Biodiversität in der Fläche steht und fällt mit politischen Rahmenbedingungen.
Am Anfang war bei den Initiatoren die Skepsis groß, ob sich überhaupt 60 Betriebe in Niedersachsen finden würden, die beim Finka-Projekt mitmachen. Niedersachsen betitelt sich gern als Agrarland Nummer eins, der Ackerbau ist oft intensiv, die Ökolandbaurate liegt unter dem Bundesschnitt. 2020 wurde im Bundesprogramm Biologische Vielfalt des Bundesumweltministeriums ein Projekt aufgelegt, was es so noch nicht gegeben hatte. „Finka“ steht für Förderung von Insekten im Ackerbau und ist Ende 2025 ausgelaufen. Herzstück waren 30 Betriebspaare aus jeweils einem konventionellen und einem ökologisch wirtschaftenden Betrieb in einer Region. Die konventionellen Bauern und Bäuerinnen verpflichteten sich, auf einer Projektfläche über den gesamten Zeitraum auf Insektizide und Herbizide zu verzichten. Unterstützt wurden sie mit Know-how und Technik von ihren ökologisch wirtschaftenden Partnern. Begleitet wurde das Projekt von Beratung und Wissenschaft auf jeweils drei Flächen der Betriebspaare: der Projektfläche ohne Insektizide und Herbizide, einer konventionell bewirtschafteten Fläche sowie einer ökologischen, alle mit derselben Hauptfrucht. Immer wieder gab es über die Jahre zahlreiche Feldtage und Veranstaltungen auf den Projektflächen, die auch anderen Bauern und Bäuerinnen einen Zugang zum Thema ermöglichten. Auf der Abschlussveranstaltung im Dezember 2025 wurden die vielfältigen Ergebnisse aufbereitet.
Sowohl als auch
„Jede Tonne mehr Weizenertrag bringt zehn Beikrautarten auf die Rote Liste“, machte Stefan Meyer von der Universität Göttingen, der die wissenschaftliche Begleitung des Projektes im Hinblick auf die ökologischen Aspekte übernahm, den Handlungsdruck deutlich. Gleichzeitig sind 80 Prozent aller Kulturpflanzen abhängig von Bestäubern, der Wert der Bestäuberleistung wird weltweit auf 3,8 Milliarden Euro geschätzt. „Wir müssen das tolerierbare Maß an Beikräutern erhöhen“, so Meyer. Auch Gastredner Horst Henning Steinmann, an der Universität Göttingen Professor für Pflanzenschutz, betonte, dass das Finka-Projekt in seinen Anfängen eingebettet war in eine Situation des drohenden Verlusts von Glyphosat und die damals durch Veröffentlichungen aktueller Untersuchungen große Debatte um das Insektensterben. Steinmann plädierte für mehr Miteinander als Nebeneinander. Zu häufig werde die Diskussion absolut geführt in der Annahme, Biodiversität und chemischer Pflanzenschutz passten nicht zusammen. Er warb dafür, nicht dem 100-Prozent-Dilemma zu erliegen, das moderne Pflanzenschutzmittel versprächen. „Mehr Unkraut wagen“, so Steinmann, sollte zu der Überlegung führen, die Schadschwelle ein Stück in Richtung mehr Beikrauttoleranz zu verschieben. „Wie viel kostet ein bisschen mehr?“, diese Frage stelle sich sicher jeder anders und in Zeiten schlechter Preise noch einmal mehr. Aber sie überhaupt zu stellen und zu verknüpfen mit dem Thema Resistenzen, dafür warb Steinmann. „Die Unkrautduldung hat abgenommen und die Herbizidresistenzen haben zugenommen“, Pflanzenschutz und Biodiversität säßen am Ende in einem Boot, so sein Resümee. Auch deshalb sollten Reduktionsziele nicht verteufelt werden.
Nackte Zahlen
Die Ergebnisse des Finka-Projekts unterstreichen die Überlegungen. Die Insektenvielfalt wie auch die reine Anzahl erhöhte sich bei der insektizid- und herbizidfreien Fläche verglichen mit der konventionell bewirtschafteten Kontrollfläche in unmittelbarer Nähe. Um 20 Prozent stieg die Summe der Fluginsekten, im Hinblick auf die Vielfalt näherten sich die Projektfläche und die ökologisch bewirtschaftete über die Jahre an. Ähnlich sieht das Bild bei der Ackerbegleitflora aus: Es gibt doppelt so viele Arten und das Blühangebot ist höher und es stehen sechsmal mehr Pflanzen auf der nicht mit Herbiziden behandelten Fläche. Damit ist aber auch klar: Dort wächst Konkurrenz zu den Kulturpflanzen. Im Getreide wurde im Schnitt zehn Prozent weniger geerntet, im Mais acht Prozent, Zuckerrüben und Kartoffeln waren zum Teil echte Herausforderungen. Bleibt man bei den nackten Zahlen, muss man die Frage stellen: Wenn es sich – zumindest kurzfristig – ökonomisch nicht lohnt, warum sollten konventionelle Bauern und Bäuerinnen sich auf so etwas einlassen? Gleichzeitig muss man die politische Forderung daraus ableiten: Es braucht finanzielle Unterstützung, wenn Bauern und Bäuerinnen die Biodiversität erhalten bzw. positiv beeinflussen und auf Herbizide und Insektizide verzichten.
Anderes Mindset
Aber das Projekt hat noch andere Ergebnisse. Die Staatssekretärin im niedersächsischen Landwirtschaftsministerium Frauke Patzke hat es bei der Abschlussveranstaltung so formuliert: „Hier wird ein vermeintlicher Grabenkampf mit einer tollen Erzählung überwunden.“ Viele der anwesenden Bauern und Bäuerinnen berichten von einem guten Austausch und einem Miteinander, das den reinen Projektzeitraum auch überdauern kann und wird. Man habe auf Augenhöhe miteinander gesprochen, Verständnis auch für die Belange des anderen entwickelt. Mechanische Unkrautbekämpfung braucht nicht nur die entsprechende Technik, sondern auch (wieder) mehr ein vorausschauendes und an die Natur angepasstes Ackern. „Das Timing ist ganz wichtig“, sagt Christine Heins, die mit ihrem Betrieb in der Nähe von Hannover als konventioneller Partner teilgenommen hat. „Und das Mindset, man muss sich erstmal an das veränderte Bild auf dem Acker gewöhnen. Am Ende sind wir reicher an Erfahrungen, aber auch an blühenden Pflanzen.“ Aus ihrer Sicht lief es beim Getreide sehr positiv – es gab kaum Unterschiede im Ertrag und sogar geringere Kosten durch die Mechanik –, während Mais und Zuckerrüben schlechter bzw. nicht funktionierten. Auch Heins betont die Wichtigkeit der Förderung durch die Politik, wird aber zumindest im Getreide den Striegel auch weiterhin einsetzen.
Politische Zeichen dagegen
Politische Fehlanreize und ökonomische Zwänge, so das Resümee der Finka-Verantwortlichen, verhinderten, dass aus dem praktischen Projekt eine wirklich flächendeckende Bewegung werden kann. Dabei gibt es mit der GAP ein Steuerungsinstrument, welches Finka in die Fläche bringen könnte. Aber die politischen Zeichen in Brüssel stehen gerade mehr denn je nicht auf mehr Honorierung von Leistungen für die Biodiversität, trotz des fortschreitenden Verlustes. Das, gepaart mit niedrigen Erzeugerpreisen, hat die Bereitschaft und auch die Möglichkeiten der Bauern und Bäuerinnen, den Einsatz von Herbiziden und Insektiziden zu reduzieren, in den vergangenen Jahren eher geringer werden lassen. Das spiegelten auch die kritischen Nachfragen der Nicht-Finka-Bauern und -Bäuerinnen bei der Abschlussveranstaltung wider. Und ob es in irgendeiner Form zumindest eine Fortsetzung des Projektes gibt, ist auch eher ungewiss. Dabei merken mehrere Bauern an, dass sie jetzt erst so richtig den Dreh mit dem Striegeln und Hacken raushaben. Aber dabeibleiben ganz ohne Ausgleichszahlungen? „Das geht alles nur, wenn es den Betrieben gut geht“, sagt Bäuerin Christine Heins. Davon kann im Moment keine Rede sein ...
