Kommentar: Weidehaltung – das Auslaufmodell mit Zukunft?

Unter diesem Titel hat die AbL Niedersachsen/Bremen schon 2018 eine Tagung in der Weideregion Ammerland veranstaltet – damals noch mit Ausrufezeichen. 
Damals wie heute gab und gibt es eigentlich nur Befürworter der Weidehaltung von Kühen, Rindern und kleinen Wiederkäuern. Naturschutz, Klimaschutz, Landschaftserhalt, Förderung von Biodiversität, Verbesserung des Tierwohls – all das und noch viel mehr kann Weide, können weidende Tiere leisten. Folgerichtig ist auch das Image der Weide bei Bevölkerung, Medien, Politikern und auch Verbraucherinnen hervorragend.

"Naturschutz, Klimaschutz, Landschaftserhalt, Förderung von Biodiversität, Verbesserung des Tierwohls – all das und noch viel mehr kann Weide, können weidende Tiere leisten."

Und trotzdem steht die Weidehaltung  unter starkem wirtschaftlichen Druck, immer mehr Weidehalter:innen wenden sich der Stallhaltung zu oder geben die Tierhaltung gleich ganz auf. Mutterkühe, Schafe und Ziegen waren eigentlich schon immer trotz ihres hohen gesellschaftlichen Wertes „brotlos“, tragen sich nur durch Förderprogramme, die ihre Leistungen abseits vom Produkt honorieren. Hier wurden immerhin mit der letzten GAP gekoppelte Zahlungen eingeführt, die das Defizit vielleicht ein wenig abmildern. 

Für Milchkühe besteht das Hauptproblem in der gegenüber der Stallhaltung um ca. 1.000 kg geringeren Milchleistung. Um diese auszugleichen, wäre ein um fünf Cent höherer Milchpreis erforderlich, wie er auch im Kriterienkatalog des Labels Pro Weideland festgeschrieben wurde. Erreicht ist er bis heute nicht annähernd. 1,5 Cent mehr bekommen die Weidehalter:innen bei den teilnehmenden Molkereien, womit aber auch noch die gentechnikfreie Fütterung abgegolten wird.  Pro Weideland feiert sich gern als Erfolgsgeschichte. Für das Image der beteiligten Molkereien stimmt das sicher, aber auf dem Konto der Weidebetriebe eher nicht. Vielleicht liegt es auch daran, dass von Anfang an der Mut fehlte, die Leistungen der Weidehaltung wirklich offensiv zu bewerben. Der Branche war es stets wichtig, die Stallhaltung nicht zu diskreditieren. Kein Wunder, alle Molkereien fahren zweigleisig, haben Weide- und Stallmilch im Angebot. 

"Von Anfang an fehlte der Mut, die Leistungen der Weidehaltung wirklich offensiv zu bewerben. Der Branche war es stets wichtig, die Stallhaltung nicht zu diskreditieren."

Neben den wirtschaftlichen Nachteilen tragen auch äußere Faktoren zur Entmutigung von Weidehalter:innen bei. Die Bedrohung durch den Wolf wurde immerhin endlich erkannt, die Politik hat geliefert und muss jetzt konsequent nötige Entnahmen ermöglichen. Noch frustrierender ist allerdings, auch ganz aktuell wieder, die zunehmende Dürre infolge des Klimawandels, die Weidehaltung erschwert und immer öfter auch nahezu unmöglich macht. 

Bleibt also letztlich noch der Bereich der Agrarpolitik. Länderprogramme zu Sommerweidehaltung haben löblicherweise immer mehr Bundesländer eingeführt, darunter auch Niedersachsen. Verweigerungshaltung dagegen herrscht auf Bundesebene, Minister Rainer will aktuell die bereits von der Vorgängerregierung und vom Bundestag beschlossene neue Ökoregelung für Weidehaltung streichen, nachdem er sie bereits für ein Jahr verschoben hatte. Als fadenscheiniger Vorwand dient ihm der Bürokratieabbau. 

"Minister Rainer will aktuell die bereits beschlossene neue Ökoregelung für Weidehaltung streichen. Als fadenscheiniger Vorwand dient ihm der Bürokratieabbau."

Zum Glück formiert sich entschlossener Widerstand gegen diese Streichung, angefacht durch den deutlichen Einspruch der AbL und aktiver Milchviehhalterinnen wie Kirsten Wosnitza, die das Thema mit ihren Videos und bis zum Gastkommentar der Topagrar gepusht hat. Umweltverbände, Tierschützer, das breite Hirtenbündnis bis hin zum Jagdverband schließen sich an und stellen sich hinter die Weidehaltung. Sogar in der SPD-Bundestagsfraktion regt sich Widerstand. Der Minister wäre gut beraten einzulenken und einen Teil der 730 Millionen Euro, die ihm im nächsten Jahr unverhofft zur Verfügung stehen, für die Stärkung der Weidehaltung einzusetzen, damit aus dem Fragezeichen der Überschrift wieder ein Ausrufezeichen werden kann: Weidehaltung hat und ist Zukunft!