Eier gesucht – Lieferketten gestört – Geflügelpest weitet sich aus

Marktbeobachtungen von Hugo Gödde +++ „Wir brauchen Eier“ – dieser legendäre Ausruf des Torwarttitanen Oliver Kahn nach einer Niederlage seines Bayern München hat – wer hätte das gedacht – ca. 20 Jahre später ein riesiges Echo gefunden. Aus vielen Teilen Europas (auch aus den USA) schallen die Rufe nach dem wertvollen Gut. Seit Weihnachten und erst recht im Vorfeld des Osterfestes herrscht auf dem Eiermarkt eine ungebremste Nachfrage.

Der außergewöhnliche Konsumbedarf hält die Lieferketten vom Erzeuger über die Packstellen bis zum Ladenregal unter Druck. Einzelne leere Verkaufsstellen treiben eine zusätzliche Versorgungsunruhe an, obwohl alle Fachleute beteuern, dass eigentlich ausreichend Ware zur Verfügung steht. Aber da niemand zu kurz kommen will, steigen die Anfragen an den Großhandel. Ursprüngliche Planungen sind kaum noch einzuhalten. Die angespannte Situation ist für die gesamte Lieferkette ein echtes Problem – wenn auch oft ein erfreuliches. Und die gilt für alle Haltungsformen, seit längerem auch für Bio-Eier. Inzwischen zieht der Eierpreis verstärkt an. Aldi fordert seit Anfang des Jahres 2,49 €/10er Packung Bodenhaltung – nach 1,99 € im Dezember. Der Spotmarkt spielt verrückt, freie Ware ist kaum verfügbar oder bezahlbar.

Lieferketten umkämpft

Um die vertraglich vereinbarten Mengen an den Einzelhandel liefern zu können, werden sogar Waren zu deutlich erhöhten Preisen aus Verträgen herausgekauft. Wer nicht ausreichend Ware vertraglich abgesichert hat, ist jetzt der Dumme. Der Einzelhandel besteht auf Lieferfähigkeit und winkt schon mit Regressstrafen. Lieferfähigkeit ist teils wichtiger als der Preis. Großhändler und Packstellen, die Knotenpunkte des Marktes, werden untereinander immer aggressiver. Das geht schon über einen Konkurrenzkampf hinaus, beklagt sich ein Leiter einer großen Packstelle im „Wochenblatt Westfalen-Lippe“. Auslaufende Verträge von Legehennenhaltern, die teils bis zehn Jahre dauern, sind hart umkämpft. Einzelne Wettbewerber versuchen sogar, Hühnerhalter aus laufenden Verträgen zu kaufen und planen Vertragsstrafen mit ein. Man spricht in der Branche von „feindlichen Übernahmen“. Experten gehen davon aus, dass der Eierbedarf noch längere Zeit hoch bleibt.

Vielfältige Ursachen

Über die Ursachen und Hintergründe wird branchenweit viel gerätselt. Manche sprechen von Sondereinflüssen oder von einer herbeigeredeten Eigendynamik, weil keiner zu kurz kommen will. Tatsächlich ergänzen sich mehrere Faktoren:

  • vielfältige Bestandsräumungen infolge der Vogelgrippe,
  • damit verbundene behördliche Anordnungen für Restriktions- und Vorbeugemaßnahmen,
  • Probleme der Logistik, wenn klassische Lieferketten unterbrochen sind,
  • knappe beziehungsweise geringe Warenvorräte bei Verarbeitungsbetrieben,
  • die bevorstehende Ostersaison mit zusätzlichem Bedarf an gekochten und gefärbten Eiern,
  • eine zweistellige prozentuale Bestandsreduzierung von Legehennen und große Lieferprobleme im Nachbarland Niederlande, unserem größten Importeur (Selbstversorgungsrate hier ca. 65%)
  • die üblichen, umfangreichen und langfristig geplanten Herdenwechsel zum Jahresanfang.

Vogelgrippe als Produktionsfaktor

In den letzten Jahren führen immer häufiger Seuchen zu Produktionsänderungen. Besonders die Geflügelpest (Aviäre Influenza, H5N1) ist in vielen europäischen Ländern (auch in Asien, Afrika) nachgewiesen worden und hat enorme Lücken in die Erzeugung geschlagen.   Sie grassiert seit Herbst/Winter 2025/2026 in allen Bundesländern. Auch in den letzten zwei Wochen wurden wieder zahlreiche Ausbrüche vom Friedrich-Löffler-Institut (FLI) bestätigt und fast jeder Fall beinhaltet eine Anordnung von zigtausenden Tötungen. Insgesamt wird von bisher fast zwei Mio. getöteten Nutztieren gesprochen. Am ärgsten betroffen waren Putenhaltungen und regional der Kreis Cloppenburg. Laut dem FLI gab es seit dem ersten Fall am 15. Oktober 2025 in Niedersachsen bis heute ca. 100 Fälle von Vogelgrippe in Geflügelhaltungen, davon 17 Enten- und Gänsebestände, 13 Legehennen- und 59 Putenbetriebe. Vorsorglich hatte der Landkreis infolge der zahlreichen Fälle von Geflügelpest ein Wiedereinstallungsverbot in besonders betroffenen Gemeinden erlassen. Dieses ist Ende des vergangenen Jahres ausgelaufen.

Tötungen bundesweit

Einzelne Infektionsfälle der letzten Zeit zeigen beispielhaft die Größenordnung der angeordneten Tötungen:

  • Landkreis Rottenburg (Niedersachsen) 13.000 Puten
  • Kreis Meschede (NRW) 22.000 Putenhähne
  • Landkreis Meißen (Sachsen) 310.000 Legehennen; Die Geschäftsführerin der Tierbeseitigungsanlage Sachsen nannte den aktuellen Vogelgrippe-Fall den "größten Seuchenfall Sachsens seit über 20 Jahren." 
  • Landkreis Havelland (Brandenburg) 26.500 Legehennen
  • Im Jerichower Land (Sachsen-Anhalt) 30.000 Hühner
  • Landkreis Ludwigslust/ Parchim 23.000 Puten
  • Rügen (MeckPom) 33.000 Puten
  • In Mecklenburg-Vorpommern waren im Herbst insgesamt rund 280.000 Stück gehaltenes Geflügel von der Geflügelpest betroffen. 
  • Salzwedel (Sachsen-Anhalt) 19.000 Puten
  • Im Kreis Kleve (Niederrhein) 18.000 Putenhähne und 14.000 Hähnchen, ein Fall mit 100.000 Hähnchen, ein weiterer mit 36.000 Puten.

Präsident Trump und die Eierfrage

Die USA wird seit drei Jahren von der Epidemie in Atem gehalten. Wegen der hohen Preise musste sich sogar Präsident Trump mehrfach erklären. Zuletzt waren nach Angaben des US-Landwirtschaftsministerium u.a. eine Legehennenfarm in Pennsylvania mit 1,5 Mio. Legehennen und eine Farm in Colorado mit 1,3 Mio. Legehennen betroffen. Die wirtschaftlichen Schäden in der Eierproduktion sind enorm, aber auch Masthähnchen und Puten erlitten massive Verluste. In den ersten Monaten 2025 wurden über 170 Mio. Hühner, Puten und Enten gekeult. Für nicht wenige Amerikaner sind die Eier ein Symbol für die Inflationssteigerung, die dem Präsidenten in Umfragen schwer zusetzt.

Aus den USA kommen weitere beunruhigende Meldungen. Seit zwei Jahren breitet sich der Virus H5N1 bei Milchkühen aus. Mehrere tausend Herden in vielen US-Bundesstaaten sind infiziert, heißt es. Bisher besteht in Deutschland wegen des besseren Veterinärsystems keine akute Gefahr, beeilt sich das FLI zu betonen. Aber die Übertragung sei auch nicht überraschend.

Der Marktbeobachter betrachtet mit Sorge, dass Tierseuchen eine immer größere Rolle für den Markt und besonders für Markteinbrüche spielen. Sie teilen die Welt in Gewinner und Verlierer. Die Blauzunge bei den Kühen, die ASP bei Schweinen oder die Vogelgrippe greifen zunehmend in Mengen und Preise ein, siehe aktuelles Milchpreisroulette und Eier-, Hähnchen- und Putenpreise. Ein Auftreten der ASP in deutschen Schweinehochburgen würde eine ganze Branche in Panik versetzen. Die fachlichen und politischen Lösungen (Impfen, Regionalisierungen) kommen bisher über Ansätze kaum hinaus. Und Versicherungen helfen, aber kaum bei großen Ausbrüchen. Die Erhöhung der einzelbetrieblichen Biosicherheitsmaßnahmen gilt als probates Mittel. Sie sind wichtig, aber angesichts der weltweiten Handelsströme oft mit überschaubaren Ergebnissen.