Die Organisationen BUND, Campact, Deutsche Umwelthilfe, Germanwatch, Greenpeace, NABU und WWF machen in einem jetzt mit dem Umweltdachverband Deutscher Naturschutzring (DNR) veröffentlichten Papier zur fossilen Krise unmissverständlich klar: Deutschlands Abhängigkeit von Öl und Gas verschärft die Klimakrise massiv und ist zugleich eine akute Gefahr für wirtschaftliche Stabilität, soziale Sicherheit und unsere demokratische Souveränität. Das Papier skizziert in elf Bereichen (u.a. Verkehr, Gebäude, Industrie) konkrete Vorschläge, wie Deutschland sich schnell und wirksam aus der fossilen Abhängigkeit befreien kann und adressiert dabei in den zwei Punkten „Keine Irrwege bei Biomasse“ (Pkt. 8) sowie „Landwirtschaft unabhängig von fossilen Energien machen“ (Pkt.10) auch direkt die Landwirtschaft.
Die aktuellen geopolitischen Verwerfungen und explodierenden Energiepreise zeigen nach Ansicht der Organisationen erneut, wie verwundbar ein fossil geprägtes System ist – und wie fahrlässig die aktuellen energiepolitischen Entwicklungen und derzeit vorgeschlagenen Maßnahmen der Bundesregierung vor diesem Hintergrund sind.
„Wer jetzt noch an Öl und Gas festhält, spielt mit der wirtschaftlichen und sozialen Stabilität dieses Landes“, so die Organisationen. „Diese Krise ist kein Ausreißer, sie ist ein Resultat politischer Fehlentscheidungen. Der Ausstieg aus fossilen Energien ist eine Frage der Sicherheit im Hier und Jetzt und ein zentrales Zukunftsprojekt für eine resiliente und bezahlbare Energieversorgung.“
Nur ein konsequenter Kurs Richtung erneuerbare Energien, Elektrifizierung, Effizienz und Kreislaufwirtschaft schützt vor weiteren Preisschocks, stärkt die Resilienz und sichert langfristig Wohlstand und Wettbewerbsfähigkeit, so die Organisationen.
Mit Blick auf die Landwirtschaft gefährdeten aktuell die steigenden Preise für mittels Erdgas produzierten synthetischen Stickstoffdünger weltweit die Ernährungssicherheit, besonders in Regionen, die ohnehin verwundbar sind. Die Situation zeige, wie dringend ein widerstandsfähiges Agrar- und Ernährungssystem benötigt wird, das unabhängig von fossilen Düngemitteln funktioniert.
Wie dieses System aussehen soll, skizzieren die Organisationen nachfolgend in den zwei Punkten „Keine Irrwege bei Biomasse“ (Pkt. 8) sowie „Landwirtschaft unabhängig von fossilen Energien machen“ (Pkt.10).
8. Keine Irrwege bei Biomasse
Bioenergie, biogene Kraftstoffe und eine ausgeweitete Biomassenutzung sind nicht die Antwort auf den Ausstieg aus fossiler Energie. Die exzessive Nutzung von Biomasse ist eine ökologisch riskante Scheinlösung, da sie einen hohen Flächenverbrauch hat und wertvolle Ökosysteme belastet. Zudem ist Biomasse nicht gut skalierbar, steht in Konkurrenz zur Ernährungssicherheit und schafft erneute Importabhängigkeiten. Stattdessen brauchen wir intakte Wälder, Moore, Gewässer und Renaturierung, um auch langfristig die Resilienz unserer Wirtschaft und Gesellschaft zu sichern. Dafür braucht es verlässliche natürliche CO₂‑Senken. Naturschutzstandards dürfen daher nicht abgeschwächt werden; ihre konsequente Umsetzung – etwa durch die EU-Wiederherstellungsverordnung – ist zentral.
Stattdessen braucht es:
- Sofortige Beendigung der staatlichen Förderung für Kraftstoffe aus Anbaubiomasse: Im Rahmen der Umsetzung der europäischen Erneuerbare Energien-Richtlinie (RED III) muss die Bundesregierung die staatliche Förderung für Kraftstoffe aus Anbaubiomasse sofort beenden, um gravierende Auswirkungen auf Natur und Klima zu verhindern.
- Kein Einsatz von Biomethan im Gebäudesektor: Die Nutzung von Ackerflächen zur Herstellung von Biomethan zum Heizen ist hochgradig ineffizient. Auf einem Hektar Ackerfläche können mit Windkraftanlagen etwa 400-mal mehr Strom erzeugt werden als Wärme über Biomethan. Aufgrund der deutlich höheren Effizienz von Wärmepumpen könnte dieselbe Fläche am Ende 1.200-mal mehr Wärme für Gebäudeheizungen erzeugen, wenn Windstrom statt Biomethan erzeugt wird.
- Energetische Holznutzung begrenzen: Derzeit wird etwa die Hälfte des in Deutschland anfallenden Holzes verbrannt. Holz sollte aber vordergründig stofflich genutzt werden, damit das CO₂ gebunden bleibt. Hierzu braucht es endliche eine politische Steuerung der Holznutzung. Biomasse sollte als Erfüllungsoption im Wärmeplanungsgesetz eingeschränkt und die Förderung von Holzverbrennung gestoppt werden.
10. Landwirtschaft unabhängig von fossilen Energien machen
Damit landwirtschaftliche Betriebe widerstandsfähiger gegenüber Preisschocks werden, die sich dann auch in Verbraucherpreisen übersetzen, muss die Landwirtschaft konsequent unabhängiger gemacht werden von fossilen Energieträgern – sowohl bei Diesel als auch bei mineralischem Dünger. Statt neue Vergünstigungen für fossile Betriebsmittel einzuführen, sollten Investitionen in klimafreundliche Landtechnik und elektrische Maschinen im Fokus stehen. Zusätzlich braucht es die Ausweitung der Förderung von humusmehrenden, von Mineraldüngern unabhängigen Bewirtschaftungsansätzen, wie insbesondere dem ökologischen Landbau und konservierender Landwirtschaft.
Dazu braucht es:
- Düngemitteleinsatz reduzieren: Die Düngegesetzgebung zur effektiven Minderung von Stickstoff und Phosphorüberschüssen muss weiterentwickelt werden. Es braucht eine verbindliche Verankerung einer einzelbetrieblichen, bundesweit einheitlich angewandten Nährstoffbilanzierung, um Verursachergerechtigkeit zu ermöglichen.
- Umbau der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP): Es braucht eine Honorierung von Umwelt-, Natur-, Klima- und Tierschutzleistungen statt pauschaler Flächenprämien. Noch 2026 müssen die überfälligen zusätzlichen Öko-Regelungen zur Förderung der Weidehaltung und zur Verbesserung der Biodiversität eingeführt werden. Für die GAP nach 2027 müssen zudem wirksame Umweltstandards abgesichert sowie ein verbindliches Mindestbudget für Umweltmaßnahmen verankert und ausgeweitet werden.
- Stärkung des Ökolandbaus: Gesamtbetriebliche Leistungen des Ökolandbaus für Umwelt-, Klima- und Tierschutz müssen stärker genutzt und honoriert werden. Die Mittel zur Förderung des Ökolandbaus, für das Bundesprogramm Ökologischer Landbau (BÖL) und in der Forschung müssen angehoben werden.
