Marktbeobachtungen von Hugo Gödde +++ Die EU-Kommission hat den Zusammenschluss, besser die Übernahme der DMK (Deutsches Milchkontor GmbH) durch den dänisch-schwedischen Milchkonzern Arla Foods ohne Auflagen genehmigt. Das hat viele Marktkenner überrascht. Man hatte mindestens mit Auflagen im europäischen Vertrieb, in der Markenübernahme oder in einigen marktdominierenden Produktbereichen gerechnet. Auch die Monopolkommission der Bundesregierung hatte von einem umstandslosen Durchwinken gewarnt. Es gebe keine Wettbewerbsbedenken, heißt es von der EU- Behörde. Die Genossenschaftsmanager jubeln und sehen nun freie Fahrt auf dem Weg zu Europas Nr. 1 und einem Konzern mit 11.200 Landwirten in sieben Ländern.
Der neue Mega-Milch- Riese unter dem Namen Arla hat ein Milchaufkommen von jährlich 19,4 Mrd. kg sowie ein Pro-forma-Umsatz von mehr als 20 Mrd. Euro. Das bisherige Arla ist dabei mit Abstand der stärkere Partner, weshalb Experten eher von einer Übernahme als einer Fusion sprechen. Mit 15,1 Mrd. Euro Jahresumsatz im Vorjahr (DMK 5,3 Mrd. €) und einer Milchverarbeitung von 14,3 Mio. t (DMK 5,1 Mio. t) ist Arla fast dreimal so groß wie die DMK Gruppe. Das neue Arla wird damit zu einem der größten Lieferanten des deutschen Lebensmittelhandels.
Arla dominiert den fusionierten Konzern
Die unterschiedliche Größe und die Dominanz in der Fusion werden auch gar nicht verschleiert. Das neue Unternehmen wird den Namen Arla tragen und seinen Hauptsitz in Viby, Dänemark haben. Jan Nœrgaard (Arla) wird den Vorsitz übernehmen, Inger-Lise Sjöström (Arla) sein Stellvertreter. Peder Tuborgh (Arla) wird als CEO fungieren. Ingo Müller, CEO der DMK, wird als Executive Vice President (EVP) für die „reibungslose“ Integration der DMK zuständig. Kritiker nennen das respektlos einen Frühstücksdirektor.
Mit dem Konzernzusammenschluss erwirbt Arla sämtliche Geschäftsbetriebe und Aktivitäten der DMK eG, der VermarktungsGmbH und ihrer Quasi-Tochter DOC Kaas. Die einzelnen landwirtschaftlichen Mitglieder der DMK eG und der DOC werden direkte Mitglieder von Arla. „Die DMK GmbH und ihre Töchter werden zu einer Tochtergesellschaft von Arla Foods und behalten somit ihren rechtlichen Status“, heißt es in einer Presseerklärung. Offen bleibt, wie es mit der DMK Zentrale in Bremen (900 Mitarbeiter) und den DMK-Standorten mit Schwerpunkt in Niedersachsen weitergeht. Sicherlich wird es in den nächsten Jahren Standortschließungen und Umstrukturierungen geben. Aber zunächst sollen in das Käsewerk in Edewecht viele Millionen investiert werden.
EU- Kommission hat keine Wettbewerbsbedenken
Die EU sieht nach einer Marktuntersuchung trotz der erheblichen Konzentration keine Bedenken für den Wettbewerb, da die Genossenschaft von allen Mitgliedern die Milch zu einem einheitlichen Preis abnehmen müsse. Strukturelle Monopolverhältnisse und mangelnde Lieferalternativen in manchen Erzeugungsregionen erkennen die Wettbewerbshüter nicht. Außerdem gäbe es „eine große Zahl glaubwürdiger Wettbewerber“ bei den Ausschreibungen des Einzelhandels. Und die Marken der DMK hätten eine untergeordnete Bedeutung, so dass sich die Verhandlungsposition von Arla kaum verbessern würde. Diese Interpretation sorgt im Markt und auch im LEH für Erstaunen. So musste z.B. FrieslandCampina beim Verkauf an Müller-Milch einen Teil seiner Milch aufteilen, um die Bauern vor zu großer Nachfragemacht zu schützen. Und Müller musste beim Erwerb der Landliebe-Marke Teile des Sortiments weiterverkaufen, um den Wettbewerb bei Milchmischgetränken zu erhalten.
Arla: Ein Riese entsteht
Arla hat 7.300 genossenschaftliche „Eigentümer“ und 22.000 Mitarbeiter, DMK 3.900 Genossenschaftler und 6.800 Mitarbeiter. Der Zusammenschluss soll dem neuen Unternehmen einen Wachstumsschub bringen und die Marken- und Produktsortimente effizienter machen. Für Arla ist Deutschland schon heute mit 1,68 Mrd. Euro Jahresumsatz neben Schweden (1,7 Mrd.) und nach Großbritannien (3,5 Mrd.) der wichtigste Absatzmarkt. 12% der weltweiten Konzernumsätze erlöst Arla in Deutschland und übernimmt nun den bundesweiten Marktführer DMK.
Damit wird die neue Arla nicht nur die Nummer eins in Deutschland, sondern auch in Großbritannien, Dänemark und Schweden. Zudem wäre das Unternehmen der führende Anbieter in einer ganzen Reihe von Produktkategorien: bei Butter und Streichfetten, Getränken auf Milchbasis, Frischkäse und Mozzarella, Schnittkäse, Buttermilch, auch Quark und Molkepulver. Die erfolgreichsten Marken sind Buko, Kærgården und Skyr. Aber Arla übernimmt nicht nur eine „kränkelnde“ Molkerei. Die Nordeuropäer sind weltweit sehr aktiv und breiten sich auch in Europa weiter aus, haben aber ein überschaubares Geschäft im schwierigen deutschen Markt. Mit der DMK gewinnt man Marktzugänge im Einzelhandel, Knowhow (Käse, Milchpulver), Werke (aber auch Investitionsbedarf) und vor allem Milch und Milcherzeuger, die in Zukunft eher wichtiger werden.
DMK: Scheitern oder Notfusion
DMK hat wenig gute Jahre hinter sich. Seit Jahren bietet sie unterdurchschnittliche Unternehmenszahlen und Erzeugerpreise. Besonders 2023 war ein „Schlag ins Kontor“ (Chef Müller). Schwache Margen, Überkapazitäten und eine sich verzettelnde Unternehmensstrategie erforderten eine Neuausrichtung. Die Unzufriedenheit der Bauern wuchs und eine Kündigungswelle ging durchs Land, die nur mit Mühen teilweise eingefangen wurde. Seit Jahren wenden sich Milcherzeuger von „ihrer“ Genossenschaft ab. Die Konzernstrategie auf Menge und den Weltmarkt war riskant und wurde ständig gestört. Gegen Konkurrenten wie Lactalis, Danone oder Fonterra war man zu klein oder zu „behäbig“. Auf dem heimischen Markt waren die Marken wie Milram oder Oldenburger unbedeutend und im LEH- Preiskrieg zu schwach. Zudem hemmte ein Investitionsstau für neue Werke und Geschäftsideen (Nachhaltigkeit, Klimamilch) die Entwicklung. Dafür fehlte auch das Kapital und die Zukunftsorientierung, die nun Arla mitbringen soll. Den Verlust der Eigenständigkeit nennen manche Branchenkenner ein Scheitern, andere sprechen von einer Notfusion. Sonst wäre der Rohstoffrückgang weiterhin gestiegen. Die Größe mit den etablierteren Auslandsmärkten und der gestiegenen Macht im Einzelhandel soll es bringen. Deshalb loben sich die DMK-„Fusionierer“ für die entscheidenden Synergieeffekte und die Entscheidung für die Zukunft.
Der Marktbeobachter sieht, dass viele Landwirte enttäuscht sind von der EU- Wettbewerbsbehörde, die wieder einmal ihre Macht zur Einschränkung der Konzentration nicht nutzt und ein Papiertiger bleibt. Milcherzeuger empfinden wenig Freude für die Fusion, aber gerade in Norddeutschland gibt’s wenig Wechselalternativen. Zurzeit sind alle Molkereien voll. Die deutschen Erzeuger erwarten einen besseren Arla-Preis, die Dänen fürchten die Fusionskosten. Es bleibt ein Genossenschaftskonzern, in dem aber zukünftig in Dänemark entschieden wird. Mitentscheidung auf regionaler Ebene gleich null. Ob es besser ist als eine Übernahme durch einen ausländischen Investor, wird sich zeigen. DMK- Standorte stehen auf der Streichliste. Bei Butter und Milchpulver gibt es Überkapazitäten, bei Proteinprodukten starken Bedarf. Arla hat für die Erzeuger ein strenges Preisregiment, einen niedrigen Basispreis und einen hohen Bonusanteil für Milchqualitäten, Tierwohl, Klimaregeln. „Wer nicht mitzieht, fliegt oder wird abgestraft,“ heißt es unter Lieferanten. Die schöne neue Milchwelt, die die Fusionsbefürworter versprechen, sieht anders aus.
