Marktbeobachtungen von Hugo Gödde +++ Der Konzentrationsprozess schreitet immer dynamischer voran. Der Einzelhandel ist ein Oligopol mit zunehmender Marktbeherrschung. Da hat sich bis zur unabhängigen Monopolkommission herumgesprochen, die in ihrem neuen Sondergutachten zum „Wettbewerb in der Lebensmittellieferkette“ besonders die schwache Stellung der Landwirtschaft herausstellt. Und der Prozess geht weiter. „Insbesondere der Lebensmitteleinzelhandel wird von vier großen Unternehmen dominiert, die ihren Einfluss immer mehr auf die Ebene der Lebensmittelherstellung ausweiten. Aber auch auf der Herstellerebene findet in vielen Märkten ein bedenklicher Konzentrationsprozess statt,“ schreiben die Wettbewerbsbeobachter. Wenn sich das fortsetze, würde es sich zu großem Schaden für die Wettbewerbsfähigkeit der Landwirtschaft auswirken (können).
Tendenz 1: Marktmacht der big 4 Handelskonzerne steigt ständig
Die Umsatzanteile der großen vier Konzernen am deutschen Lebensmittelhandel stiegen 2023 auf 87 Prozent gegenüber 67 Prozent im Jahre 2000. Edeka (32 Prozent), die Schwarz Gruppe (Lidl, Kaufland 21 Prozent), Rewe (21 Prozent) und Aldi (13 Prozent) teilen sich den Lebensmittelmarkt auf und dominieren ihn bis in einzelne Produktkategorien. Alle Handelsübernahmen spielen sich immer mehr oder weniger in ihren Reihen ab, siehe Real-Verkauf.
Tendenz 2: Die Konzentration der Lebensmittelindustrie „bedenklich“
Auch die Konzentration auf der Seite der Lebensmittelindustrie sieht die Kommission äußerst bedenklich, wobei sie zu Recht zwischen den verschiedenen Produktmärkten differenziert.
Noch in der letzten Woche berichtete der Nachrichtenbrief über den Umbruch und die Konzentration in der Fleischindustrie. Die Nr. 1 (Tönnies) und die Nr. 2 (Westfleisch) der Schlachtbranche streiten um die Übernahme der Nr. 3 (Vion). Zusammen würden die beiden westfälischen big player beim Segen des Kartellamtes die Hälfte der Schlachtungen in Deutschland konzentriert haben. Und dann nicht nur bei Schweinen, sondern auch bei Rindfleisch. Die Nr.1 der Wurstbranche (Zur Mühlen-Gruppe, Tönnies) hat die Nr. 2 (The Family Butchers) übernommen. Und in der Geflügelindustrie wartet die Nr. 3 Heidemark auf einen Käufer. Das Gutachten nennt es Konsolidierung, warnt aber zugleich vor den Auswirkungen auf fehlende Lieferalternativen.
Auch in der Molkereiwirtschaft drehen sich die Fusionen und Übernahmen. Die Nr. 5 Arla (mit europaweiter Stärke) übernimmt die Nr. 1 DMK. Die Nr. 2 Müller- Milch hat die Deutschlandteile des holländischen Molkereikonzerns FrieslandCampina gekauft und verleibt sich gerade Teile (Standort Lüneburg) der Molkereigruppe Hochwald (Nr. 4) ein. Die Nr. 6 (Fuge und Serrahn) hat sich von der Nr. 1 (DMK) äußerlich getrennt, bleibt aber stark abhängig. Zusammen haben die ersten Sechs 54,4 Prozent Marktanteil, wobei allein Arla/DMK nach dem Zusammenschluss einen Anteil von 25 Prozent auf dem deutschen Markt haben würden, wenn das Kartellamt nicht eingreift und ein „zahnloser Tiger“ (Branchendefinition) bleibt. Dennoch kommt das Gutachten zu dem Ergebnis eines grundsätzlich funktionierenden Wettbewerbs zwischen den Molkereien, der aber nicht zu einem angemessenen Preisanteil der Erzeuger führt. Da der Handel aber deutlich höher konzentriert ist, geht die Kommission davon aus, dass der Handel „der dominante Akteur in der Lieferkette“ ist.
Tendenz 3: Der Handel dominiert mit seinen Eigenmarken
Diese Tendenz zeigt sich in vielen Marktsegmenten. Während Aldi viele Jahrzehnte am Prinzip festhielt, nur Eigenmarken zu nutzen und das erst in den letzten Jahren teilweise aufgeweicht hat, spielen die Marken im LEH nach wie vor eine bedeutende Rolle – aber mit sinkenden Werten. Der Anteil an Handelsmarken in der weißen Linie (Milch, Butter, Sahne, Joghurt) wie auch in der gelben Linie (Käse) ist mit über 50 Prozent relativ hoch. Damit sind die Hersteller leicht austauschbar. Da etwa 85 Prozent der Milchprodukte über den Einzelhandel konsumiert werden, ist ihre Macht im Milchmarkt überragend. Zugleich ist der Anteil des Exports für die Molkereiwirtschaft nicht selten etwa die Hälfte des Absatzes, so dass der Weltmarkt und die Weltmarktpreise eine besondere Bedeutung haben. In der Fleischvermarktung ist der Anteil der Eigenmarken ebenfalls sehr hoch, der sich zudem noch mit der Eigenproduktion des Handels verbindet. Auch in „neuen“ Märkten wie dem Biomarkt oder Tierwohlmarkt dominieren die Eigenmarken der Handelskonzerne. Gegen diese Entwicklung laufen die Markenunternehmen und Markenverbände seit Jahren Sturm – mit mäßigem Erfolg. Nur wenige Marken sind nicht einfach ersetzbar (Coca Cola, Nutella usw.) und können sich Widerstand bzw. (vorübergehende) Auslistung leisten.
Tendenz 4: Vertikale Integration vom Handel bis zur Herstellung
Neben der Produktion der Industrie für die Eigenmarken verstärkt sich ein Trend beim Handel, in einzelnen (geeigneten) Sparten die gesamte Lieferkette zu organisieren und dabei entweder Firmen aufzukaufen oder gar neue Betriebe zu bauen.
Während der Einzelhandel sich aus der Produktion von Milch und Milchprodukten heraushält (Ausnahme Edeka/Uckermärker Milch), hat er in der Fleischverarbeitung eine herausragende Stellung. Besonders die Edeka Regionen ragen mit ihren Produktionsstätten hervor. Die größten Fleischwerke des Handels erzielen Umsatzerlöse von annähernd 1 Mrd. €. Als führend gilt Edeka Südwest vor Rewe (Marke Brandenburg) und Kaufland-Fleischwaren, die auch teilweise Lidl beliefern. Weitere Edeka-Werke Minden Hannover („Bauerngut“), Rhein-Ruhr („Rasting“), Südbayern, Nord, Franken, Hessen zeigen die Breite der regionalisierten Verarbeitungsstrecke. Insgesamt setzen die Edeka-Fleischwerke fast 4 Mrd.€ um und sind so umsatzstark wie der Deutschlandumsatz des mit Abstand größten Fleischkonzerns Tönnies (heute Premium Food Group).
Während diese vertikale Integration schon seit Jahren ausgeübt wird, steigen LEH und auch Discounter zunehmend selbst in bestimmte Produktionssparten ein. Am eifrigsten ist dabei die Schwarz- Gruppe, zu der Lidl gehört. Sie hat mehrere Fabriken erworben bzw. gebaut, um Produkte für die Eigenmarken herzustellen: z.B. eine Eisfabrik in NRW, eine Kaffeerösterei und eine Nussrösterei in Rheine (NRW), eine Getränkeproduktion in Weißenfels (Sachsen-Anhalt), eine Backwarenfabrik in Halle/Saale ebenso wie eine Recycling- und Verpackungsfirmen mit 460 Standorten. Insgesamt arbeiten 6.000 Mitarbeiter in den Schwarz-Produktionsbetrieben. Inzwischen bemühen sich auch Aldi und Edeka um eigene Produktionsbetriebe, aber noch nicht so strategisch organisiert wie die Schwarz-Gruppe.
Der Marktbeobachter sieht im Gutachten der Monopolkommission einen interessanten Beitrag zur Verteilung der Marktmacht und ihrer Durchsetzung in der Lieferkette. Es bestätigt, dass in weiten Teilen der Lebensmittelbranche die Landwirtschaft am kürzeren Hebel sitzt und eine untergeordnete Marktposition besitzt. Mit den Argumenten und vor allem den Lösungsansätzen, die auf den ersten Blick sehr ernüchternd für die Landwirtschaft wirken, werden sich noch die Lebensmittelwirtschaft und auch die landwirtschaftlichen Verbände in der gesamten Wertschöpfungskette auseinandersetzen müssen. Erst dann wird sich zeigen, ob das Papier ein weiteres Dokument für die politische Schublade ist oder endlich Bewegung in die ungerechten Marktstrukturen und Machtverhältnisse bringt. Der Marktbeobachter wird „dran bleiben“.
