Vion und Westfleisch in roten Zahlen
Seit Wochen pfeifen es die Spatzen von den Schlachthofdächern. Die Fleischindustrie in Deutschland steckt in ernsten Schwierigkeiten. Nach Westfleisch hat nun auch der niederländische Fleischriese Vion mit seinem deutschen Unternehmen seine Karten in der Bilanz 2021 aufgedeckt.
Turbulentes Jahr für Vion
„Insbesondere Deutschland stand vor einer Reihe außergewöhnlicher Herausforderungen,“ verriet Geschäftsführer Lotgerink in seiner Bewertung des letzten Jahres. „Die anhaltende Corona- Pandemie, die Afrikanische Schweinepest, die zu Einschränkungen der Exporte aus Deutschland vor allem nach China führte, die hohen Inflationsraten, der steile Anstieg der Rinderpreise und die deutlich höheren Arbeitskosten haben sich im Jahr 2021 auf unser Unternehmen und unsere Märkte ausgewirkt.“ Und das drückt sich auch in den Geschäftszahlen aus. Die Umsätze gingen um 6,2% auf 4,6 Mrd. € zurück und der Nettoverlust belief sich auf 29 Mio. € nach 52 Mio. € Gewinn im Jahr davor.
Vion Food Group mit Hauptsitz in den Niederlanden ist ein internationaler Fleischkonzern und die Nr. 2 in Deutschland nach Tönnies. Der alleinige Anteilseigner der Aktiengesellschaft ist ein Vermögensverwalter, der als Investmentfonds im Namen der ZLTO handelt, die wiederum ein landwirtschaftlicher Verband mit etwa 15.000 Mitgliedern vor allem im Schweine- und Rindergürtel der Niederlande ist (Vion gehört also einem Bauernverband). Mit 15 von 29 Standorten ist Deutschland inzwischen ein wichtiger Faktor im Konzern, der weltweit in 12 weiteren Ländern (China, Singapur plus 10x Europa) Niederlassungen unterhält.
Dabei traf es in der Tat die deutsche Abteilung besonders heftig. Der begrenzte Export, Corona- Auflagen, gestiegene Rinderpreise und das neue Arbeitsschutzgesetz mit dem Verbot der Werksvertragsarbeiter trieben die Kosten. In der Konzernsprache bedeutet das Verbot der „Ausbeutung“ osteuropäischer Mitarbeiter, dass die Investitionen im Zusammenhang mit dem neuen Gesetz „einen großen Einfluss auf die Rentabilität des Unternehmens“ hatten.
Auch wenn Vion keine Geschäftsbeziehungen in Russland pflegt, fürchtet man doch die Auswirkungen des Krieges in der Ukraine. Die durch Preissteigerungen für Futter und Energie bedingten höheren Einkaufspreise für Lebendvieh bringen auch 2022 den Konzern in Turbulenzen. In den letzten Wochen kommen auch noch die drastisch erhöhten Schweinepreise dazu, die nur begrenzt und verzögert weitergegeben werden können. Außerdem fehlen Kapazitätsauslastungen durch die gesunkenen Schlachtzahlen von Rindern und Schweinen.
So viel ist klar: Auch im Jahr 2022 steht der Konzern vor „außergewöhnlichen Herausforderungen“. Damit trifft es neben der Landwirtschaft ein weiteres Glied der Wertschöpfungskette Fleisch. Ob sich die Schweine- und Rinderhalter darüber freuen können oder ob das den Ruf nach Umbau der Fleischindustrie verstärken wird, darüber wird zurzeit heftig diskutiert.
Vion jedenfalls will seine „erfolgreiche Strategie“ fortsetzen: „geschlossene Lieferketten basierend auf Kundennachfrage und in Zusammenarbeit mit unseren Lieferanten“. Was denn sonst auch?
Auch Westfleisch mit Verlust
Zuvor hatte bereits Westfleisch in seiner Konzernbilanz einen Fehlbetrag von 12 Mio. € eingeräumt. Enorme Kostenbelastungen, Absatzrückgänge bei Rindfleisch, immenser Preisdruck bei Schweinefleisch haben zu einem Umsatzrückgang um etwa 10% zum Vorjahr und vor allem zu den Verlusten geführt, die durchaus zu einer Belastung für das Genossenschaftsunternehmen werden können, auch wenn eine wirtschaftliche Eigenkapitalquote von 36% als solid bewertet wird. Der Druck, so Finanzvorstand Schruck, werde auch in diesem Jahr hoch bleiben, zumal zu dem permanenten Anstieg der Rinderpreise und den explosionsartigen Steigerungen der Schweinepreise noch weitere Kostensteigerungen im Zuge des Russland- Ukraine- Krieges auf den Futtermittel- und Energiemärkten zu rechnen seien.
Für das vergangene Jahr werden auf Genossenschaftsebene weder Dividende noch Sonderboni ausgeschüttet. Für 2022 hat man sich eine Investitionszurückhaltung auferlegt und auch viele Einzelmaßnahmen auf den Prüfstand gestellt, darunter sollen auch der Verkauf und Rückpacht von Gebäuden sein, wie Marktkenner vermuten.
Für die Zukunft setzt Westfleisch nicht nur auf Diversifikation, sondern auch auf höhere Haltungsstufen. Etwa 70% der Schweine erfüllen bereits ITW- Anforderungen und LEH- Haltungsform 2. Demnächst werde aber eine schrittweise Differenzierung nach Marktwert, d.h. Preisunterschiede zwischen Standardware und höherer Haltungsform notwendig sein, so Einkaufsleiter Qualbrink. Der Markt wartet bereits auf neue Preissysteme, werten Beobachter diese Ankündigung.
Schwierige Lage auf Höfen trotz Rekordpreisen
Für viele Beobachter steht die Agrarökonomie zurzeit Kopf. Auf vielen Märkten wie Getreide, Raps, Milch, Rindfleisch, demnächst auch bei Schweinefleisch werden Höchstpreise für die Erzeuger gezahlt. Auch auf den Weltmärkten wurden für wichtige landwirtschaftliche Erzeugnisse im Februar neue Rekorde gemeldet, obwohl die Folgen des russischen Überfalls noch nicht eingepreist waren. Der Vorjahreswert wurde laut Agrarabteilung der UNO um 24% übertroffen. Was für die Ackerbauern trotz steigendem Aufwand für Dünger und Energie von Vorteil ist, schlägt sich bei den Tierhaltern brutal auf der Kostenseite nieder.
Trotz historisch hoher Milchpreise sind die Einkommensergebnisse der Milchviehhalter nicht gestiegen, vor allem wenn die Milchleistung mit teurem Kraftfuttereinsatz erzielt wurde. Daher steigt auch die Milchmenge kaum, was immerhin den Preis für die nächsten Monate hochhalten dürfte.
Ähnliches gilt für die intensiven Bullenhalter, die hohe Gewichtszunahmen mit teurem Futter bezahlen müssen, so dass der für alle Marktexperten unglaubliche Preis von 5,70 bis 6,00 €/kg gerade einmal die Zusatzkosten ausgleicht.
Besonders bei den Schweinehaltern hat das monatelange Preistief die Substanz angegriffen, aber auch die Nerven der Bäuerinnen und Bauern blank gelegt. „Der Baum brennt auf vielen Betrieben wie noch nie,“ heißt es in Beraterkreisen. In Intensivregionen ist es inzwischen zu massiven finanziellen Schwierigkeiten gekommen. Einzelne Banken berichten, dass sie teilweise die Vollstreckung von Zwangsversteigerungen für ein paar Monate aussetzen. Andere Banken verweigern existenzgefährdeten Betrieben Kredite oder Umschuldungen.
Auch die Preiserhöhungen der letzten Wochen helfen allenfalls den gut finanzierten Betrieben, die Substanzverluste zu begrenzen. Aber die Fortführung der Schweinehaltung scheint vielen Haltern (noch) nicht lohnenswert. Interessanter, so spricht man in bäuerlichen Kreisen, werde wohl der Verkauf der nächsten Ernte von Getreide und Raps, ohne sie in Tiermägen zu „veredeln“. Das wird die Tierbestände eher weiter reduzieren.
Aldi gibt das Signal - Lebensmittel werden noch teurer
Aldi gibt das Signal – und der gesamte Lebensmittelhandel zieht nach. Aldi hat innerhalb einer Woche mehr als 180 Produkte mit 450 Varianten verteuert. Trotzdem will Aldi sein Image des Preisführers untermauern. Die meisten Änderungen hat die Konkurrenz inzwischen nachvollzogen. Lidl und Kaufland haben ihre Preise schnell angepasst. Rewe geht in Teilen sogar noch darüber hinaus. Edeka und Netto schlossen sich mit Verzögerung an. Mehrere Wochen hatten sich die Konzerne gegen Preisanhebungen gewehrt und die Hersteller in schwieriges Wasser geschickt. Den Druck durch Energie-, Rohstoff- und Transportpreise hatte man versucht zu negieren. Der Krieg in der Ukraine hat jedoch die Lage so sehr verschärft, dass im Wareneinkauf zur Regel wird, was noch vor kurzem als absolute Ausnahme galt, wie die „Lebensmittelzeitung“ mit Hinweis auf Beteiligte aus Industrie und Handel berichtet. Die Jahresvereinbarung als solche wird demnach zunehmend durch temporäre Verträge für einige Monate oder Klauseln für Preisanpassungen ersetzt. „Fixe Vereinbarungen für ein ganzes Jahr fallen fast komplett weg, weil beide Seiten einsehen, dass das momentan nicht möglich ist“, erklären Vertriebler unisono.
Der Handel beugt sich damit zum Teil und mit Verzögerung dem Druck der Lieferanten. Tönnies hatte in einem Notbrief die Kunden um Verständnis gebeten, Konditionen nachzuverhandeln oder aus laufenden Verträgen aussteigen zu wollen. Die vor der Ukraine-Krise vereinbarten Preise seien nicht zu halten. Dem hatten sich andere Hersteller, auch Mittelständler angeschlossen. Tönnies scheint wohl den Türöffner gespielt zu haben.
Aber auch bei den Händlern (nicht nur bei den Endverbrauchern) steigen die Hamsterkäufe, um noch zu den alten Preisen einzukaufen. Außerdem kostet der Krieg in der Ukraine und die Probleme mit den Lieferketten manchen Produzenten viel Liquidität. Denn sie müssen Bestände aufbauen und nicht selten auch in Vorleistung treten. Einigen droht eine Finanzierungsklemme. Zunehmenden Druck auf den Mittelstand bestätigen auch Experten aus der Kreditwirtschaft.
Gerade die Branchen, die auf Agrarrohstoffe angewiesen sind, leiden. Knappe Rohstoffe wie Hartweizen werden oft nur noch gegen Vorabzahlung geliefert. Zudem sehen die Banken bei der Finanzierung aufmerksam hin. Das Geld sitzt offenbar nicht mehr so locker. Außerdem sind die Banken durch EU- Vorgaben gehalten, Nachhaltigkeitsziele zu berücksichtigen.
