz Kampagnen von einzelnen Discountern (Lidl) mit tierischen Produkten gleich zu ziehen. Aber ohne Mengeneffekten und Abbau von Markenmargen wird es eher zu einem internen Konkurrenzkampf als zu einer Marktausweitung kommen.
Der Marktbeobachter kann die grundsätzliche Bedeutung pflanzlicher Produkte für unsere Ernährung sehr wohl nachvollziehen. Aber die hohen „moralischen“ Werte gegenüber der (allerdings zu verbessernden) Tierhaltung sind wenig überzeugend. Selbst der Beirat gesteht zu, dass Fleischalternativen weder die „Krise besonders der Wertschöpfungskette Schwein“ verursacht haben noch lösen werden. Vom Fleischkonsumrückgang von 10 kg wird nur 1 kg von Ersatzprodukten ausgeglichen. Zudem wird die Landwirtschaft mit dem Anbau von Erbsen, Hafer oder Lupinen wesentlich weniger Wertschöpfung erzielen als mit der Tierhaltung, wenn die Pflanzen überhaupt hier angebaut und nicht aus Osteuropa oder Übersee importiert werden. Außerdem werden Alternativprodukte (auch die neue Technikwelle Fermentierung oder gar Laborfleisch) zunehmend in großen industriellen Verfahren hergestellt, zu Lasten ländlicher Räume. Es bleibt festzustellen, dass in der Tierhaltung und auf dem Fleischmarkt die nötige Transformation nur langsam vorankommt. Es bleibt viel zu tun. Fleischalternativen sind eher ein Nebenschauplatz.
