Kommentar: Längst überfällig

Eigentlich, dachte ich, liefe mir der Kommentar zum UN-Jahr der Bäuerinnen 2026 locker von der Feder. Mir ist schon lange bekannt, wie sich die Situation von Frauen im landwirtschaftlichen Kontext darstellt. Doch das Thema ist nicht nur sehr komplex und vielschichtig, sondern auch stark emotional aufgeladen. Das rührt daher, dass sich gerade in der Geschichte der Landwirtschaft die strukturelle Benachteiligung, Abhängigkeit und Traumatisierung von Frauen über Jahrhunderte widerspiegelt und diese im historischen Kontext sowie im Zusammenhang der großen Transformation, die Landwirtschaft in den letzten Jahrzehnten durchlaufen hat, gesehen werden muss. 
Laut Agrarstrukturerhebung 2023 sind in Deutschland 35 % aller Arbeitskräfte in der Landwirtschaft weiblich, hingegen nur 11 % der Betriebsleitenden. Schaut man in andere europäische Länder, werden zum Beispiel in Österreich, Italien, Estland und Rumänien rund ein Drittel der Betriebe von Frauen geleitet, in Litauen und Lettland sogar 47 % bzw. 45 %. Auch in der Ausbildung der grünen Berufe stellt sich der Frauenanteil mit 25 % ähnlich dar, der Anteil bei den Studierenden der Agrarwissenschaften liegt erfreulicherweise bei 48 %. Frauen sind vielfach die Impulsgeberinnen für neue Bewirtschaftungsformen, Diversifizierung und zudem meist sehr gut ausgebildet. Warum führen sie dann soviel seltener? 

Arbeit wird geteilt - und das Eigentum als rechtliche Absicherung?
Oftmals sind Frauen in der Landwirtschaft, vornehmlich mitarbeitende Ehepartnerinnen, laut wissenschaftlicher Studienlage rechtlich wie auch sozial unzureichend abgesichert. Auffällig ist, dass Partnerinnen sich zwar als Miteigentümerinnen verstehen und dementsprechend ihre Arbeitskapazitäten einbringen, jedoch dies auf dem Papier real nicht sind. Das hat schwere Konsequenzen, wenn es zu Trennung, Scheidung oder Erbe kommt, da dann kein Anspruch auf das bis dato mit geführte Unternehmen besteht. Hier müssen Frauen in der Realität noch viel nachdrücklicher einfordern, was sie gefühlt schon für sich in Anspruch nehmen! 

Für Frauen gestaltet sich die Hofnachfolge schwieriger als für Männer, da Eigentumsverhältnisse und Eigentumsübergabe patriarchal geprägt sind. Daher gelingt der Einstieg in einen eigenen Betrieb oftmals nur über eine Existenzgründung, eine außerfamiliäre Hofübernahme oder Einheirat in einen landwirtschaftlichen Betrieb. Beim Geschlechterverhältnis der natürlichen Personen unter den Grundeigentümer*innen zeigt sich ein deutliches Übergewicht der Männer. Im Mittel sind 55 % der registrierten natürlichen Personen männlich, und Männern sind durchschnittlich sogar 67 % der natürlichen Personen gehörenden Landwirtschaftsfläche zugeordnet. Aber nicht nur die viele Arbeit sollte gerecht geteilt werden, sondern auch der Besitz und damit vielfach auch ein Stück weit die Absicherung muss für Frauen Normalität werden! 

Einseitige Verantwortung für Familiensorgearbeit
Mitarbeitende Partnerinnen, andere weibliche Familienangehörige und Betriebsleiterinnen haben ein großes Arbeitspensum zu bewältigen und tragen nach wie vor die überwiegende Verantwortung für die Care-Arbeit. Manche Frauen entscheiden sich auch deshalb gegen eine Hofübernahme oder gegen Kinder, weil gerade nach der Geburt eines Kindes die betrieblichen Aufgaben nicht mehr mit Familie und Kindern vereinbar sind. Trotz allem schätzen viele Frauen, dass die Kinder auf dem Hof aufwachsen können, stehen jedoch in der Realität genannten Herausforderungen gegenüber. Als großes Problem benennen Frauen zudem Kostendruck, Existenzängste und Rollenkonflikte durch Doppelfunktionen als Ehefrau, Mutter und Betriebsleiterin. Auch die Situation im ländlichen Raum mit schlechterer Infra- und Sozialstruktur verlangt einiges ab. Frauen fühlen sich von den vielfältigen Anforderungen, mit denen sie konfrontiert sind, oftmals überfordert und erschöpft.

Zukunft der Landwirtschaft braucht die Kompetenzen der Frauen
Betrachtet man nüchtern die Datenlage, ist es nicht verwunderlich, dass sich Frauen trotz hoher intrinsischer Motivation, guter Ausbildung und der Liebe zum Beruf oftmals gegen eine Arbeit auf einem landwirtschaftlichen Betrieb entscheiden. Wir wissen, dass die Zukunft der Landwirtschaft vor großen Herausforderungen steht. Frauen könnten ihre vielfältigen Kompetenzen einbringen, um an dieser Aufgabe mitzuarbeiten. Die Realisierung von Geschlechter-Gerechtigkeit in Beruf, Familie und gesellschaftlichem Engagement wird an dieser Stelle über unsere bäuerliche Zukunft entscheiden und dazu kann das UN-Jahr der Bäuerinnen 2026 einen starken Impuls geben.