Kommentar: Land in Sicht?

Als Junglandwirtin gehöre ich in Deutschland und EU-weit zu einer Minderheit. Nicht nur als FLINTA-Person, sondern auch, weil wir unter 40-Jährigen nur zwölf Prozent der europäischen Landwirt*innen ausmachen.
Die EU-Kommission unter Agrarkommissar Christophe Hansen hat den Generationenwechsel zum Kernthema gemacht. In ihrer Strategie zum Generationenwechsel schlug die Kommission im Herbst 2025 umfangreiche Maßnahmen vor, um Junglandwirt*innen den Einstieg in die Landwirtschaft zu erleichtern oder ermöglichen. Es ist bekannt, dass die Landwirtschaft vor einem massiven Generationsproblem steht, und wir brauchen junge Landwirt*innen.

"Es mangelt an verfügbarem Land"

Zu den Hauptbarrieren für den Einstieg in die Landwirtschaft gehören fehlender Zugang zu Kapital, niedrige Renditen und fehlender Zugang zu Land. Hohe Kapitalintensität und deshalb hoher Finanzbedarf bei niedriger Rendite: In Deutschland benötigen Gründende im Schnitt 800.000 Euro, exklusive Land, zur Schaffung eines landwirtschaftlichen Arbeitsplatzes. Niedrige Erzeuger*innenpreise erhöhen zudem das Investitionsrisiko und erschweren kreditfinanzierte Gründungen. Kurz: Hoch verschuldet nicht von der eigenen Arbeit leben zu können, macht unseren Beruf für junge Menschen sehr unattraktiv.
Es mangelt an verfügbarem Land, was eine Gründung in noch weitere Ferne rücken lässt. Die Kauf- und Pachtpreise verlassen zielsicher das Niveau, welches mit landwirtschaftlicher Produktion erreichbar ist. In Deutschland haben sich die Kauf- und Pachtpreise drastisch erhöht. Lag der durchschnittliche Pachtpreis 2003 noch bei 174 Euro/ha, betrug er 2023 bereits 357 Euro/ha.

"Ursachen sind Nutzungskonflikte und Flächenkonkurrenz."

Durch die weltweit steigende Nachfrage nach Lebensmitteln, Energieproduktion auf der Fläche, Tierhaltung, aber auch Naturschutzmaßnahmen (Moorwiedervernässung, Ausgleichsmaßnahmen) steigt der Wert von Boden. Und: Seit der Finanzkrise ist Boden nicht mehr primär Produktionsstätte, sondern wird international als sicheres Anlageobjekt und Finanzprodukt gehandelt. Zur Attraktivität für außerlandwirtschaftliche Investor*innen tragen auch die flächengebundenen Direktzahlungen in der GAP bei. In Deutschland findet 60 Prozent der Landwirtschaft auf Pachtflächen statt; gerade Junglandwirt*innen gründen häufig auf Pachtflächen. Es ist gang und gäbe, dass die Direktzahlungen an die Landbesitzenden weitergereicht oder in die Pachtpreise einkalkuliert werden, das treibt indirekt ebenfalls die Pachtpreise in die Höhe.
Auch diese Einstiegsbarrieren hat die EU-Kommission in ihrem Strategiepapier identifiziert: „Transfer of land is at the heart of generational renewal“ („Übertragung von Land ist zentral für den Generationenwechsel“). Die Vorschläge beinhalten eine Beobachtungsstelle („Land Observatory“), die Transparenz hinsichtlich Besitzverhältnissen sowie Kauf- und Pachtpreisen herstellen soll. Auch die Regulierung von Landgrabbing findet Eingang die Strategie. Aber: Wird die EU den Mut haben, geeignete Maßnahmen zu ergreifen, um Junglandwirt*innen Zugang zu Land zu ermöglichen?

"Es ist höchste Zeit, den stark aus dem Ruder gelaufenen Bodenmarkt zu reformieren"

Der Strategische Dialog und viele Verbände haben sehr gute Vorschläge geliefert, jetzt liegt es an den Agrarminister*innen der EU-Mitgliedsstaaten, diese in die Ausgestaltung der GAP mit einzubringen und umzusetzen und ihren Aufgaben nachzukommen: Regionen zu gestalten, Landwirtschaft zukunftsfähig zu machen und junge Landwirt*innen ins Boot zu holen.
Boden lässt sich nicht vermehren. Es ist höchste Zeit, den stark aus dem Ruder gelaufenen Bodenmarkt zu reformieren, Gesetze und Regelungen so zu verankern, dass Boden als gesellschaftliche Lebensgrundlage keinen Spekulationen mehr ausgesetzt ist.