Der Strukturwandel in der Lebensmittelverarbeitung braucht politische Antworten. Das teilt der Bundesverband Naturkost Naturwaren e.V. (BNN) aus Perspektive der Bio-Branche mit Blick auf eine jetzt veröffentlichte Studie der Universität Freiburg mit.
Der Strukturwandel in der Lebensmittelverarbeitung ist für den BNN kein neues Phänomen. Für viele Unternehmen der Bio-Branche gehöre er seit Jahren zum Alltag: Immer weniger handwerkliche Verarbeitungsbetriebe, zunehmende Marktkonzentration, steigender wirtschaftlicher Druck und regionale Wertschöpfungsketten, die Stück für Stück verloren gehen. Vieles davon wurde nach Ansicht des BNN bislang als individuelles Marktgeschehen oder unvermeidlicher wirtschaftlicher Wandel beschrieben.
Mit der jetzt vorgelegten Studie „Strukturwandel in der Lebensmittelverarbeitung in Deutschland – Ursachen, Folgen und Maßnahmen für Resilienz und Nachhaltigkeit“ der Humboldt-Professur für Nachhaltige Ernährungswirtschaft der Universität Freiburg liegt nach Ansicht des BNN nun erstmals eine wissenschaftlich fundierte Analyse vor, die diese Entwicklungen systematisch untersucht. Sie bestätige mit belastbaren Daten, was viele Akteur*innen der Bio-Branche seit Jahren beobachten und was viele als diffuses, aber berechtigtes Unbehagen bis hin zur existenzgefährdenden Entwicklung empfinden, angesichts der Entwicklung unseres Ernährungssystems: Der fortschreitende Verlust kleiner und mittelständischer Verarbeitungsbetriebe gefährdet nicht nur wirtschaftliche Vielfalt, sondern auch Resilienz, Versorgungssicherheit und regionale Wertschöpfung.
Für den BNN ist diese Studie deshalb von besonderer Bedeutung. Sie liefert eine wissenschaftliche Grundlage für Entwicklungen, die bislang häufig als Einzelbeobachtungen oder Interessenpositionen abgetan wurden. Die Erkenntnisse lassen sich nicht mehr mit dem Hinweis auf vermeintlich "normale Marktprozesse" relativieren. Sie zeigen deutlich, dass die zunehmende Konzentration wirtschaftlicher Macht in der Lebensmittelwirtschaft tiefgreifende Folgen für das gesamte Ernährungssystem hat, so der BNN.
Gerade für die Bio-Branche sind diese Ergebnisse laut BNN hochrelevant: Bio lebt von vielfältigen Wertschöpfungsketten, regionaler Verarbeitung, unabhängigen Unternehmen und mittelständischen Strukturen. Wo Verarbeitungsbetriebe verschwinden, verschwinden häufig auch regionale Vermarktungsmöglichkeiten für landwirtschaftliche Betriebe, Innovationskraft und unternehmerische Vielfalt. Die Studie macht deutlich, dass kleine und handwerkliche Unternehmen einen unverzichtbaren Beitrag zur Resilienz des Ernährungssystems leisten und zahlreiche innovative Lösungen entwickelt haben - diese jedoch bislang strukturell benachteiligt werden.
Fairer Wettbewerb braucht faire Marktstrukturen
Der BNN weist seit Langem darauf hin, dass sich Wettbewerb in der Lebensmittelbranche nicht auf einem ebenen Spielfeld vollzieht. Die Marktmacht weniger großer Handels- und Verarbeitungsunternehmen bestimmt zunehmend Preise, Lieferbedingungen und Investitionsmöglichkeiten. Kleine und mittelständische Unternehmen konkurrieren häufig nicht unter gleichen Voraussetzungen, sondern innerhalb eines Systems, in dem wirtschaftliche Größe immer größere strukturelle Vorteile erzeugt.
Die Studie benennt laut BNN viele unmittelbare Ursachen des Strukturwandels - darunter wirtschaftlichen Druck, Fachkräftemangel, Bürokratie und Herausforderungen bei der Unternehmensnachfolge. Gleichzeitig wirft sie die weitergehende Frage auf, welche strukturellen Macht- und Eigentumsverhältnisse diese Entwicklungen begünstigen und wie weit politische Reformen reichen müssen, um echte Chancengleichheit wiederherzustellen.
Aus Sicht des BNN darf die Debatte deshalb nicht bei der Symptombekämpfung stehen bleiben. Bürokratieabbau und bessere Förderinstrumente seien wichtig. Ebenso wichtig sei jedoch die Frage, wie eine Wettbewerbsordnung gestaltet werden kann, die Vielfalt, regionale Wertschöpfung und mittelständische Unternehmen dauerhaft schützt, anstatt Konzentrationsprozesse immer weiter zu verstärken.
Unterschiedliche Interessen gehören an einen Tisch
Vor diesem Hintergrund hat der BNN am Strategie-Workshop der Universität Freiburg am 9. Juli in Berlin teilgenommen. Gemeinsam mit rund 20 Verbänden und Organisationen wurden erste gemeinsame Handlungsfelder und politische Unterstützungsbedarfe diskutiert sowie eine verbandsübergreifende Zusammenarbeit angestoßen, so der BNN.
Dass dabei Akteur*innen mit zum Teil sehr unterschiedlichen Interessen an einem Tisch saßen, begrüßt der BNN ausdrücklich. Gerade in Zeiten zunehmender wirtschaftlicher Konzentration sei es auch im Sinne der demokratischen Interessensvertretung wichtig, dass unterschiedliche Stimmen, Branchen und Unternehmensgrößen miteinander ins Gespräch kommen. Gemeinsame Lösungen entstünden nicht dadurch, dass Unterschiede ausgeblendet werden, sondern indem unterschiedliche Perspektiven transparent verhandelt werden.
Gleichzeitig werde sich erst in den kommenden Monaten zeigen, wie tragfähig dieser Dialog ist. Ein langfristiger Austausch zwischen Verbänden, Unternehmen und Wissenschaft setze eine gemeinsame Problemdefinition ebenso voraus wie die Bereitschaft, auch über strukturelle Ursachen des Wandels zu sprechen. Dazu gehören Fragen von Marktmacht, fairen Wettbewerbsbedingungen und der politischen Gestaltung von Wertschöpfungsketten. Der BNN werde diesen Prozess konstruktiv begleiten und sich dafür einsetzen, dass die Perspektive kleiner und mittelständischer Unternehmen der Bio-Branche dabei konsequent berücksichtigt wird.
Der BNN gestaltet den Wandel aktiv mit
Für den BNN ist klar: Der Strukturwandel ist kein Naturgesetz. Er ist das Ergebnis politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Rahmenbedingungen und damit auch gestaltbar. Deshalb habe sich der BNN an der nun begonnenen verbandsübergreifenden Zusammenarbeit beteiligt. Ziel sei es, wissenschaftliche Erkenntnisse in konkrete politische Maßnahmen zu übersetzen und gemeinsam daran zu arbeiten, dass die Lebensmittelverarbeitung in Deutschland vielfältiger, resilienter und zukunftsfähiger wird.
Die Studie der Universität Freiburg liefert dafür nach Ansicht des BNN eine wichtige Grundlage. Jetzt komme es darauf an, aus wissenschaftlicher Evidenz politisches Handeln werden zu lassen - für eine Lebensmittelwirtschaft, in der nachhaltige, mittelständische und regional verankerte Unternehmen wieder faire Zukunftsperspektiven haben.
Am Workshop nahmen neben dem BNN unter anderem Vertreter*innen folgender Verbände und Organisationen teil: Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks, Agora Agrar, Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft, Bundesverband der Regionalbewegung, Demeter, Deutscher Bauernverband, Deutscher Fleischer-Verband, Lebensmittelverband Deutschland, Verband der Landwirte mit handwerklicher Fleischverarbeitung, Verband für handwerkliche Milchverarbeitung, Zentralstelle für die Weiterbildung im Handwerk.
