Insekten selbst in Naturschutzgebieten durch Pestizide bedroht

Die Insektenvielfalt in Deutschland schwindet und die bedrohten Bestäuber sind auch in Naturschutzgebieten nicht sicher. Das hatte schon 2017 eine vielbeachtete Studie des Entomologischen Vereins Krefelds (EVK) ans Licht gebracht, die für großes Medienecho sorgte und den akuten Handlungsbedarf aufzeigte. Das daraufhin aus der Taufe gehobene Forschungsprojekt DINA untersuchte in den letzten 4 Jahren, wie es um die Vielfalt von Fluginsekten in 21 Naturschutzgebieten bundesweit bestellt ist. Das Verbundsvorhaben, an dem unter Federführung des Naturschutzbund Deutschland (NABU) insgesamt 8 Hochschulen und Forschungseinrichtungen mitwirkten, stellte nun am 26. April in Berlin die zentralen Ergebnisse vor. Demnach hat sich die Lage der Insekten hierzulande in den letzten Jahren nicht verbessert. Aktuell sei „keine Erholung der Biomassen für die Jahre 2020 und 2021 feststellbar und der Trend zu einem niedrigen Stand kann deutschlandweit bestätigt werden“, verkündete Thomas Hörren vom EVK, einem der Projektpartner. Zudem wirkten sich konventionell bewirtschaftete Ackerflächen nachteilig auf das Vorkommen gefährdeter Pflanzenarten in benachbarten, geschützten Lebensräumen aus.

Das Forschungsprojekt DINA (Diversity of Insects in Nature protected Areas) hatte sich mit der Frage befasst, warum die Insektenvielfalt in Deutschland abnimmt und was dagegen unternommen werden kann. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hatte das Vorhaben seit Mai 2019 mit einer Gesamtsumme von 4,6 Millionen Euro gefördert. Die Forscher*innen hatten im gesamten Land in 21 Naturschutzgebieten und Flächen des Schutzgebietsnetzes Natura 2000 die Insektenvielfalt und deren Belastung aus den umliegenden landwirtschaftlich genutzten Flächen erfasst. Die Wissenschaftler nutzen sowohl die standardisierte Methode des Entomologischen Vereins Krefeld zur Erfassung von Fluginsekten (sog. Malaise-Fallen) als auch neue Verfahren zur Bestimmung von Nahrungspflanzen der Insekten mittels DNA-Metabarcoding sowie Pestizidnachweise (Rückstandsanalysen) aus den Insektenfallen. „Die Betroffenheit war groß, als vor sechs Jahren das Ausmaß des dramatischen Rückgangs der Insektenvielfalt öffentlich wurde. Doch es fehlte an Daten, um den Verlust der biologischen Vielfalt aufzuhalten und in einen positiven Trend umzukehren“, sagte Prof. Dr. Gerlind Lehmann, DINA-Projektleiterin beim NABU. Mit DINA sei es nun gelungen, die bislang umfangreichste Datenbasis zur Anzahl und Vielfalt fliegender Insektenarten in den ausgewählten Schutzgebieten zu schaffen. „Wesentliche Treiber des Biodiversitätsverlustes wurden untersucht – etwa negative Umwelteinflüsse durch den Pestizideinsatz oder die Zerstörung von Lebensräumen“, so Dr. Lehmann.

Die Suche nach der Ursache, warum die Insektenvielfalt auch in Schutzgebieten schwindet, führte zu dem Ergebnis, dass die Gebiete von konventionell bewirtschafteten Ackerflächen umgeben sind oder sie gar beinhalten. „Eine bedeutende Zahl von Ackerflächen befindet sich innerhalb und in unmittelbarer Nachbarschaft von Naturschutz- und Natura 2000-Gebieten. Bisher werden diese Ackerflächen in der Regel konventionell bewirtschaftet“, heißt es in dem aktuellen DINA Policy Brief. „Auf einer Länge von mehr als 11.000 km grenzen Naturschutzgebiete direkt an Ackerflächen an“, sagte Lisa Eichler vom Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR). „Bei den EU-rechtlich geschützten „Fauna-Flora-Habitat (FFH)“-Gebieten sind es sogar 21.100 km – eine Strecke länger als die Luftlinie zwischen Nord- und Südpol.“ Die Forscher*innen stellten fest, dass sich angrenzende Ackerflächen nachteilig auf das Vorkommen gefährdeter Arten im Randbereich der geschützten Lebensräume auswirken. Denn dort kommen in der Regel Pestizide zum Einsatz.Pestizide wurden auf Insekten in allen untersuchten Schutzgebieten nachgewiesen, wobei die Insekten in der Agrarlandschaft in einem Radius von 2000 m kontaminiert wurden. „Auch in Naturschutzgebieten werden Insekten mit Pestizidmischungen belastet“, erklärt Dr. Carsten Brühl von der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern Landau „Kontaminiert werden sie vor allem außerhalb der Schutzgebietsflächen aufgrund ihres Aktivitätsradius. So haben Ackerflächen, die an Schutzgebiete angrenzen, einen Einfluss auf die zu schützenden Insektenbestände und die Pflanzenwelt.“ Die Anzahl der nachgewiesenen Pestizide steige in intensiv landwirtschaftlich genutzten Gebieten an. Dr. Brühl bemängelt, dass Belastungen mit Pestizidmischungen bisher in der Zulassung weder untersucht noch berücksichtigt werden. Die Studie ergab auch, dass Insekten aus den Schutzgebieten weiter fliegen als gedacht. Sie steuerten sowohl weiter entferntere Nutzpflanzen an, z.B. zur Rapsblüte, aber auch Pollen von Gartenpflanzen waren bei ihnen nachweisbar.

„Die Ergebnisse des Forschungsprojektes zeichnen ein alarmierendes Gesamtbild: Selbst in Naturschutzgebieten schreitet der Verlust von Artenvielfalt und Lebensräumen ungebremst voran“, warnt NABU-Präsident Jörg-Andreas Krüger. „Damit die Trendumkehr beim Insektensterben gelingen kann, muss die Belastung durch Pestizide in der gesamten Landschaft halbiert werden. In den besonders sensiblen Schutzgebieten gehört ihr Einsatz untersagt.“ Aus den Erkenntnissen des DINA-Projekts leiteten die Forschungsinstitutionen drei zentrale Empfehlungen zum wirksamen Schutz der Insektenvielfalt ab. Zum einen müsse das Thema Biodiversität bei der Zielsetzung und Planung von Schutzgebieten priorisiert werden. Damit die biologische Vielfalt dort auch wirklich geschützt werde, müsse die umliegende landwirtschaftliche Nutzfläche einbezogen werden, etwa wenn Maßnahmen geplant werden. Risikoanalysen und Landschaftsplanung müssen zudem die Randeffekte und Umgebungseinflüsse in einen Radius von mindestens 2 km um die Schutzgebietsgrenzen berücksichtigen. Ziel muss die Verminderung der Kontaktlinien mit Ackerflächen in intensiver Nutzung sein. Zweitens brauche es ein bundesweites Monitoring sowie Pestizidanalysen, um die Risiken für die Insektenbestände besser abschätzen zu können. Dabei müssen besonders schützenswerte Gebiete priorisiert werden. Und drittens bedarf es der Mitwirkung aller relevanten Akteur*innen aus Landschaftspflege, Landwirtschaft, Naturschutz, Politik und Zivilgesellschaft, damit Maßnahmen auf lokaler Ebene wirksam umgesetzt werden. Kooperativ erarbeitete Maßnahmen innerhalb und im Umfeld der Schutzgebiete sind strukturell und finanziell zu fördern, insbesondere durch die Ausgestaltung geeigneter Förder- und Beratungsinstrumente. “Die Notwendigkeit des Insektenschutzes ist allgemein akzeptiert und bedingt interdisziplinäre Lösungsansätze, die ökologische, ökonomische und soziale Aspekte miteinander verknüpfen“, sagte Prof. Dr. Wiltrud Terlau von der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. „Die Rahmenbedingungen sind entscheidend. Landwirte als Hauptbeteiligte drängen auf mehr Wertschätzung und Planungssicherheit sowie eine höhere finanzielle Unterstützung und Flexibilität zur Umsetzung biodiversitätsfördernder Maßnahmen“, betonte die Professorin. „Eine Zusammenarbeit aller Beteiligten ist unerlässlich.“

Eine Meldung von weltagrarbericht.de.