Weide muss man wollen

Ökonomisch wird es für die Weidehaltung von Milchkühen immer schwieriger zu bestehen.

Im Schatten der Wallhecken, jener traditionsreichen Landschaftselemente auf der ostfriesischen Geest, liegen die Kühe von Steffen Hinrichs in diesem Hitzesommer sehr gerne. Sie umfrieden die Weiden, machen eine Fläche von 1,5 Hektar aus, wollen auch gepflegt werden. Sie zahlen auf das ein, was Steffen Hinrichs sowieso schon „ideologisch“ nennt, die Weidehaltung von Milchkühen. Die ist schon lange auch in den klassischen Grünlandregionen wie Ostfriesland nicht mehr der Standard. Kühe im Stall können gezielter gefüttert werden, trampeln nicht auf dem Futter – oder auch nur dem, was nach einem heißen Sommer noch übrig ist – herum, müssen den Wolf nicht fürchten und geben, so zitiert Hinrichs aus einer Systemanalyse, rund 700 bis 800 Liter mehr im Jahr. Dazu kommt die ganze Arbeit auf den Weiden: Zäune ziehen, reparieren, ausmähen, Tiere treiben, Wege instand halten … Warum das Ganze? „Ich hab einen Kollegen, der sagt immer: ‚Kühe sind Steppentiere und keine Höhlenbewohner‘“, sagt Hinrichs. Er sehe auch die Vorteile der besseren Gesundheit der Kühe, trockenere Klauen und auch den positiven Einfluss auf die Biodiversität. „Was nützen die ganzen Blühstreifen, wenn die Insekten keine Kuhfladen mehr haben zum ‚Brüten‘“, fragt er rhetorisch. „Und wenn man das sieht, wie die Kühe alle viere gerade ziehen oder eben auch springen und rennen, dann macht man weiter, auch wenn man weiß, dass man es niemals vernünftig vergütet kriegt.“ 

Mehr Schwierigkeiten
1996 hat Steffen Hinrichs den Hof übernommen, seit kurzem bewirtschaftet er ihn in einer GbR mit seinen beiden Töchtern. 120 Kühe mit weiblicher Nachzucht halten sie auf 90 ha Grünland und 30 ha Acker. Sie hatten sich schon darauf verlassen, dass mit der vom Bundestag beschlossenen Weideprämie nun endlich eine institutionalisierte Förderung des Systems der Weidehaltung von Milchkühen kommt. „Das war ja schon so gut wie versprochen“, so Hinrichs. Denn klar ist auch: Der ökonomische Druck wächst. Zwar liefern die Hinrichs ihre Milch an die Molkerei Ammerland, die 2017 gemeinsam mit einem gesellschaftlichen Bündnis vor Ort ein Weidemilchprogramm aufgesetzt hat und 1,5 Cent Aufschlag auf den Auszahlungspreis gewährt. Davon lassen sich die Mehrarbeit und die Verpflichtung, gentechnikfreies Kraftfutter einzusetzen, aber nicht komplett bezahlen. Seit Beginn des Weidemilchprogramms hat sich der Aufschlag nur einmal um plus 0,5 Cent verändert, wohl aber die Welt drum herum. Gestiegene Kosten und ein wachsender Kontrollaufwand, so beschreibt es Hinrichs, lassen immer wieder kleinere Betriebe aufgeben. Die sind es aber vor allem, die ihre Kühe auf der Weide halten. In größeren Einheiten ist der Zugang zu Weide schwieriger zu organisieren, vor allem wird es aber ökonomisch immer unattraktiver. Und dann ist da noch die Schwierigkeit mit der Haltungskennzeichnung des Lebensmitteleinzelhandels, die als vorauseilende Anpassung an die geplante staatliche Tierhaltungskennzeichnung vor zwei Jahren die Weidehaltung nicht mehr in der Premiumstufe einsortierte, sondern nur noch in der mittleren Stufe drei. Weide als Mittelmaß, Steffen Hinrichs sieht auch innerhalb der Genossen bei der Ammerländer Molkerei die Gruppe derer mit Weidegang eher kleiner werden und jedenfalls nicht an Einfluss gewinnen. Und das, obwohl doch die Weidemilch nach wie vor ein Vorzeigeprojekt der Ammerländer ist. 

Und die Molkerei?
Ralf Hinrichs ist Geschäftsführer der Ammerländer Molkerei, er ist auch einer derer gewesen, die das Weidemilchprogramm mit auf den Weg gebracht haben. Abgesehen vom laufenden Jahr habe es vorher drei gute Jahre für Milchbauern und -bäuerinnen gegeben, „Milchauszahlungspreise über 50 Cent sind für Investitionen auf den Betrieben genutzt worden, der technische Fortschritt spielt eine Rolle, Melkroboter sind angeschafft worden. Das läuft zum Teil gegen die Weidehaltung“, so Ralf Hinrichs. Sie sei oft die Passion des Betriebsleiters, bei der Hofübergabe seien dann die Jüngeren häufig schwer zu überzeugen, so weiterzumachen. Für die Absatzzahlen der Weidemilch sei eine kleiner werdende Milchmenge aber noch kein Thema. Natürlich merke man auch, dass die Verbraucher schärfer kalkulierten. Ärgerlich sei die Abstufung in der Haltungsformkennzeichnung gewesen, vielleicht hätte man sich noch vehementer dagegen wehren sollen, so Hinrichs. Aber gerade die Weidemilch habe viele Stammkäufer, vor allem regional aber auch deutschlandweit. „Unsere Weidemilch steht für das, was unsere Region auszeichnet, nämlich Kühe auf der Weide, das viele Grünland und bäuerliche Familienbetriebe“, sagt Hinrichs. Weidemilch sei ein Angebot für alle, die Wert auf eine besonders naturnahe Haltung der Kühe legen und mit ihrer Kaufentscheidung diese Haltungsform und den Erhalt des Grünlands unterstützen möchten. Im Exportmarkt, den die Ammerländer auch immer schon bedient haben, frage natürlich keiner nach Weidemilch. Dort gebe es eher andere Themen, etwa den Wunsch nach Klimabilanzen. Die würden sie als Molkerei inzwischen auf freiwilliger Basis von Betrieben abnehmen aber nicht forcieren, auch Höfe fragten das manchmal nach für die Bank. „Bei den Klimabilanzen steht der CO-2 Ausstoß pro Liter Milch als zentrale Kennziffer als Ergebnis. Die Biodiversität und Artenvielfalt wird stärker durch Weidehaltung gefördert“, so Ralf Hinrichs. 
Der Bauer Steffen Hinrichs guckt ähnlich kritisch auf noch mehr Schreibtischarbeit, die sich am Ende nur begrenzt rentiert. Dann doch lieber draußen Zäune ziehen oder die Freude erleben, eine Mutter mit ihrem frisch geborenen Kalb im Schatten der Wallhecke zu finden.