In Vorbereitung auf den Jubiläumsschwerpunkt zum 50-jährigen Bestehen der Unabhängigen Bauernstimme im UN-Jahr der Frauen in der Landwirtschaft sitze ich in meinem ehemaligen Kinderzimmer im alten Bauernhaus meiner Eltern und blättere nicht zum ersten Mal im Archiv der Bauernstimme, das hier inzwischen untergebracht ist. Und wie so oft bleibe ich länger hängen als geplant. Ich suche nach den Frauen* in diesen Ausgaben und nach dem, was sie zu sagen hatten und haben.
Beim Lesen wird mir bewusst, wie wichtig es ist, Erfahrungen aufzuschreiben und zu teilen. Manches war neu und außergewöhnlich, anderes alltäglich und deshalb bemerkenswert. Vieles ist heute trotz jahrzehntelangen Kampfs für Gleichstellung und Gerechtigkeit immer noch aktuell.
Ich denke dabei an meine Oma.
Sie hat die Bauernstimme wahrscheinlich nie gelesen. Sie war Bäuerin, hatte sieben Kinder, ihr Mann starb früh, zwei Schwägerinnen lebten mit auf dem Hof. Im Dorf gab es damals noch viele Höfe; die meisten ihrer Freundinnen waren Frauen auf Höfen. Der Austausch mit Gleichgesinnten fand vor Ort bei Doppelkopfrunden oder am Gartenzaun statt. Ich frage mich, ob meiner Oma bewusst war, was sie tagtäglich leistete und dass ihre Geschichte einen Artikel in der Bauernstimme wert gewesen wäre.
Meine Mutter war eine andere Generation.
Sie kam als junge Frau auf den ostwestfälischen Biohof in einem sehr konservativen Milieu. Drei Kinder, der Aufbau einer eigenen Käserei, meist „unter Strom“, wenig Freizeit. In der Bauernstimme schrieb sie einmal über Freundschaften, etwa über eine gute Freundin, Lehrerin, die nachmittags zu ihr kam und erzählte, sie sei gerade joggen gewesen. Für meine Mutter fernab ihrer Lebensrealität. Die Bauernstimme war für sie ein Ort, an dem ihre Realität verstanden wurde.
Und heute?
Heute nutzt meine Schwägerin andere Wege, um über ihr Leben auf dem Hof zu berichten. Sie vernetzt sich über soziale Medien mit jungen Frauen in ähnlichen Situationen, berichtet über ihren Alltag als Frau auf dem Hof und macht sichtbar, was sonst oft unsichtbar bleibt. Die Kanäle haben sich vielleicht verändert, der Wunsch nach Austausch, Stärkung und Vernetzung nicht.
Und ich selbst bewege mich als Bäuerinnentochter und „weichende Erbin“ zwischen Nähe und Abstand zur Landwirtschaft. Auch das ist Teil dieser Geschichte. Denn das Spektrum von Frauen* in der Landwirtschaft ist breit und viele suchen nach ihrem Platz. Diese Geschichten enden nicht bei binären Geschlechterbildern: Auch queere Menschen machen Erfahrungen auf Höfen, die erzählt und gehört werden wollen.
Die eigene Geschichte zu erzählen, kostet Mut. Gleichzeitig eröffnet sie anderen die Möglichkeit, sich wiederzufinden, selbst mutig zu sein, weiter zu kämpfen. Seit 50 Jahren bietet die Bauernstimme genau diesen Raum und darüber hinaus noch sehr viel mehr, wie die unterschiedlichen Stimmen in dieser Ausgabe zeigen. Im UN-Jahr der Frauen in der Landwirtschaft wird einmal mehr deutlich, wie wichtig diese Arbeit war – und bleibt.
