Interview mit Maria Heubuch, Bäuerin und ehemalige AbL-Bundesvorsitzende im Allgäu:
Unabhängige Bauernstimme: Du bist 1980 als Quereinsteigerin auf einen landwirtschaftlichen Betrieb gekommen. Wie wurden Frauen in der Landwirtschaft damals wahrgenommen?
Maria Heubuch: Die Rollenverteilung war eindeutig: Kinder, Küche, Kirche – je nach Betrieb auch die Kühe – lagen in der Verantwortung der Frauen. Der Betrieb selbst war reine Männersache. Ich war meist die einzige Frau auf Bauernversammlungen. Als 1982 für unseren Betrieb die Buchführungspflicht kam und weder mein Mann Franz noch ich eine Bilanz lesen konnten, wollte ich als Gast an der Winterschule Betriebswirtschaft hören. Zunächst wurde mir das zugesagt. Am Morgen der ersten Stunde rief jedoch der Lehrer an, um mir abzusagen. Franz sagte ihm, ich sei bereits unterwegs und das war ich dann auch. Der Lehrer fing mich an der Tür ab und erklärte, es sei keine gute Idee, wenn eine Frau unter den jungen Männern sitze, das würde ablenken und vielleicht stören. Als ich nicht nachgab und ihm versprochen hatte, niemanden zu stören, meinte er resigniert, er könne aber keine Rücksicht auf mich nehmen, wenn ich dem Unterricht nicht folgen könne.
Gab es damals Orte oder Medien, in denen deine Perspektive vorkam? Wann bist du erstmals mit der Unabhängigen Bauernstimme in Berührung gekommen?
Nein. Die landwirtschaftlichen Zeitungen waren klar strukturiert: vorne Politik, dann Betriebswirtschaft und Fachthemen, ganz hinten „Frau, Familie, Kinder“. Dort ging es um Haushalt, Garten, Kindererziehung, Pflege der Altenteiler, Generationskonflikte – als wären für diese Konflikte ausschließlich Frauen zuständig – sowie Kochrezepte. Besonders schlimm fand ich die Witze, was wahrscheinlich das Einzige war, was dann die Männer in diesem Teil der Wochenzeitung gelesen haben. Ende der 1980er Jahre hatte ich erstmals eine Bauernstimme in der Hand. Ich war fasziniert, weil es dort keine klassische Rollenverteilung gab: Frauen äußerten sich selbstverständlich zu Politik, Betriebswirtschaft und Fachthemen.
Welche Rolle spielte die Bauernstimme für dich persönlich?
Als ich nach Einführung der Quotenregelung politisch aktiv wurde und wir im Allgäu einen Verein gründeten, war ich auf Podien immer die einzige Frau. Um unter den grauen Eminenzen nicht unterzugehen, kaufte ich mir ein knallrotes Jackett – das hat gewirkt! Doch um als Frau in der Bauernstimme zu Wort zu kommen, hat es keinen Knaller gebraucht. Dort war es selbstverständlich – das stärkt und gibt Rückenwind. Ernst genommen zu werden, ohne vorher dafür kämpfen zu müssen, ist enorm wichtig für mich gewesen. Inhaltlich bot sie Perspektiven, die die üblichen „Bauernmedien“ nicht hatten. Bei allen Themen wird nie der Blick auf die Bäuerinnen und Bauern verloren, denn sie sind es, die zu Wort kommen. Lange vor dem Internet war sie für mich eine zentrale Informationsquelle und ist es bis heute.
Hattest du das Gefühl, dass Frauen dort anders oder ernster zu Wort kamen als in anderen Agrarmedien?
Ja, eindeutig. Frauen waren in der Bauernstimme bei allen Themen präsent. Auch auf agrarpolitischen Veranstaltungen meldeten sie sich selbstverständlich zu Wort. Dieses Bild spiegelte sich in der Zeitung wider.
In deiner Zeit als AbL-Bundesvorsitzende: War die Bauernstimme ein politisches Instrument für feministische Themen?
Die Bauernstimme griff alle Themen auf, die uns bewegt haben, und trug sie nach außen – auch feministische. Rückblickend muss ich aber sagen, dass die großen agrarpolitischen Auseinandersetzungen feministische Debatten teilweise in den Hintergrund gedrängt haben.
Was sollte eine Zeitung wie die Bauernstimme heute leisten, wenn sie Frauen in der Landwirtschaft ernst nehmen will?
Wenn man etwas will, muss man es tun. Frauen müssen sichtbar sein, gefragt werden, manchmal auch ermutigt werden, öffentlich ihre Meinung zu äußern. Ich hatte immer das Gefühl, dass die Bauernstimme das bereits tut. Was vielleicht fehlt, ist mehr Austausch darüber, welche Themen Frauen vermissen und was sie dort gerne diskutieren würden.
Was wünschst du der Bauernstimme für die nächsten 50 Jahre – mit Blick auf Frauen und Geschlechtergerechtigkeit?
Ich wünsche der Bauernstimme, dass sie weiterhin so engagierte Redakteur*innen und Macher*innen hat wie die letzten 50 Jahre. Dass sie sensibel bleibt für Geschlechtergerechtigkeit und immer auch den Raum lässt, diese Themen auch im landwirtschaftlichen Kontext zu diskutieren. Bleibt hellhörig auch für leise Stimmen!
Vielen Dank für das Gespräch!
