Umwelt-NGOs und Bio-Bewegung fordern sinnvolles Messinstrument der Pestizidreduktion in der EU-Landwirtschaft

Die Organisatoren der Europäischen Bürgerinitiative "Bienen und Bauern retten" und die europäische Bio-Bewegung (IFOAM) erwarten, dass die Europäische Kommission am 22. Juni einen Vorschlag für eine Verordnung zur nachhaltigen Nutzung von Pestiziden (SUR) veröffentlicht. Diese wichtige Gesetzesinitiative kann den dringend benötigten Übergang zu einem gesundheits-, klima- und biodiversitätsfreundlichen Lebensmittelsystem einleiten, indem sie das Ziel der Farm to Fork-Strategie, den Einsatz und das Risiko von Pestiziden bis 2030 EU-weit um 50 % zu reduzieren, rechtsverbindlich macht.

„Der Indikator, der derzeit vorgeschlagen wird, um die Fortschritte bei der Erreichung dieses Ziels zu messen, ist jedoch sehr problematisch, da er das Ziel der Farm-to-Fork-Strategie ernsthaft unterminiert“, so GLOBAL 2000, PAN Europe und IFOAM Organics Europe. Der „Harmonisierte Risikoindikator 1“ (HRI-1), den die Mitgliedstaaten 2019 zur Messung des Einsatzes und der Risiken von Pestiziden vorgeschlagen hatten, wurde von Umwelt-NGOs und auch vom Europäischen Rechnungshof als ungeeignet kritisiert. Die Prüfer stellten fest, dass der HRI-1 eine Risikoreduzierung zeigt, die hauptsächlich auf den Rückgang der Verkäufe von Pestizidwirkstoffen zurückzuführen ist, die nicht mehr zugelassen sind, und nicht auf einen tatsächlichen Rückgang des Pestizideinsatzes. Außerdem zeigt ein jetzt veröffentlichtes Papier von GLOBAL 2000, dass der HRI-1 das Risiko von natürlichen Substanzen, die in der biologischen Landwirtschaft verwendet werden, im Vergleich zu synthetischen Substanzen systematisch überschätzt. Zum Beispiel misst der HRI-1 ein mehr als 800% höheres Risiko für eine einmalige Anwendung von Kaliumbicarbonat – von der Kommission als natürliches Fungizid mit geringem Risiko eingestuft und als Backpulver verwendet – als für Difenoconazol – als synthetisches Fungizid von der Kommission als Substitutionskandidat eingestuft, da persistent und toxisch.

Die Beibehaltung dieses irreführenden Indikators würde die Glaubwürdigkeit der gesamten "Farm to Fork"-Strategie untergraben. Helmut Burtscher-Schaden, Biochemiker bei GLOBAL 2000: "Die Fehlkonzeption des HRI-1 besteht darin, dass er eine Kausalität zwischen der Menge der eingesetzten Pestizide und dem daraus resultierenden Risiko herstellt, während er die bestehenden Unterschiede in der Toxizität und der behandelten Fläche weitgehend ignoriert. Diese Unterschiede belaufen sich jedoch auf einen Faktor zwischen 10 und 1.000, wenn man synthetische Wirkstoffe mit natürlich vorkommenden Wirkstoffen vergleicht. Trotzdem schreibt der HRI-1 einem Kilogramm Quarzsand – gerade ausreichend, um fünf Bäume vor Wildverbiss zu schützen – exakt das gleiche Risiko zu wie einem Kilogramm eines Pyrethroid-Insektizids – ausreichend für 200 Hektar (!), um jedes lebende Insekt zu töten."

Der HRI-1 ist besonders diskriminierend für die biologische Landwirtschaft, in der synthetische Pestizide verboten sind und nur Substanzen, die in der Natur vorkommen, als letztes Mittel nach vorbeugenden Maßnahmen zum Pflanzenschutz eingesetzt werden dürfen. Mit der voreingenommenen Methodik des HRI-1 würde jede Umstellung von konventioneller auf ökologische Landwirtschaft als eine Erhöhung der Risiken durch den Einsatz von Pestiziden dargestellt, was ebenso absurd wie falsch ist.

"IFOAM Organics Europe unterstützt voll und ganz die Arbeit der Europäischen Kommission zur Umsetzung der Farm to Fork-Strategie und ihres Ziels der Pestizidreduktion. Dieses Ziel kann jedoch nur erreicht werden, wenn die zukünftige SUR den richtigen Indikator zur Messung der Pestizidreduktion vorschlägt. Andernfalls wird die Kommission einen Vorschlag annehmen, der im Widerspruch zu dem Ziel der EU steht, bis 2030 einen Anteil von 25 % an ökologisch bewirtschafteten Flächen zu erreichen. Die gute Nachricht ist: Es gibt bereits gute Indikatoren, die mit den bestehenden Daten zum Pestizideinsatz sinnvolle Ergebnisse liefern“, so Eric Gall, Policy manager von IFOAM Organics Europe. Der französische Indikator NODU, beispielsweise, gibt Auskunft über die Intensität des Pestizideinsatzes, wobei ein Indikator in Hektar die Gesamtfläche widerspiegelt, die mit den jährlich verkauften Wirkstoffen behandelt wird. Der Vorteil dieses Indikators besteht darin, dass er natürliche Stoffe nicht diskriminiert, da er die mit den Wirkstoffen behandelte Fläche berücksichtigt. Die Europäische Kommission und die Mitgliedstaaten erheben bereits jetzt die für die Berechnung der NODU erforderlichen Daten. Martin Dermine von PAN Europe fügt hinzu: "Die bisher gewählten harmonisierten Risikoindikatoren sind einer der Gründe für das Scheitern bei der Umsetzung der aktuellen Sustainable Use Direction (SUD). Es ist an der Zeit, dies mit der kommenden SUR zu korrigieren."

Um sicherzustellen, dass die kommende Verordnung zur nachhaltigen Nutzung von Pestiziden (SUR) wirksame Instrumente zur Erreichung des Farm-to-Fork-Ziels bereitstellt, fordern die Organisatoren der EBI "Bienen und Bauern retten", PAN Europe und IFOAM Organics Europe die Kommission auf, in ihren Vorschlag einen neuen Indikator aufzunehmen, der sich an den NODU orientiert, um das Farm-to-Fork-Pestizidreduktionsziel zu überwachen. Der NODU kann sogar noch verfeinert werden, indem Gewichtungsfaktoren hinzugefügt werden, die die Toxizität des Wirkstoffs widerspiegeln.

14.06.2022
Von: FebL/PM

Bei den Regelungen zur nachhaltigen Nutzung von Pestiziden Bienen und Bauern retten. Bildquelle: Bienen und Bauern retten