Europäische Unternehmen fordern konsequente Gentechnik-Kennzeichnung

Ein von 376 europäischen Unternehmen aus 16 EU-Ländern unterzeichneter Offener Brief „Lebensmittelwirtschaft für Wahlfreiheit“ ist dem derzeitigen EU-Ratsvorsitzender für Landwirtschaft und Fischerei, Ungarns Landwirtschaftsminister Dr. István Nagy, übergeben und auch an die anderen EU-Agrarratsmitglieder geschickt worden. Unter den Unterzeichnern sind so renommierte Branchengrößen wie die REWE Group, der drittgrößte Lebensmittelhändler der EU, das führende Handelsunternehmen in Österreich, SPAR Österreich, Europas größter Drogeriemarkt, dm-drogerie markt und die weltweit größte Biosupermarktkette Biocoop. Europaweit sehen sich Unternehmen durch die Pläne der EU-Kommission zur Deregulierung der sogenannten neuen Gentechnik (NGT) in ihrer unternehmerischen Freiheit bedroht. Deshalb appellieren sie an den EU-Agrarrat, sich für Transparenz, Wahlfreiheit und faire Wettbewerbsbedingungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette einzusetzen.

Stellvertretend für die unterzeichnenden Unternehmen übergab Gunther Weiss, Leiter Qualitätsmanagement bei Alnatura den Offenen Brief persönlich an den Minister. Im Gespräch konnten Weiss und Alexander Hissting, Geschäftsführer vom Verband Lebensmittel ohne Gentechnik (VLOG) die Anliegen der Unternehmensinitiative vermitteln. Minister Nagy habe den Offenen Brief sehr positiv aufgenommen, sich bei der Übergabe und im anschließenden Gespräch für die Initiative bedankt und sich bereit gezeigt, die Anliegen der Unternehmen zu unterstützen. Er könne die Bedenken nachvollziehen und stehe voll und ganz hinter den Forderungen. Parallel wurde der Brief an die weiteren EU-Agrarminister:innen versandt.

Forderungen: Kennzeichnung, Rückverfolgbarkeit, Koexistenz- und Haftungsregeln

Die unterzeichnenden Unternehmen begrüßen die vom EU-Parlament geforderte Kennzeichnungspflicht und Rückverfolgbarkeit für alle mit NGT hergestellten Produkte und fordern den EU-Agrarministerrat auf, sich dieser Position anzuschließen. Um weiterhin „Ohne Gentechnik“ produzieren und Wahlfreiheit gewährleisten zu können sowie einen fairen Wettbewerb in der europäischen Lebensmittelbranche zu sichern, seien jedoch zusätzliche weitreichende Maßnahmen notwendig. Die Unterzeichner:innen verlangen neben der Pflicht zur Kennzeichnung und Rückverfolgbarkeit auch verlässliche Nachweismethoden, EU-weit verbindliche, national und regional angepasste Koexistenz-Maßnahmen, Haftungsregeln gemäß dem Verursacherprinzip und einen Entschädigungsfonds für unvermeidbare Kontaminationen.

Der Zeitpunkt für den Offenen Brief ist günstig. Die EU-Agrarminister:innen konnten sich bisher auf keine gemeinsame Position zu den Deregulierungsplänen der EU-Kommission einigen. Erst wenn dies geschehen ist, kann der für ein EU-Gesetzgebungsverfahren notwendige Trilog beginnen.

Stellvertretend für alle Unterzeichnenden erklärt Heinz Kaiser, Schwarzwaldmilch, Geschäftsleitung Landwirtschaft/Produktion/Logistik: „Als mittelständische Molkerei setzen wir zusammen mit unseren über 800 Milchbauern seit Jahrzehnten auf Gentechnikfreiheit unserer Produktpalette. Die Deregulierungspläne der EU-Kommission sind existenzbedrohend, weil sie die Koexistenz der Produktionssysteme „mit und ohne Gentechnik“ aufs Spiel setzen. Wir brauchen verbindliche nationale sowie regional angepasste Koexistenz-Maßnahmen für einen fairen Wettbewerb.“

Und Kerstin Erbe, dm-drogeriemarkt, Geschäftsführerin Produktmanagement und ökologische Nachhaltigkeit, sagt: „Wir verpflichten uns aufgrund unserer Unternehmenskultur, den Menschen in Deutschland und weiteren 13 europäischen Staaten, in denen wir dm-Märkte betreiben, natürliche und gesunde Produkte sowie umfassende und eindeutige Informationen zu diesen Produkten anzubieten. Bürgerinnen und Bürger müssen sich so vollständig wie möglich darüber informieren können, was sie konsumieren.“

Die Wahlfreiheit für die Kunden betont Prof. Dr. Götz E. Rehn, Alnatura, Gründer und Geschäftsführer: „Auch für die neue Gentechnik gilt: Kunden wollen frei wählen können, ob sie diese Technik auf dem Teller haben wollen oder nicht. Dafür braucht es klare Regeln zur Koexistenz in der Landwirtschaft, eine lückenlose Transparenz und die Deklaration auf allen Produkten.“

Und Fréderic Faure, Biocoop, Vizepräsident, äußert: „Seit der Einführung von Gentechnik ist Biocoop gegen diese Technologie und die daraus entstehenden Produkte. Unsere Standards verbieten allen Lieferanten GVO zu nutzen. Biocoop sieht eine Reihe von Gefahren der „alten“ Gentechnik (GVO) und der „neuen" Gentechnik (NGT): Darunter die Patentierbarkeit, eine zusätzliche Abhängigkeit der Landwirte von der Saatgut- und Pestizidindustrie, die Auskreuzung in die Umwelt und dadurch negative Auswirkungen auf die Biodiversität. Wir fordern NGT-Regelungen der EU, die das Leben schützen.“

11.09.2024
Von: FebL/PM

Ungarns Landwirtschaftsminister und derzeitiger EU-Ratsvorsitzender für Landwirtschaft und Fischerei, Dr. István Nagy (r) nimmt den Offenen Brief von Gunther Weiss (l), Bereichsverantwortlicher Qualitätsmanagement, Alnatura GmbH entgegen. Foto: Csaba Pelsőczy