Anlässlich der Agrarministerkonferenz vom 11. bis 13. September fordert das Umweltinstitut München, dass Behörden Daten über Pestizidanwendungen offenlegen. Zwar müssen Landwirt:innen dokumentieren, welche Pestizide wann, wo und in welcher Menge ausgebracht werden. Doch diese Informationen werden von den Behörden weder erfasst noch ausgewertet oder veröffentlicht. Eine repräsentative Umfrage belegt den Bedarf nach Transparenz: Sie zeigt, dass 78 Prozent der Deutschen nachvollziehen wollen, welchen Pestiziden sie ausgesetzt sind, so das Umweltinstitut.
Seit März 2023 berät eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe über die Erfassung von Pestizideinsätzen. Doch von Fortschritten ist nach Ansicht des Umweltinstituts nichts zu hören. Auch auf der Tagesordnung der Agrarministerkonferenz ist davon nichts zu finden. Das Umweltinstitut appelliert nun in einem offenen Brief an die Agrarminister:innen der Länder und Bundesagrarminister Cem Özdemir, endlich ein bundesweit zentrales Register zu schaffen, das alle Pestizidanwendungen in Deutschland anonym, aber parzellengenau offenlegt. Eine solche Datenbank würde nicht nur die Umweltinformationsfreiheit stärken, sondern auch die Grundlage für eine nachhaltigere Landwirtschaft in Deutschland legen. Gesundheits- und Umweltrisiken von Pestiziden könnten besser erforscht werden. Außerdem könnte die notwendige Reduktion des Pestizideinsatzes messbar gemacht werden.
Eine Forsa-Umfrage im Auftrag des Umweltinstituts zeigt, dass ein Großteil der Deutschen hinter dieser Forderung steht: 78 Prozent der Bevölkerung wollen nachvollziehen können, welchen Pestiziden sie ausgesetzt sind. Vera Baumert, Referentin für Landwirtschaft am Umweltinstitut, sagt: „Die Menschen wollen wissen, welche Pestizide wann und in welchen Mengen verwendet werden. Wir sehen es als die Aufgabe der Politik an, dafür zu sorgen, dass diese Informationen von den Behörden bereitgestellt werden, ohne dass die Bürger:innen sie einfordern müssen.“
Daten über Pestizideinsätze verstauben meist ungesehen
Bisher bleibe der Pestizideinsatz weitgehend im Dunklen: Kontrolliert werden Aufzeichnungen jährlich nur bei rund einem Prozent der Betriebe. Auswertungen finden überhaupt nicht statt, sodass die wertvollen Informationen in Schubladen oder auf Festplatten verschwinden und nach drei Jahren vernichtet werden können – ohne je analysiert worden zu sein. Derzeit bieten,so das Umweltinstitut, nur nationale Absatzzahlen und freiwillige Angaben einiger weniger Betriebe einen unzureichenden Einblick in den Pestizideinsatz. Ab 2026 werde sich die Lage durch eine neue EU-Gesetzgebung zwar leicht verbessern, da die Aufzeichnungen dann elektronisch erfasst und den Behörden kurzfristig zugänglich gemacht werden müssen. Dennoch bleibe unklar, ob die Daten tatsächlich umfassend gesammelt und ausgewertet werden.
Die Menschen haben ein Recht darauf zu wissen, was gespritzt wird
Gerichtsurteile haben laut Umweltinstitut bestätigt, dass es sich bei den Daten über Pestizideinsätze um Umweltinformationen handelt, die allen Bürger:innen auf Antrag zugänglich gemacht werden müssen und von den Behörden sogar aktiv und systematisch verbreitet werden sollen. Diese Daten seien auch entscheidend für die wissenschaftliche Forschung. Ohne genaue Informationen sei es unmöglich, die Umwelt- und Gesundheitsrisiken durch Pestizide umfassend zu bewerten. Die Wasserwirtschaft benötige die Daten, um die Qualität des Trinkwassers sicherzustellen.
Kalifornien zeigt, wie es besser geht
Vorbild für ein Pestizidregister könnte nach Absicht des Umweltinstituts Kalifornien sein: Seit 1974 erfasst und veröffentlicht der US-Bundesstaat zentral alle Pestizideinsätze. Bürger:innen können dort über ein Online-Kartentool die Pestizidanwendungen in ihrer Nachbarschaft einsehen. Diese Transparenz habe bereits zu wichtigen wissenschaftlichen Erkenntnissen geführt, die auch in Deutschland relevant seien – wie etwa die Anerkennung von Parkinson durch Pestizide als Berufskrankheit bei Landwirt:innen, die auch auf Studien mit kalifornischen Daten basiere.
