In einem neu veröffentlichten Strategiepapier zur Tierzucht äußert die Europäische Kommission die Hoffnung, dass Neue Gentechnikverfahren (NGT) bei Tieren zu einer „Win-Win-Situation für Wirtschaft und Umwelt“ führen würden. Testbiotech stellt dies in Frage und verweist unter anderem auf den vorherrschenden Trend zur Leistungssteigerung bei Nutztieren, der sich nicht nur in der konventionellen Tierzucht beobachten lässt, sondern auch bei Gentechnik-Anwendungen. Vor diesem Hintergrund mahnt Testbiotech, dass im Bereich der Gentechnik bei Tieren hohe Tierwohlstandards und eine umfassende Risikoprüfung gewährleistet bleiben müssen.
Es ist nach Ansicht von Testbiotech zu erwarten, dass die Kommission nach der Deregulierung von NGT-Pflanzen und der derzeit laufenden Diskussion über eine Deregulierung von gentechnisch veränderten Mikroorganismen auch Tiere ins Visier nimmt und bald einen entsprechenden Gesetzesvorschlag vorlegen wird. Begründet wird dies unter anderem mit Nachhaltigkeitsversprechen: Mithilfe von Gentechnik könnten Tiere gezüchtet werden, die Futter besser verwerten und so mit weniger Futter innerhalb von kürzerer Zeit schneller an Gewicht zunehmen würden. Tatsächlich lässt sich bei Auswertung der Forschungsprojekte in dem Bereich feststellen, dass das für Muskelwachstum verantwortliche Myostatin-Gen das wohl häufigste Zielgen ist. Derartige Anwendungen, die in Japan bereits vermarktet werden, sind jedoch ethisch zweifelhaft. Es ist dokumentiert, dass derartige Qualzucht das Tierwohl beeinträchtigt und zu weiteren Nebenwirkungen führen kann, die nicht direkt auf das krankhafte Muskelwachstum zurückzuführen sind.
Zu den Risiken, die mit der Anwendung von Neuer Gentechnik in der Tierzucht einhergehen, verliert das Strategiepapier der Kommission kein Wort. Testbiotech betont in diesem Zusammenhang, dass NGTs das Erbgut von Tieren in viel größerem Umfang für Veränderungen verfügbar machen als bisherige Techniken. Aus diesem technischen Potenzial ergeben sich Risiken für Tierschutz, Tierwohl, Tiergesundheit, Tierzucht, Landwirtschaft, Umwelt und VerbraucherInnenschutz. Die Risiken können sowohl durch die Verfahren selber (ungewollte Effekte) als auch deren Ergebnisse (angestrebte Eigenschaften) verursacht werden. Vor diesem Hintergrund sollte die EU sicherstellen, dass neben der Risikoforschung und Risikoprüfung auch eine vorausschauende Technikfolgenabschätzung gesetzlich verankert wird.
Werden die Hürden für Marktzulassungen zu niedrig angesetzt und zusätzlich Patente auf NGT-Nutztiere bewilligt, droht nach Ansicht von Testbiotech eine Zunahme von Tierversuchen und Tierverlusten sowie von Leiden und Schmerzen der Tiere zugunsten von wirtschaftlichen Erwartungen.
