Nur Mut!?

Was Frauen in der Landwirtschaft auf dem Weg zur Gleichberechtigung wirklich brauchen.
Fast 90 Prozent der Höfe werden von Männern geführt. Daran hat sich in den letzten 20 Jahren nur sehr wenig geändert – der Frauenanteil stieg lediglich um zwei Prozentpunkte. Genauso wenig geändert hat sich eine Strategie des Umgangs mit diesem Gendergap: Immer wieder lassen sich Veröffentlichungen und Veranstaltungen von Akteur*innen des Agrarbereichs finden, in denen Frauen Mut zugesprochen wird, das Berufsfeld Landwirtschaft zu betreten oder Führungsrollen zu übernehmen. Dieser wahrscheinlich gut gemeinte Ansatz ist jedoch zugleich ein weiterer Ausschlussmechanismus eines männlich geprägten Agrarsystems. Er individualisiert ein strukturelles Problem.

Bundesweites Forschungsprojekt
Welche Hürden einer geschlechtergerechten Landwirtschaft im Wege stehen, war eine der Fragen, der das vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft geförderte Forschungsprojekt „Frauen.Leben.Landwirtschaft“ nachging. Wissenschaftlerinnen des Lehrstuhls für Soziologie Ländlicher Räume der Georg-August-Universität Göttingen und des Thünen-Instituts für Betriebswirtschaft führten hierzu von 2019 bis 2022 deutschlandweit qualitative und quantitative Untersuchungen durch; dabei wurden sie vom Deutschen LandFrauenverband e. V. als Kooperationspartner unterstützt. Die Studienergebnisse offenbaren großen Handlungsbedarf.

Traditionelle Rollenvorstellungen bremsen Frauen in der Landwirtschaft aus.

Die Rollenvielfalt der Frauen - von Betriebsleiterinnen über mithelfende Familienangehörige, Angestellte, Hausfrauen und Mütter bis hin zu Pflegenden und Ehrenamtlichen - ermöglicht zwar abwechslungsreiche und anspruchsvolle Tätigkeiten, führt jedoch häufig zu Belastungs- und Überlastungssituationen. Traditionelle Rollenvorstellungen bremsen Frauen in der Landwirtschaft aus. Noch immer werden Töchter seltener zu Hoferbinnen sozialisiert und bei der Vererbung von Höfen benachteiligt. Wenn Frauen keinen Hof erben, stellt sich der Zugang zu Boden und Kapital für sie schwierig dar. Existenzgründungen sind in der Landwirtschaft nur schwer umsetzbar. Und bei außerfamiliären Hofübernahmen wurden einige der befragten Frauen mit traditionellen Vorstellungen der abgebenden Hofbesitzer konfrontiert, die sie in die Rolle der mithelfenden Ehefrau verbannten und nicht als Betriebsleiterin sahen, obwohl sie besser landwirtschaftlich qualifiziert waren als ihr Mann. Erwerbstätigen Frauen wird zudem häufig weniger zugetraut – etwa beim Umgang mit moderner Technik – während die Haus- und Familienarbeit nahezu ausschließlich von ihnen übernommen wird, selbst wenn sie gleichzeitig Betriebsleiterinnen sind. Eine geschlechtergerechte Aufteilung von Eigentum, Erwerbs- und Familienarbeit ist in der Landwirtschaft nach wie vor nicht erreicht.

Kind oder Kuh?
Die Arbeitsbedingungen verschärfen das Problem weiter. Lange Arbeitstage, hohe körperliche Beanspruchung, wenig Freizeit und große (Zukunfts-)Sorgen sowie Partnerschafts- und Generationenkonflikte können zu körperlicher und seelischer Überlastung, zu Erkrankungen und Verschleißerscheinungen führen. Für viele Frauen ist die Vereinbarkeit von Mutterschaft und Betriebsleitung kaum machbar – manchen stellt sich die Frage: Kind oder Kuh?

Es ist eine gesellschaftliche und politische Aufgabe, Frauen die strukturellen Barrieren in der Landwirtschaft aus dem Weg zu räumen.

Mut, in die Landwirtschaft einzusteigen oder Führungsaufgaben zu übernehmen, reicht also alleine nicht. Frauen aufzufordern, mutig zu sein, ist eine weitere der vielen Anforderungen, die an Frauen gestellt werden, um Gleichberechtigung zu erreichen. Dabei verschiebt diese Forderung das Problem: Es ist nicht an den Frauen, über ein weiteres Stöckchen zu springen, das ihnen vorgehalten wird, um endlich gleichberechtigte Wertschätzung, Bezahlung und Positionen in der Landwirtschaft zu erlangen. Es ist eine gesellschaftliche und politische Aufgabe, Frauen die strukturellen Barrieren in der Landwirtschaft aus dem Weg zu räumen, die sie daran hindern, Betriebsleiterin zu werden oder überhaupt die Landwirtschaft als ein interessantes Berufsfeld wahrzunehmen.

Was Frauen wirklich brauchen
Was braucht es also, um die Lebens- und Verwirklichungschancen von Mädchen und Frauen auf den Höfen zu verbessern? An erster Stelle sollte die Vereinbarkeit von Familie, Pflege, Ehrenamt und Beruf für Frauen in der Landwirtschaft deutlich verbessert werden. Dafür ist es notwendig, die öffentliche Infrastruktur und eine wohnortnahe Grundversorgung im ländlichen Raum zu erhalten und auszubauen. Gleichzeitig müssen Engagement- und Mitwirkungsmöglichkeiten für Frauen geschaffen sowie soziale Begegnungsorte gefördert werden. 

Zentrales Ziel ist das Empowerment von Frauen in der Landwirtschaft.

Ein weiteres zentrales Ziel ist das Empowerment von Frauen in der Landwirtschaft. Hierzu gehört die Aufklärung über die rechtlichen Grundlagen der Hofvererbung sowie die Bereitstellung spezieller Lehrgänge und Netzwerkangebote für Frauen. Gezielte Kommunikationsmaßnahmen sollen das Image von Frauen als Landwirtinnen und Betriebsleiterinnen stärken und Vorbilder sowie Erfolgsgeschichten sichtbar machen. 
Um Existenzgründungen zu fördern, müssen landwirtschaftliche Unternehmensgründungen und außerfamiliäre Hofnachfolgen systematisch erfasst werden, da ihr Anteil an der Gesamtstruktur der Landwirtschaft sowie der Anteil der Gründerinnen bislang unbekannt sind. Flächendeckende, niedrigschwellige Förderprogramme sind erforderlich, ergänzt durch Beratung, Gründer*innen-Netzwerke, Mentoring-Programme und spezialisierte Vermittlungsbörsen für Flächen und Höfe.
Schließlich soll die Gesundheit von Frauen auf landwirtschaftlichen Betrieben stärker in den Fokus rücken. Aufklärung über Rechte wie den Mutterschutz sowie über berufsbedingte Risiken ist essenziell. Gesundheitsthemen müssen in die Berufsausbildung für grüne Berufe integriert werden. 

Wille zum Wandel?
Geschlechtergerechtigkeit wird sich in der Landwirtschaft nicht von selbst einstellen – das beweist der seit Jahrzehnten niedrig bleibende Anteil an Betriebsleiterinnen. Für einen Wandel der Geschlechterverhältnisse in der Landwirtschaft braucht es strukturelle Veränderungen und politischen Willen – und zuletzt auch ein wenig Mut von allen Seiten.

Wille zum Wandel ist an einigen Stellen schon ersichtlich, etwa in der Ankündigung der Bundesregierung im Koalitionsvertrag, die Studienergebnisse bei ihrer Agrarsozialpolitik zu berücksichtigen. Ganz konkrete Schritte hat die niedersächsische Landesregierung umgesetzt, indem sie eine landwirtschaftliche Existenzgründungsförderung einführte und im Bewertungsrahmen Frauen größere Chancen einräumt. Auf Basis der Studienergebnisse schuf die SVLFG eine Reihe von Maßnahmen gezielt für Frauen. Maßnahmen auf EU-Ebene würden eine besonders große Wirkung erzielen. Hier würde es sich anbieten, im Rahmen der Neuausrichtung der GAP nach 2027 beim Punkt Generationenwechsel verbindliche Verpflichtungen zur Förderung von Frauen in der Landwirtschaft für die Mitgliedstaaten zu implementieren.

Mehr zum Forschungsvorhaben: www.studie-frauen-landwirtschaft.de

Umfassend wie kaum zuvor wurde vor zwei Jahren die Situation von Bäuerinnen, u.a. bei Lilli Haulle, wissenschaftlich erhoben Foto: Tiessen