Marktbeobachtungen von Hugo Gödde +++ Lange Jahre fühlten wir uns als Europas führende Nation in Sachen Tierwohl. Mit den Empfehlungen der Borchert-Kommission lag ein Konzept des Umbaus der Tierhaltung vor, das seinesgleichen in der EU suchte. Inzwischen liegen auch Länder wie Dänemark, Holland und England vorn im Rennen. Bei uns verspielt die neue Regierung gerade den Restvorsprung, indem sie die Kennzeichnung mal wieder verschiebt und die Finanzierung aussetzt. In Dänemark werden mit der Landwirtschaft klare Ziele definiert und erste Schritte bereits umgesetzt. Auch England hat eine Tierwohlstrategie vorgelegt und das Ende von alten Haltungssystemen eingeläutet. Und für die Niederlande empfiehlt die Rabobank, ein wichtiger Finanzplayer in der Branche, eine Qualitätsstrategie mit deutlichem Bestandabbau. Schweden ist längst auf dem schärfsten Weg zu mehr „Schweinewohl“ (mehr Platz + Einstreu, Ringelschwanz, keine Fixierung von Sauen usw.) und Österreich hat den Neubau von unstrukturierten Vollspaltenställen verboten und eine Übergangsfrist für bestehende Ställe bis 2034 beschlossen.
Holland in Not: eine Radikalkur soll helfen
Die größte Unsicherheit für Bäuerinnen und Bauern herrscht seit Jahren in unserem Nachbarland. Die ungelösten Stickstoffprobleme, die schon zu Regierungskrisen führten, warten gerade in der Tierhaltung (Schwein, Rind) auf dringende Veränderungen. Ein milliardenschweres Rauskaufprogramm soll Zeit verschaffen, aber reicht kaum kurzfristig aus. Jetzt hat die Rabobank ein Zukunftsbild präsentiert, das die Wellen bei den Traktoraktivisten hochschlagen lässt. Aber die Rabobank ist keine grüne Partei und keine Tierrechtsgruppe, sondern der Hauptfinanzier der Schweinebranche und ein krasser Vertreter der ökonomischen Wettbewerbsfähigkeit. Um international führend zu bleiben, halten die Banker eine Radikalkur mit deutlichem Bestandsabbau für unumgänglich. Die Zahl der Schweine müsste bis 2040 um 35% gesenkt, die Anzahl der Erzeuger halbiert werden – besonders in der Nähe von schadstoffsensiblen Regionen wie den verbreiteten Natura-2000-Gebieten. Ziel sei eine Produktion innerhalb der von Klima- und Naturschutz gesetzten Grenzen.
Wie Agra Europe berichtet, unterstützt man das neue Qualitätszeichen „Holland Varken“, das seit 2025 als stufenübergreifende Brancheninitiative für einheitliche nachhaltige Standards eingeführt wurde. Neben der Sicherung der lückenlosen Rückverfolgbarkeit des Fleisches in der gesamten Kette und der Ausrichtung auf High-Tech-Stallsysteme einschl. der Klimaneutralität soll sich das Tierwohl grundlegend verbessern. Abferkelbuchten mit Kastenständen und Schwanzkupieren sollen bis 2040 verboten werden – zusätzlich mehr Platz und Begrenzungen für Tiertransporte.
Durch den Bestandsabbau und die höheren Produktionskosten breche zwar der Fleischexport in Drittländern ein, aber die hohe Qualität eröffne neue Märkte in der EU. Hohes Tierwohl und niedriger CO2-Fußabdruck würden zu Wettbewerbsvorteilen, die man mit langfristigen Lieferverträgen absichern könne, um so die starke Position des Sektors zu erhalten.
Dänemark: mehr Tierwohl inmitten von Krise und Exportabhängigkeit
Auch Dänemark sucht nach Wegen aus der Strukturkrise und den Risiken des Exports. Immerhin gehen 90% der Ferkel bzw. des Schweinefleischs in andere Länder, gern auch außereuropäisch. Aber die extrem schwankenden Weltmarktpreise führen zu hohen Risiken für die Erzeuger. Es gibt noch 2400 Schweinehalter, ein Rückgang von 90%(!) gegenüber 1990 – davon 975 reine Mäster, 415 Ferkelerzeuger, 1000 im geschlossenen System. Dennoch wurde die Schweineproduktion zuletzt gehalten. Exportbedingt spielen seit Jahren Lebensmittelsicherheit, Transparenz und Rückverfolgbarkeit eine dominierende Rolle. Aber auch beim Tierschutz, Klimaschutz und der Biosicherheit werden die Auflagen erhöht. Ein in der Bevölkerung sehr bekanntes staatliches Siegel „Bedre dyrenvelförd - Besseres Tierwohl“ mit gestuften 1 bis 3 Herzen unterstützt die Erkennbarkeit beim Verbraucher. Gemeinsam mit der Landwirtschaft haben Regierung und Fleischwirtschaft ein 31 Punkte-Programm zur Verbesserung des Tierwohls und des Klima- und Naturschutzes beschlossen, u.a. eine Klimasteuer ab 2030. Denn „Nichtstun war keine Option“, so der Bauernvertreter. Neben anderen Maßnahmen gibt es ab 2026 einen Kostenausgleich für unversehrte Ringelschwänze. (Der intakte Ringelschwanz ist ein wesentlicher Indikator für gute Tierhaltung.) In einem Umverteilungsverfahren erhalten Landwirte einen Kostenausgleich von 6,70 €, wenn sie aufs Kürzen verzichten. Das Geld kommt von Ferkelerzeugern, die weiterhin kupieren. Die Höhe des Ausgleichs ist in einem organisierten Auktionsverfahren ermittelt worden - bis zum geplanten Kontingent von 1 Mio. Tieren. Damit will man die Zahl der intakten Schwänze bis 2028 jährlich verdoppeln mit dem Ziel von vier Millionen Langschwänzen (ca. 15-20%). Mit solchen Tierwohl-Maßnahmen will man den Fleisch- und Ferkelvertrieb in die EU, nicht zuletzt nach Deutschland wettbewerbsfähig halten.
England ändert Tierwohlstrategie
Auch die britische Regierung hat eine „unerlässliche Reform“, so Ministerin Rynolds, angekündigt. Im Fokus steht die künftige Abschaffung wichtiger bisheriger Haltungssysteme. Zentral ist die zeitnahe Abschaffung der Käfighaltung bei Geflügel und die Fixierung von Sauen. Noch stehen 20% der Hühner in „ausgestalteten“ Käfigen, doch Ende 2025 haben mehrere Einzelhandelsketten den Verkauf von Käfigeiern beendet. Bei den Sauen werden noch 92% in klassischen Abferkelbuchten mit Ferkelkorb gehalten. Diskutiert werden soll zusammen mit der Branche der Übergang zu Bewegungsbuchten mit kurzzeitiger Fixierung um den Geburtstermin oder die völlig freie Abferkelung ohne Schutzkorb. Dringenden Handlungsbedarf sieht das Ministerium auch beim Schwanzkupieren der Schweine und Lämmer sowie beim Schnäbelkürzen von Hühnern. Über den Zeitplan und finanzielle Anreize wird nun mit der Agrarbranche verhandelt, die zunächst einmal prüfen will, aber nicht kategorisch abgelehnt hat. Sicherlich wird die Umsetzung noch Zeit benötigen, aber die Reform sei nicht umkehrbar.
Der Marktbeobachter sieht in vielen wichtigen Ländern (außer Spanien?) Entwicklungen, den europäischen Tierwohlstandard neu zu definieren. Nicht mehr allein die Abwesenheit von Schmerz und Tierleid scheint die Maxime zu werden, sondern das aktive positive Gestalten von Tierverhalten. Gerade in den Exportländern wie Dänemark und Holland wird es unmittelbar verbunden mit Zielen wie Wettbewerbsfähigkeit und Binnen-Marktchancen. Man bereitet sich auf Marktverschiebungen in der Welt und zugleich auf nationale Erfordernisse wie Wasserqualität oder Stickstoffeinträge vor. Innergemeinschaftlich spielt der große deutsche Markt eine zentrale Rolle. Hier will man mit Tierwohl punkten, um die eigene Tierhaltung zu extensivieren bzw. zu modernisieren, ohne die Exportfähigkeit zu verlieren. Dabei existieren einige interessante Ansätze wie Aufkaufaktionen, staatliches Siegel, Marktdifferenzierung, Auktionsverfahren zur Finanzierung, Klimasteuer oder Dreiecksverträge von Regierung, Industrie und Landwirtschaft. Die deutsche Schweinehaltung sollte sich proaktiv darauf vorbereiten und – auch aus Wettbewerbsgründen – rasch die noch existierenden Tierwohlvorteile nutzen bzw. ausbauen. Noch können wir ausländische Ware (z.B. beim Kennzeichnungsgesetz) vielleicht restriktiv behandeln. Wenn andere Länder gleichwertige Standards anwenden, wird es kaum möglich sein – auch mit Herkunftskennzeichen nicht. Und wir sollten Diskussionen um Kostenführerschaft schnell beenden, die durch die Untätigkeit der Regierung erneut aufgeflackert sind. Wie sagte schon der Fußballphilosoph Sepp Herberger: Vorn werden die Tore geschossen. Recht hat er.
