Glyphosat muss erneut geprüft werden

Bayer steht weiterhin in der Kritik wegen seines Totalherbizids Glyphosat. Mit der über 60 Milliarden Dollar teuren Übernahme des Saatgutriesen Monsanto 2018 hatten sich Bayer auch zahlreiche Klagen in den USA aufgehalst wegen möglicher Krebsrisiken von Glyphosat. Aktuell gab es unabhängig voneinander zwei wichtige Gerichtsentscheidungen zu Glyphosat in den USA.

Behördenanalyse der EPA „fehlerhaft“

Ein Berufungsgericht in San Francisco hat die US-Umweltschutzbehörde EPA (Environmental Protection Agency) am 17. Juni 2022 angewiesen, die Gesundheitsrisiken von Glyphosat erneut zu überprüfen. Die drei Richter erklärten am Freitag einstimmig, es müsse erneut untersucht werden, ob der Wirkstoff in dem Bayer-Herbizid Roundup ein unangemessenes Risiko für Mensch und Umwelt darstelle.

Die US-Umweltschutzbehörde hatte Glyphosat 2020 überprüft und kam zu dem Schluss, dass es bei korrektem Gebrauch kein Gesundheitsrisiko für Menschen darstelle. Dagegen hatten 2020 zwei Nichtregierungsorganisationen, der Natural Resources Defense Council (NRDC) und das Pesticid Aktions Netzwerk Klage eingereicht und der EPA vorgeworfen, keine ausreichende Prüfung einer etwaigen krebserregenden Wirkung und möglichen Bedrohung für gefährdete Arten vorgenommen zu haben, sondern die Zulassung für Glyphosat durchgewunken zu haben.

Die Richter störten sich besonders an der Begründung der EPA. Die zugrundeliegende Analyse sei „fehlerhaft“ und die Bewertung „zweifelhaft“ und stehe teilweise nicht im Einklang mit den Leitlinien der Behörde. Die klagende Umweltorganisation NRDC kommentierte, dass die EPA sich über Jahre weigerte, etwas gegen die gefährlichen Folgen dieses Pestizids für Menschen und die Umwelt zu unternehmen. Das Gericht habe nun klargemacht, dass es so nicht weitergehen könne. Eine EPA-Sprecherin kündigte an, die Behörde werde dem Urteil Folge leisten.

Juristische Großbaustelle

Mit der milliardenschweren Übernahme des Glyphosat-Entwicklers Monsanto in den USA hat sich Bayer eine Klagewelle eingehandelt. Die vielen Verfahren in den USA gegen Bayer stützen sich besonders auf eine Einschätzung der Internationalen Krebsforschungsagentur IARC der Weltgesundheitsorganisation. Sie stufte Monsantos Unkrautvernichter 2015 als „wahrscheinlich krebserregend“ für Menschen ein. Der Pharmakonzern hat inzwischen das Oberste Gericht des Landes angerufen. Die Vorwürfe gegen das Herbizid hat Bayer stets zurückgewiesen. Um die Klagewelle vom Tisch zu bekommen, hatte Bayer im Sommer 2020 einen Vergleichsplan über 11,6 Milliarden Dollar bekanntgegeben. Zuletzt standen noch für rund 31.000 der insgesamt 138.000 eingereichten und drohenden Klagen Einigungen aus.

Parallel zur EPA-Entscheidung hat Bayer im US-Bundesstaat Oregon eine Glyphosat-Klage gewonnen. Ein Geschworenengericht urteilte einstimmig zugunsten von Bayer. Die Jury befand, dass Glyphosat nicht die Ursache der Krebserkrankung des Klägers Johnson sei. Bayer erklärte am Samstag, man habe großes Mitgefühl für Johnson – blieb aber bei seiner Behauptung, das Roundup sicher verwendet werden könne und nicht krebserregend sei. Bislang hat Bayer drei Prozesse in erster Instanz mit millionenschweren Schadenersatzzahlungen verloren und in allen bisherigen Berufungsverfahren Niederlagen erlitten. In zwei dieser Fälle ist Bayer inzwischen bis vor den US-Supreme Court gezogen. 2021 hatte der Konzern erstmals auch zwei Glyphosat-Fälle gewonnen, Anfang Juni ein drittes Verfahren.

Verlängerte Zulassung in der EU?

Die aktuelle Zulassung von Glyphosat läuft eigentlich am 15. Dezember 2022 aus. Trotz massiver Kritik hatten Bayer und andere Hersteller einen Antrag auf Wiederzulassung gestellt. Im Mai 2022 erklärten die zuständigen EU-Bewertungsbehörden allerdings, dass sie mehr Zeit für das Verfahren benötigen. Das Verfahren verzögert sich voraussichtlich bis weit ins Jahr 2023.